Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Gedanken zum jetzigen Problem
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 23 (sequence 1)
- Language
- German
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Alfons Paquet: Gedanken zum jetzigen Problem 23 GEDANKEN ZUM JETZIGEN PROBLEM Es vermag doch wohl nur der Jude über den Juden zu urteilen. Wer vollends vermöchte die jüdische Seele zu durchschauen? Nur aus dem Munde eines europäisch gebildeten Armeniers, der zugleich ein katholischer Theologe war, habe ich einmal ein Urteil über die Juden gehört, das mich beinahe umwarf. Wie haben sich die europäischen Völker, so weit wir zurückdenken können, an der jüdischen Seele gerieben, und es ist ihnen nicht gelungen, bis zur Klarheit vorzudringen. Nur wenige Leute wollten aber auch bisher wie Forscher ihr Leben auf nichts anderes als auf die Erwerbung des Wissens vom Judentum verwenden, ein faustisches Leben in allen vier Fakultäten mit keinem andern Ziel, als zu einem letzten Schluß zu gelangen. Und welcher Mensch, der nicht Jude war oder Jude wurde, folgte jemals dem Ablauf des jüdischen Menschenlebens in seinen Sünden, seinen Gebeten, seinen Jahresfesten, so wie ein Freund sich niederbeugt zur Pflanze, die den ganzen Kreislauf des Alls in ihrem Schein zusammenfaßt? Wehigen ist es gegeben, auch nur hineinzuschauen in das verschlossene Gefäß. Denn in einer schwer zugänglichen Literatur, in einer esoterischen Überlieferung und Sittenübung, die wenigstens denen unter den Juden gemeinsam ist, die als Kerntruppe ihres überall heimisch gewordenen Volkes gelten und sich um die Synagoge scharen, ruhen die Kräfte des jüdischen Weltgefühls und der wirklichen Einheit des Jüdischen. Wir andern sind auch vielleicht noch durch die christliche Ähnlichkeit gegen das Spezifische am Judentum farbenblind gemacht, vielleicht ganz blind. Die Art des Gottesglaubens scheint dieselbe zu sein wie die unsere, vielleicht wenigstens ist sie im letzten Grund dieselbe wie die der Scholastik; aber auf wie lange noch? Und selbst eine vorübergehende, oder vorübergegangene Einheit rund anerkennen, könnte ein Mißverständnis bedeuten. * Von den 14 Millionen Juden, die es gibt, wird behauptet, daß fast 13 von ihnen der deutschen Sprache mächtig sind, viele sogar als ihrer Muttersprache, wenn auch teilweise einer entstellten, unweltlich gewordenen deutschen Sprache. Daraus folgt freilich eine mehr als zufällige Beziehung des Jüdischen zum Deutschen, die zu denken gibt, und wäre sie vor der Geschichte noch so sehr eine zeitliche Erscheinung. So viel jüdisches Denken geht über deutsche Zunge! Wird das jemals möglich sein: auch deutsches Denken über jüdische Zunge? Das ist nur ganz von fern zu erwarten, und eigentlich kaum. Wir Deutschen stehen nämlich in der Kenntnis der Juden nicht höher als die andern Nationen, unter denen Juden ihren eigenen Gebräuchen nachleben, sollten darin freilich etwas weiter sein als die andern, denn die Juden gehen uns offenbar mehr an. Wenn wir zum Beispiel verstehen wollen, was östlich ist, so sollten wir bei den Juden längst einen bescheidenen Anfang gemacht haben. Wir sind dagegen den Juden wahrhaftig kein Geheimnis! Denn sie betrachten es offenbar als eine ihrer ersten Aufgaben und nützlichsten Gewinne, die Seelen der Völker, unter denen sie sich aufhalten, zu ergründen. Wahrscheinlich wird die Zahl der Deutsch sprechenden und verstehenden Juden in der nächsten Generation abnehmen. Vielleicht hat diese Abnahme schon begonnen, seit so viele Ausgewanderte sich auf englischem und spanischem Sprachgebiet befinden. Kleine Gewinne, die wir etwa im Osten Europas und im vorderen Asien