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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 21

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Grenzsperre
Date
1916-04-01
Page
21 (sequence 9)
Language
German
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Grenzsperre 21 dargetan, als ob bei einer Annexion Deutschland automatisch zu einem Gebiet des äußersten Anreizes würde. Wird nun wirklich der bestehende Anreiz sich wesentlich ändern? Daß Auswanderung als eine Massenbewegung eintrete, dazu genügt, wie wir sahen, die Verschlimmerung der Heimatsverhältnisse nicht. Vielmehr muß ein fremdes Gebiet mit einer solch überzeugenden Kraft auf die Wanderungsbereiten wirken, daß diesen die Kosten, die Mühen und das Wagnis der Umsiedelung ertragenswert erscheinen. Bisher tat das mit nie gesehener Gewalt der Norden Amerikas. Dort ist mit dem Entstehen der neuen jüdischen Massensiedlungen etwas Entscheidendes geschehen, das den Rufern gegen die ostjüdische Gefahr im ganzen entging. Der Anlaß zür Überwanderung ins Amerikanische hat sich gewandelt und besitzt heute das Vielfache der Macht, die beim Beginn des großen Auszugs die ersten Hunderttausende hinüberzog. Damals fehlte alles, was seitdem als stärkster und unvergleichlicher Anreiz auf die jüdischen Massen hinzukam: dem Arbeiter die Gewerkschaft, die ihn schützte, —■ dem Händler die Verbindung mit der Landsmannschaft, —- allen die gewohnte mit hebräisch-jiddischer Kultur gesättigte Umgebung und die sozialen Institute, deren manche mit Erfolg heute die Interessen des Auswandernden vertreten, und, ihn vor Ausbeutung schützend, dem Umsiedeln die schlimmsten Härten nehmen. Die junge Millionensiedlung, das Ergebnis der ersten Wanderungsjahrzehnte ist also selbst wirksam geworden und schlägt über das Weltmeer hinüber ihre ungeahnt kräftigen Fangarme in jede östliche Familie, die für Auswanderung überhaupt in Betracht kommt. Der Hauptstrom der ostjüdischen Emigration ist auf solche Weise für die kommenden Jahrzehnte festgelegt, und nur auf ihn kommt es in diesem Betracht an. Er geht in der Richtung der Familienzusammengehörigkeit der Pioniere und der im Osten Verbliebenen, und wird seinen Charakter als sukzessive Sippenübersiedlung niemals verlieren. Dies besagt aber, daß die Willensleistung, die der heutige Emigrant aufbringen muß (auch wenn er nicht sogar das Geld dazu aus Amerika erhält) in keinem Verhältnis steht zu der, die von den Pionieren erfordert wurde, und die der Pionier einer neuen Massenwanderung in übersetztes deutsches Gebiet bezwingen müßte. Es ist darum ganz ausgeschlossen, daß ein geöffnetes Deutschland den wanderungsbereiten östlichen Massen jemals einen ähnlich wirkenden und wirksamen Anreiz gewähren kann. Den östlichen Juden fehlt hierzulande das stark anziehende, zusammenhängende Zentrum, als das etwa auf die polnische Emigration das Posensche und Schlesische Nachbarland und die slawisch gewordenen Striche Westdeutschlands wirken. Es nutzt aber auch die weitere willkürliche Annahme wenig, womit die Grenzsperrer (nicht Paphnutius) ihren Ruf wirksam zu machen versuchen, indem sie von Amerika und den andern wirklichen Anziehungszentren wie von bereits gesperrten Ländern reden. Wer sagt denn, daß in dem unmöglichen Fall einer solchen Maßnahme die Auswanderung die gleiche bliebe, wie bisher? Die Grenzsperrer tun es. Sie stellen es auf der als falsch erwiesenen Grundlage so dar, als sei die ostjüdische Emigration nicht eine bedingte, sondern eine Tatsache, in jedem Fall erfolgend, und vor sich gehend wahllos und ohne beherrschende innere Kräfte; — als könne Deutschland jenen Massen günstigere Aussichten bieten, als das reiche und der völligen Erschließung erst entgegengehende Polen. Betrachtet man dann näher, wie sie den Vorgang der östlichen Überschwemmung darstellen, so erkennt man noch deutlicher, wie willkürlich und abstrakt sie das Gespenst der Ostjudengefahr ausstaffierten. Fritz tut das (S. 43) in der gewohnten agitatorischen Weise:

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