Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Gedanken zum jetzigen Problem
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 25 (sequence 3)
- Language
- German
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Moses Calvary: Jiddisch 25 wird auch ein Volk seine Wurzeln tiefer treiben müssen; ein Volk von durchaus orientalischer Affinität wird sie nur in einer orientalischen Zukunft finden können, zumal ja auch die nächste Zukunft Europas nicht amerikanistisch, sondern orientalistisch sein wird. * Was mich angeht, so bin ich freimütig genug, zu sagen, daß mir unter den Juden die Orthodoxen und die Zionisten die liebsten sind, daß sie mich als Deutschen und Christen dem Judentum überhaupt verbinden. Mich stört es nicht, daß zwischen diesen beiden Typen Gegensätze bis zur Unversöhnlichkeit bestehen, auch daß der Begriff dieser Typen keineswegs einfach zu umschreiben ist. Ich bin nicht unwissend über die inneren Ursachen dieser Gegensätze, finde aber an diesen beiden Typen zunächst das abwesend, oder doch wenigstens ausgeglichen, was mir den Juden in anderen Zusammenhängen nicht liebenswert erscheinen läßt. Hier ist Überzeugimg und Frömmigkeit, begründet und verteidigt durch vorgedachtes und ererbtes Denken, durch Gescheitheit und Witz der Lebenden, durch ein ganz eigentümliches Kriegertum für ein geistiges Reich. Die Kraft eines zehntausendfach verteilten und in Interessen zerstreuten Volkes richtet sich auf in den mit dem Stern geschmückten Tempeln und in den neuen Versammlungen im Namen Zion. Bis zu diesen beiden Versammlungen dringen selbst die Herren des Goldes und des bedruckten Papieres nur als Dienende, und dieses Sichere möge bleiben, solange alles andere fragwürdig ist. Oberursel im Taunus Alfons Paquet JIDDISCH Eine der wichtigsten Fragen für die zukünftige Gestaltung der ostjüdischen Lebensverhältnisse ist die Frage der Schulsprache. Um das Jiddisch in der. Schule haben die Kämpfe schon begonnen. Herr Professor Philippson wünscht an seine Stelle dal Polnische, unter anderm deswegen, weil es naturgegeben sei, daß die Juden sich an die Kultur ihres Wirtsvolks anlehnen. Es ist fast schmerzlich, zu sehen, wie ein von zweifellos guten Absichten beseelter Mann, ein Mann, der geschichtliche Bücher schreibt, das Wesen des Judentums als Bewegung so völlig verkennen kann, wie er ein freilich unabänderliches Geschick unseres Volkes zu einem Ideal, einer Forderung erhebt. Begreiflicher, begreiflich wenigstens für den, der sich über die Seele des deutschen Juden und sein Verfallensein an Motive der Zweckmäßigkeit keine Illusionen macht, ist die Meinung eines jüdischen Wochenblattes: „Man mag den Kulturwert der jiddischen Sprache noch so hoch anschlagen, eine westeuropäische Verkehrssprache ist sie nicht, und für den wirtschaftlichen Aufschwung der ökonomisch sehr ungünstig situierten ostjüdischen Volksmacht ist sie von keiner ausschlaggebenden Bedeutung." Das ist Reinkultur des Nützlichkeitsstandpunkts! Für den wirtschaftlichen Aufschwung der Bulgaren und ihren Anteil an der Weltwirtschaft wäre es auch wahrscheinlich besser, wenn sie ihre Sprache und Poesie zum alten Eisen würfen und dafür deutsch, oder wenigstens türkisch eintauschten; schließlich würde unser Verfasser ihnen vielleicht auch gestatten,