Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Grenzsperre
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 14 (sequence 2)
- Language
- German
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14 Fritz Mordechai Kaufmann: Kühler, beinahe lächelnd standen wir vor den ohnmächtigen Gewaltakten, die im Namen eines widerlich groben Popanzes, allerlei gefügiger Wissenschaft von der Rasse und den letzten Dingen der Nationen unser Volk in seiner hochwertigen Art anfielen. Wir waren nicht gewillt, uns auf die Marktplätze zu mischen, wo das Denken im Dienst der Mehrheitsvölker und ihres herrschaftheischenden Dünkels feilschend wurde. Wenn uns trotzdem heute etwas zur Äußerung zwingt, ist es nicht eine neue Neigung zur Mitteilsamkeit. Sondern als bittere Not trat es von außen seit dem Tage an uns heran, als das Geschehen dieses Kriegs unser unerschütterlich Volk in den Mittelpunkt der Sphinxfragen europäischer Zukunft hineinstieß; einer Schar zungenschneller Menschen als begehrten Anlaß zu eilfertigem Federwetzen. Ob sie dazu auch kein Amt hatten, — ja, die einen, nichtjüdischen voll stumpfer alter Abneigung waren; die jüdischen Anpäßlinge beim Untertauchen und Verleugnen der eigenen Art arg bedroht; und manche, die sich Nationaljuden nennen, noch gestern bereit, über einem Kolonisationsplan und anderer Liebhaberei das lebendige Volk zu vergessen — sie umsprangen bald geschäftig den seltsamen Nachbarn, der dort im Osten hinter der geborstenen Grenze sichtbar wurde, und gaben, die eigenen Wünsche auf den Lippen tragend, ihre Deutungen nach dem Geheiß der politischen Stunde. Plötzlich wurde es da nötig, ob auch unser Wort nur wenigen Deutschen ins Gewissen treffe, gegen die steigende Flut von altem Falschwissen und Unrat des Denkens die einfachen Lebenstatsachen unseres Volkes aufzurichten. Ohne weiteres, ohne die mißliche Lage zu kennzeichnen, der sich die Erörterung des jüdischen Problems vor Deutschen und ihrem Volk entfremdeten Juden gegenübersieht, ist es jedoch nicht ratsam, solche aufklärende Arbeit anzufassen. Denn angesichts des neuerlichen Scheiterns auch begabter deutscher Schriftsteller beim Versuch, Ostjüdisches zu deuten, wird wieder einmal grell und bedrohlich der Ausnahmezustand sichtbar, unter dem bei uns zu Lande die nationalen Angelegenheiten der rußländischen Juden verhandelt werden. Hier meistern die Schreiber nicht einmal die mindern technischen Fertigkeiten, die den Eintritt in die zu untersuchenden fremden Bezirke allein ermöglichen. Die Sprache der Ostjuden, das Jiddische, ist ihnen unbekannter als ein exotischer Dialekt., Solange der deutsche politische Schriftsteller sich nicht meldet, der auch einem Rigorosum gegenüber mich zu widerlegen bereit ist, muß ich mit Fug behaupten, daß von ihnen niemand ein jiddisches Buch oder eine jiddische Zeitung lesend in den Händen hielt. Das reichhaltige, in dieser Sprache vorliegende statistische, volks-, wirtschafts- und gesellschaftskundliche Wissen, oder gar die Quellen des jiddischen Schriftwerks, die alten Legenden, die Volkslieder, die Gleichnisse und Sprichwörter, die Folklore und die im 19. Jahrhundert hochauf sprießende erzählende und dramatische Dichtung sind ihnen noch immer verschlossen. Doch nicht nur dieser mittelbare Zugang zu den jüdischen Volksmassen blieb ihnen verwehrt, den allein die jiddische und in einem wenn auch beschränkteren Maße die junghebräische Literatur vermitteln, sondern es wohnte noch keiner von ihnen je als ein Forschender unter den Ostjuden. Für die rätselhaften Besonderheiten dieses Volks: für seine religiöse und weltliche Gesittung, für sein Gestern und die in Urgründe herabreichenden Vesten seines Seins, für die Wandlungen seiner Seele und die Umschichtungen seiner Wirtschaft, für die sich in den letzten Jahrzehnten hervorkämpfenden neuen Klassen und das gänzlich ver-