Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Grenzsperre
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 17 (sequence 5)
- Language
- German
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Grenzsperre 17 leiter gleichbedeutend ist, stellt sie dem Hungertum der Juden des Ostens das Gegenteil dar: Verbreiterung des Wirtschaftslebens, Erkämpfen lohnenderer Erwerbszweige, kurz, ökonomischen Aufstieg. Die wimmelnde Schar hungernder und von der Hand in den Mund lebender Luftmenschen, die bis dahin auf der jüdischen Gasse lastete, schrumpft rasch ein.*) Was dem jüdischen Westen niemals beschieden war, weil ihm das Massenhafte und die der Zeit trotzenden, klaftertiefen Grundquadern abgingen, das geschah hier. Der vordem fast einheitliche und nur eine enge wirtschaftliche Tätigkeit: Händlertum aufweisende, starre Zug der jüdischen Wirtschaft wird gänzlich und an vielen Stellen durchbrochen. Sie erhält ein mehr ausdrucksvolles, lebendigeres und sehr viel blutvolleres Gesicht, und plötzlich sind um das Jahr 1880 die neuen Klassen geboren, die fortan der ostjüdischen Entwicklung ihre aufsteigende Richtung und Besonderheit verleihen. Noch ist jene Schicht vertreten, die für die Westjuden ausschließlich typisch ist, die Händler- und Kaufmannschaft. Doch der Auszug der zahlreichen Kümmerlinge wirkte befreiend; die Händlerschaft schied sich in ein machtvolles Großhändlertum und in die sich bald gut organisierende mittlere Kaufmannschaft. Hier vermag der andersnationale Mittelstand den Juden kaum gefährlich zu werden. In den großen und mittleren Städten, wo der Hauptbereich ihrer Tätigkeit ist, trägt der Handel einen verschlungenem Charakter als auf dem Land. Er verlangt vielseitige Kenntnisse, Regsamkeit und klugen Sinn, über die der jüdische Mittelstand wie über eine natürliche Mitgift verfügt. Außerdem ist hier die Beziehung zwischen Kaufmann und Verbraucher sehr viel unpersönlicher, sachlicher; sie macht eine Anwendung antisemitischer Losungen beinahe wirkungslos. So kam es, daß diesen Gebieten des jüdischen Handels die unerhört wütige Boykotthetze, die noch bis in den Krieg im Polnischen anhält, keine erhebliche Einbuße tat und dem polnischen Element nicht die erwünschte Beute brachte. Im Gegenteil, der jüdische Mittelstand begann, sich in steigendem Maß organisiert zu wehren. Heute sind, nach erst achtjähriger Arbeit, mehr als 100000 Mitglieder an seinen genossenschaftlichen Kassen beteiligt. Nicht weniger stark verbunden stehen das sich stark ausbreitende Handwerk und der Kleinhandel da.. Diese haben sich in den letzten Jahren mehr als 700 Kreditgenossenschaften gegründet, an die über ein Drittel der gesamten rußländischen Judenbevölkerung angeschlossen ist; sie zählen ungefähr 400000 Mitglieder (Familien) und ihr Umsatz erreichte in den letzten Jahren 40000000 Rubel. In der Tiefe aber dröhnt der Massenschritt jüdischer Arbeiterbataillone, die trotz allen Hemmungen sich politisch und *) Für die methodologische Hilflosigkeit, mit der z. B. Heinze dem Ostjudenproblem gegenüber hantiert, ist bezeichnend, wenn er (Preußische Jahrbücher, Band 162, S. 98) schreibt: „Schon Anfang der 90 er Jahre waren nach Aram unter den russischen Juden 20 Prozent armenrechtlich Hilfsbedürftige", diese Zahl mit den deutschen Verhältnissen vergleicht, und es so darstellt (das Verräterische „schon"), als sei der Vorgang der Verarmung gar ein zunehmender. Diese Art, die ostjüdischen Zustände absolut zu nehmen, mit den vagsten und pathologischen Einzelfällen als mit den typischen zu operieren, statt das Gestern mit dem Heute und die Fortschritte, das Erstarken der ostjüdischen Gemeinschaft mit ihren Erschütterungen zu vergleichen, solche absprechende Art beherrscht noch immer die deutsche Judäologie. Ihre Unwissenden reden von den Ostjuden. D.h. sie wählen sich oder kennen nur ungünstige Grenzfälle und unterschieben sie der Gesamtheit als das Normale. Kommt dann einer, der Ost jüdisches nicht lediglich, aus Zeitungsausschnitten kennt, wie jüngst der Gouverneur v. Puttkamer (im Tag vom 23. XII. 1915), dann erweist sich die Oberflächlichkeit der tiefgründigsten Rassenurteile bei nur flüchtigem Gegenüberstellen. Htfti. 2