Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Grenzsperre
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 18 (sequence 6)
- Language
- German
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18 Fritz Mordechai Kaufmann: auch gewerkschaftlich immer straffer zusammenzubinden suchen. Bis in die vorher ganz verschlossenen landwirtschaftlichen Berufe dringt das Volk vor und siedelt unter unerhörten Kämpfen in den Kownoer, Suwalker, bessarabischen, Minsker und Hthauischen Gebieten mehr als 180000 Menschen (nicht Landstellen) als Gärtner, Züchter und Landwirte an. Zum erstenmal, seitdem sie Palästina verließen, ist es wieder die Arbeit der eigenen Hand, die den überwiegenden Massen der Ostjuden das tägliche Brot verschafft. Noch ist der geschilderte Vorgang, der Übertritt von der Vermittlerei zur Gütererzeugung längst nicht zum Abschluß gekommen, und hat doch bereits heute für den völkischen Weiterbestand eine außergewöhnliche Wichtigkeit. Denn, was sich wirtschaftlich als eine ungeheure Umschichtung und Vermehrung der jüdischen Berufe darstellte, das muß man nationalgeographisch als steigende Zusammenballung der jüdischen Siedlung bezeichnen. War in der vorkapitalistischen Zeit die Selbstzerstreuung das erhaltende und Richtung weisende Prinzip des Nationallebens, so ist unter den neuen wirtschaftlichen Bedingungen der Umschlag eingetreten. Die Siedlungen der Ostjuden gruppieren sich in einem weit fassenden Maße um. Es kommt, als Begleiterscheinung der Berufsumschichtung, zu einer massenhaften jüdischen Binnenwanderung, vom flachen Land her in die Städte, und die folgt breiten, festgelegten Bahnen. Ihr Fließen ergießt sich nicht wahllos über das Land, sondern es läßt sich darin eine feste Ordnung erkennen. Deren richtungweisende Kraft steckt in den wandernden Massen selbst. So jung auch hier die Umschichtung zu einem Arbeitervolk ist, die arme jüdische Bevölkerung bringt bestimmten Industrien besondere Fähigkeiten, auch Neigungen und Vorliebe entgegen, und darum üben Städte, in denen solche Industrien ihren Sitz haben, mehr als gewöhnliche Anziehungskraft aus. Sie werden die bevorzugten Mittelpunkte der Überwanderung. Dies aber besagt, daß die Städte und Städtlein mit absoluter jüdischer Mehrheit und die zahlreichen mit bedeutenden Minderheiten sich vervielfachen. Die große Schar der kleinen, vorher der andersnationalen Umgebung wirtschaftlich und kulturell ausgelieferten Gemeinden, die ohnmächtig waren, sich starke und schützende soziale Einrichtungen zu schaffen, rückt in den innern Bereich des Volkslebens und trägt, seine Dichte versteifend, gewaltige neue Kraft dort hinein. Damit werden anwachsende Tausende früher assimilierbarer Händler- und Kleinhandwerkerschichten den Gewalten, die Anpassung gebieterisch erzwingen, und auch dem Handel, der ihr besonders günstig ist, entzogen. Die geschilderte Ausbreitung der Ostjuden verlief aber nicht in den Grenzen der russischen und galizischen Gebiete, — sie griff weit über das Meer in die fernen Erdteile. Über den Schattenseiten dieser flutenden überseeischen Wanderung, die in den großen Schiffen jährlich bis zu 150000 Menschen auf amerikanischen Boden warf, — über den zum Teil elendhaften Anlässen dieser Emigration hat man ganz übersehen, welch festes neues ostjüdisches Volkslager ihr Ergebnis war. In unerhörter Schnelligkeit entstanden dort in den Vereinigten Staaten typische ostjüdische Niederlassungen von nie gesehener Dichte. Die Grundzüge ihrer wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bildung sind die gleichen, wie die oben geschilderten. Während in der rußländisch-jüdischen Bevölkerung die arbeitenden Elemente in der Fabrikation, im Handwerk, in den agrarischen und andern Berufen bereits