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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 19

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Grenzsperre
Date
1916-04-01
Page
19 (sequence 7)
Language
German
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IRI
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Grenzsperre 19 im Jahr 1897 50 Prozent ausmachen, betragen sie in Nordamerika mehr als 75 Prozent der ostjüdischen Bevölkerung. Was im Stammland unter dem Druck der Verwaltung an gesellschaftlicher und kultureller Ausbreitung gehemmt war, das sproßte dort, trotz den Erschütterungen, die jede koloniale Gesellschaft in ihren Anfängen durchzumachen hat, mächtig auf. * Es geschieht nicht nur, um der Auseinandersetzung die Ernsthaftigkeit zu wahren, wenn wir uns im Folgenden nicht auf die leichtfertigen Erzeugnisse der ausdrücklich Grenzschluß fordernden Literatur beschränken. Denn es dünkt uns, daß der Schrei nach der Grenzsperre nur Nachhall ist, ein grober, hitziger des viel verbreiteteren Gemurmels von der Ostjudengefahr. In diesem Belang, bei dem es sich um das Grundsätzliche handelt, und weniger um die Willkür der Folgerungen, erscheint uns der maßlose Ruf nach Ostjudensperre so wenig grundlegend, wie die besonnenere Forderung etwa des Paphnutius nach Inszenierung und Unterstützung eines massenhaften Auszugs ins Mesopotamische. Vielmehr sind beide in allem abhängig von jener Anschauung, die das ostjüdische Problem im Fall einer Annektion in der Hauptsache nur noch als östliche Gefahr gelten laßt, und folgendermaßen diese hinstellt: „Amerika, Australien, England verschließen sich immer mehr dem ostjüdischen Wanderstrom, der nun unser Vaterland zu überschwemmen droht als eine gelbe Flut zwar anderer, aber nicht minder gefährlicher Art als die mongolische." „Allein es handelt sich bei der Ostjudenfrage nicht um die Aufnahme und Einschmeizung einiger Hundert oder Tausend, sondern um Millionen nicht nur armer, leiblich und sittlich verkümmerter Menschen, sondern rassefremder, verjudeter Mongolen.. (Fritz: Die Ostjudenfrage, S. 39 und S. 43.) Paphnutius, den wir ungern und nur aus Zwang in einem Atem mit diesen grob agitatorischen Sätzen anführen, meint: „Den Juden wird ihr Heimatland, in dem sie sich infolge ihrer Zusammendrängung gegenseitig behindern, bald zu eng sein. Sie werden in Scharen auswandern, aber nicht nach dem wenig entwickelten, vom Kriege ausgesogenen und ihnen wahrscheinlich noch immer verschlossenen Osten, sondern zu uns." (Grenzboten, S. 403.) Hier, in dieser erstaunlichen Mißhandlung des Emigrationsvorgangs erblicken wir, vor andern grundsätzlichen Fehlern, die schadhafte Stelle, die den gedanklichen Bau der Legende von der Ostjudengefahr tragen soll, und deren jetzt erfolgende und nicht allzu schwierige Erschütterung den Unwert der Legende ohne weiteres dartut, ohne überflüssiges Erwägen der Rechtlichkeit oder der Zweckmäßigkeit eines Grenzschlusses. Dem nachdenklich Lesenden wird an den angeführten Sätzen zunächst der beträchtliche Unterschied der Gesinnung und des Ethos auffallen, der des Paphnutius rechtliche Art so nobel und ernsthaft gegenüber der gewalttätigen, die Zusicherungen der deutschen Heerführer mißhandelnden und „dem Tagesstreit dienstbaren" (Paphnutius) Wissenschaft der Grenzsperrer erscheinen läßt. Dann aber wird er mit Erstaunen wahrnehmen, daß hier, wo das Problem, auflodernd zu dem argen Feuer der Ostjudengefahr, sich in seinem Kernteil darstellt, gar kein fester Anhalt ist. Die von uns gesperrten Zeitworte machen es deutlich, daß nicht etwa von bereits eingetretenen Vorgängen geredet wird. Sondern nichts geringeres ist an dieser entscheidenden Stelle geschehen, als daß eine gänzlich willkürliche 2*

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