Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Grenzsperre
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 22 (sequence 10)
- Language
- German
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22 Fritz Mordechai Kaufmann: Grenzsperre „Es handelt sich bei der Ostjudenfrage um die Aufnahme und Einschmelzung ... rassefremder, verjudeter Mongolen, deren Massenaufnahme den Gesamtcharakter des deutschen Volkes einseitig und nachteilig beeinflussen, durch ihre geringen Lebensansprüche die wirtschaftliche Lage des unteren Mittelstandes herabdrücken, durch ihre Ausbreitung über das flache Land den kaum erlösten Bauernstand von neuem erschüttern ... würde.** Paphnutius, auch hier der gedankenreichere, vermag die Entwicklung nicht so plump und den eigenen Wünschen nach hinzustellen. Er unterscheidet ein Vorstadium und die spätere Bedrohung: „Zunächst werden die Juden (in unserm künftigen östlichen Nachbarstaat) hauptsächlich auf den Gebieten vordringen, auf denen sie sich schon jetzt betätigen, und dabei die Städte, in denen sie bis jetzt festgehalten sind, verlassen. Sie werden sich als Zwischenhändler, Gastwirte, Agenten über das flache Land verbreiten, und diese Erwerbsmöglichkeiten unter scharfer gegenseitiger Konkurrenz fruchtbar zu machen suchen. Von der gewonnenen wirtschaftlichen Basis aus werden die Juden dann in alle Zweige des Erwerbslebens und in alle höheren Berufe eindringen. Die durch das Vordringen der Juden geschädigten Schichten werden mit einer hitzigen antisemitischen Agitation antworten, die zu schweren und gehässigen Kämpfen führt und nur zu leicht eine neue Beschränkung und Bedrückung der Juden, zum mindesten aber wirtschaftliche Abwehrmaßregeln, Selbsthilfe und Boykott zur Folge haben wird.*) Auch v/ir werden in diese Entwicklung hineingezogen werden." (Es folgen die S. 19 angeführten Sätze.) Dies aber ist das denkbar unwirklichste Bild, das von den Richtungen der jüdischen Binnenwanderung entworfen werden kann. Erinnern wir nur an das leicht zugängliche Beispiel Galizien. Dort ist doch seit Jahrzehnten das rechtlicher Zustand, was im Fall der Annexion für die rußländischen Gebiete erwartet wird. Und selbst in diesem wenig industrialisierten und rückständigen Galizien ist der Vorgang der umgekehrte: eine gewaltige Verschiebung der jüdischen Siedlung, — eine Abwanderung vom Lande her, und eine Zusammenballung in den Städten trat ein. (Die genauen Zahlen findet man im Jahrgang 1914 der Freistatt, S. 622 f.) Von der Richtung und den treibenden Kräften der jüdischen Binnenwanderung in Rußland war hier in ausführlicher Darstellung bereits die Rede. An denen haben die deutschen Judäologen ja im ganzen vorbeigesehen. Es ist ihr bedeutungsvoller Irrtum, wenn sie das, was die Abwanderung vom Lande und den doch offen bleibenden kleinen Städten (!) erzwang, von den Aufenthaltsbeschränkungen abhängig glauben, die den lange vor 1882 erfolgenden Vorgang doch nur verschärft haben. Was hiernach von dem Gerede einer Ostjudengefahr als möglicher Tatsachenkern verbleibt, ist zu gering und nebensächlich, als daß es hier weiter auf seine Bedeutung untersucht zu werden braucht. Unserer Absicht ist genügt. An einem leicht überschaubaren Ablauf unseres äußeren Volkseins hat sich erwiesen, wie ungerüstet nichtjüdische und westjüdische Öffentlichkeit dem jüdischen Volksproblem gegenüberstehen. Wie aber wollen sie in die Ankerplätze unseres innern Schicksals hineinfinden? Noch haftet selbst der wohlwollende Nichtjude am äußerlichsten Schlagwort, und wenn er aus der Fülle unserer nationalen Willensäußerung die ihm faßlichste zionistische wahrnahm, dünkt er sich wie einer, der den Schlüssel fand. Uns aber scheint, es wurde Zeit, daß hier das europäische Denken in die Tiefe bohre. Frankfurt a. 0. Fritz Mordechai Kaufmann *) Paphnutius weiß demnach nicht, daß der schlimmste Boykott, eine unerhörte Judenhetze in Polen bereits seit vielen Jahren tobt. Auch nichts von dem bereits geschilderten wirtschaftlichen Vorgang, durch den die Juden vom Land und vielen kleinen Städten verdrängt wurden. Heinze weiß gar von einem judenfreundlichen Galizien, S. 116. Diese Unkenntnis der entscheidenden Geschehnisse und Verhältnisse im Osten entwertet die meisten deutschen Äußerungen zu osteuropäischen Fragen, und nimmt ihnen in der jüdischen alle Giltigkeit.