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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 20

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Grenzsperre
Date
1916-04-01
Page
20 (sequence 8)
Language
German
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20 Fritz Mordechai Kaufmann: Annahme wie ein Faktum in Rechnung gestellt wurde. Der jüdischen Massenwanderung wird flugs und wie aus dem Handgelenk die Zukunft so hingemalt, als verlöre sie den bisherigen beinahe ausschließlich überseeischen Zug und schlüge nach der Annexion mit Sicherheit in eine gänzlich veränderte kontinentale Richtung um. Wie aber stellt sich in der Wirklichkeit und vom Nahen der bedeutsame Vorgang dar, den die deutschen Judäologen bisher nur in seiner ärmlich abstrakten Spiegelung durch die statistische Zahl kennen lernten? Da setzt er sich aus zahllosen und weit voneinander abweichenden Einzelfällen zusammen, die man nicht wie Allerweltsdinge behandeln darf, sondern deren typische Prägung erkannt werden will in der Vielfarbigkeit der Anlässe, in ihrer Verschiedenheit beim proletarischen und bürgerlichen Emigranten, und in ihrer Besonderheit als Sippenwanderung. Solche Kenntnis, bei der alles ankommt auf anschauliche Betrachtung der Verhältnisse eines bunten und absonderlichen Daseins, kann hier nicht übermittelt werden. Uns bleibt trotzdem die Möglichkeit, auf eine mehr übersichtliche, wenngleich schematisierende Art dem Wesen der jüdischen Auswanderung näher zu führen, als die meisten Schriftsteller dazu stehen. Wir gehen dabei von der Beobachtung aus, daß bei dem gewaltigen Vorgang dieser Siedlungsverschiebung von entgegengesetzten Seiten zwei gegensätzliche Anlässe zusammenwirken — einmal die Sachlage im Mutterland, die als Antrieb wirksam ist, und die Anziehungskraft eines fremden Gebiets, die wir als Anreiz bezeichnen wollen. Der Antrieb — das ist die Summe der Mißverhältnisse auf rechtlichem, politischem und wirtschaftlichem Gebiet — schafft erst die zur Emigration erforderliche seelische Geneigtheit, das Stammland zu verlassen. Er entscheidet aber nicht über die Wahl des neuen Landes. Daß aus der Bereitschaft Tat entstehe, und nach einer bestimmten Richtung, dazu ist vielmehr ein genügend starker Anreiz nötig, worunter wir die höhere Summe der Vorteile zusammenfassen, mit denen ein Gebiet gegenüber dem Stammland und vor andern Territorien lockt. Wie stellen sich Antrieb und Anreiz in der weiteren ostjüdischen Entwicklung? Wird der Antrieb zur Auswanderung im Fall der Annexion gleichbleiben, zunehmen oder einschrumpfen? Gewiß hat die Faust dieses Kriegs mit besonderer Wucht auf die ostjüdischen Massen geschmettert. Das besagt aber höchstens, daß vorübergehend die wirtschaftlichen Anlässe zur Emigration steigen können. Die ostjüdische ist aber, im deutlichen Gegensatz zur Saisonarbeiteremigration der Slawen und der Italiener, gar nicht allein von der Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage abhängig. Die bisherige Unerträglichkeit der rechtlichen und politischen Verhältnisse war den Ostjuden in nicht geringerem Grade Anlaß. Man prüfe daraufhin nur das Emporschnellen der Emigrantenziffer in und nach den Pogromjahren, das ohne den besondern Antrieb wirtschaftlicher Krise eingetreten ist In welchem Maß diese zur Auswanderung treibenden bösen Kräfte nach dem Krieg schwinden werden, das ist gewiß davon abhängig, wie deutsche Verwaltung den Juden das Verspreche» der Heerführer einlöst, und weiterhin von dem Geschick und der Einsicht, mit dem sie sich dem zentralen Problem der polnisch-jüdischen Beziehungen nähert. Jedoch, daß jene rechtlich-politischen Mißstände noch in jedem Fall bedeutend abnehmen werden, ist wohl mehr als nur unser Anspruch und unsere Hoffnung. Die Grenzsperrer aber haben nicht nur die Zunahme der Wanderungsbereitschaft bedingungslos und wie ein Faktum hingestellt — außerdem haben sie es so

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