Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Grenzsperre
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 16 (sequence 4)
- Language
- German
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iö Fritz Mordechai Kaufmann: Doch ist auch damals in allen Lebensäußerungen des jüdischen Ostens ein stärkerer Atem, eine eigentümlichere, weiterfassende Gebärde, und die formenschaffende Kraft bunter und sehr viel fruchtbarer. Aufgesplittert in eine unübersehbare Zahl kleiner Gemeinden verlor sich das Volk über die geräumigen Flächen Galiziens, Polens, Litauens und großer west- und südrussischer Bezirke, und dem flüchtigen Blick scheint dieses Leben von einer Gemeinde zur andern wie eine ewige Wiederkehr kümmerlichen Handels und Kleinhandwerks und elender „Lediggeherei", des Luftmenschentums von Zehntausenden, ganz mittelalterlich starr anmutenden Juden, die ihre wunderlichen Tage in einem geplagt beschaulichen, und oft verzückten, mystikberauschten Dasein hinhungerten. Diese eigenartigste Welt erscheint um das Jahr 1850 arg bedroht. Mit ihren kapitalistischen Wirtschaftsformen und ihrem entwurzelnden, unternehmerischen Geist fällt die neue Zeit, alle gewohnten Ordnungen umstoßend, in jene Gebiete ein. Da erscheint es als unmöglich, daß bei dem steigenden Wirrwarr des veränderten Lebens die so sehr in andersnationaler Umwelt, unter Ruthenen, Polen, Lithauern, Weißrussen und wieviel andern Völkern verstreuten Massen ihr schaffenskräftiges nationales Eigenleben weiterführen können. Vielmehr lockt das Gedenken an die schnelle Entwurzelung der Westjuden zu der Annahme, daß auch diese zentralen Volksteile dem Schwund des kulturellen Formwillens nicht entgehen würden. Doch dieselben umwälzerischen Gewalten, die den Westjuden wie ein Schicksal unerbittlich in das zermalmende Triebwerk der westeuropäischen Wirtschaft hineinstießen, der eigenen Art ihn gänzlich herausreißend, —■ dieser selbe Kapitalismus ist in den Ländern Osteuropas hundert Jahre später bereits nicht mehr der gleiche: und da er dort auf grundsätzlich veränderte Entwicklungen trifft, ruft er unter den Juden Rußlands neuartige und in einem positiven Sinn bedeutsame Wirkungen hervor. Die Gewerbe, das Handwerk und die Industrie der erwähnten rußländischen Gebiete beginnen zu jener Zeit für den weiten und kaum erst erschlossenen innerrussischen Markt zu arbeiten. In manchen kleinen und den meisten großen Städten verbreitert sich der Umfang des Arbeitsmarktes um das Vielfache. Zur selben Zeit ersteht den Völkerschaften, die bis dahin der jüdische Händler allein bedient hatte, auf dem platten Lande, wo Handel und Kleinhandwerk nur geringe Fertigkeiten, wenig besondere Kenntnisse, dagegen ungetrübte persönliche Beziehung zum Verbraucher erfordern, ein eigener Mittelstand, der die Parole: „Kauft nicht bei Juden" kräftig ausnutzt. Die wirtschaftliche Stellung großer jüdischer Massen ist durch den Nebenbuhler äußerst gefährdet. Hier nun beginnt eines der wuchtigsten Kapitel jüdischer Volksgeschichte. Diese Massen von Händlern und Hungerleidern sind führerlos, ihre Oberschichten stehen in fremdem Lager beiseite, oder unterwühlen sogar — die jüngsten Geschehnisse in Warschau bezeugen es ein neues trauriges Mal —■ die Grundlagen der Nation. Da beginnt das Volk mit einem bewundernswert klaren Instinkt die bedrohten Stellungen zu räumen und aus eigener Kraft sich neue und gesicherte Erwerbszweige zu erobern. In den erweiterten Arbeitsbereich der Städte dringen die Juden des platten Landes hinein und erkämpfen sich gegen den Widerstand der übrigen Arbeiterschaft in den aufblühenden Industrien ihren Platz. Während aber sonst Proletarisierung meistens mit der Verkümmerung vorher blühender Gewerbe und einem Herabsinken ihrer selbständigen Betreiber in die Tiefe der wirtschaftlichen Stufen-