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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 15

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Grenzsperre
Date
1916-04-01
Page
15 (sequence 3)
Language
German
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Grenzsperre änderte Angesicht der ostjüdischen Gesellschaft — für dieses alle haben sie keinen Schlüssel. Aus dritter und vierter Hand, meist aus der grobnervigen ihrem Volk entfremdeter Westjuden müssen sie entgegennehmen, was der Zufall ihnen zuwirft Und unternehmen es dennoch, dem Unbekannten die Zukunft und die weiteren Geschicke zu deuten, und setzen fest, wie dem fremden Volk das Morgen zu regeln sei. Dabei leitet sie keine Gewähr, die das Wesentliche oder nur das Geringe der bloßen Tatsache sie vor dem Wust des Aufgebauschten und des parteiisch Entstellten wählen ließe. Dieser nicht erst seit gestern, seit Sombart und Chamberlain, schmerzhafte Eindruck steigert sich bei der Durchsicht jüngster deutscher Schriften zur ostjüdischen Frage. Ihre Urheber haben sich den Bestand der Ostjuden als Volk beinahe völlig entgehen lassen, und übernahmen aus allerhand Literatur und den anfechtbaren Äußerungen jüdischer Anpäßlinge ein Bild, das, unerhört ärmlich, blutleer und kraftlos, jene nicht wie ein organisch gewordenes Volkstum wiedergab, sondern als einen wurzellosen irrenden Haufen kulturloser Menschen. Das gilt nicht nur von der ausdrücklich Grenzschluß fordernden Literatur. Es mag hier genügen, das Scheitern einer weitern großen Gruppe deutscher Judäologen kurz an einem so gescheuten Manne wie Paphnutius zu erweisen. Eine entscheidende Stelle seines Aufsatzes in den Grenzboten lauteten: „Man erkannte, daß in unserm Nachbarreiche ein Volk lebt ohne Heimat, ohne Hoffnung, ohne Ideale, geschlagen mit der Verachtung seiner Umgebung, das die Last des Daseins nicht mit Ergebung, sondern mit Verzweiflung trägt, und das selbst in seiner Religion wohl einen Halt gegen die nationale Vernichtung, aber keinen Trost findet." Nicht weniger arg und wirklichkeitsfremd ist, was dieser doch weit über das Übliche auf wirkliche Kenntnis Bedachte von den innerjüdischen ideologischen Verhältnissen zu sagen weiß. Da ihm der Zufall von der nationalen Aufwärtsbewegung der Ostjuden anscheinend nur einige zionistische Dokumente an die Hand gab, verschmälerte sich ihm das breite Brachfeld unseres nationalen Ringens in folgende Engen: „In Rußland umfaßt die neue (zionistische) Lehre die Zukunftshoffnung des ganzen Volkes. Nach der Niederlage der Revolution hat die jüdische Jugend enttäuscht ihre alten Ideale verworfen, und sich dem neuen zionistischen Ideal zugewandt. So hat der Zionismus geradezu der russischen Revolution das Rückgrat gebrochen. Daß das russische Judentum für die Lösung der Frage im Sinn des Zionismus reif ist, kann also nicht bezweifelt werden/* *) Das Luftige solcher grundsätzlichen Fehlurteile, die sich in bunter, aber wenig erfreulicher Folge an den Äußerungen führender deutscher Menschen lange weiterreihen ließen, muß erst erwiesen, — eine Vorstellung von den wirklichen östlichen Entwicklungen erweckt werden, bevor sich mit irgendwelcher Aussicht auf Verständlichkeit die schlimmen Fehler der Grenzschutz Fordernden im einzelnen dartun lassen. * Bis die gewaltsamen Erschütterungen, die zum erstenmal in der Mitte des vorigen Jahrhunderts die Ostjuden in den Grundlagen ihrer Siedlungen trafen, langsam einzusetzen begannen, mochte dieses zentrale jüdische Volkslager einen ähnlichen Anblick bieten, wie einmal die deutsche Judenschaft ein ganzes Jahrhundert vorher. *) Grenzboten 1915, Nr. 39, S. 392 u. 404.

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