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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 12

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Der jüdische Nationalismus nach dem Krieg
Date
1916-04-01
Page
12 (sequence 6)
Language
German
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12 Hugo Bergmann: Der jüdische Nationalismus nach dem Krieg Standpunkt derer, die vom Schema ausgehen, und der der wirklich Nationalen ein völlig entgegengesetzter, auch wo sie zufällig einmal dasselbe wollen. „Mehr Judentum" kann für den nationalen Juden nur heißen „Höheres Menschentum", und alles formal Jüdische ist ihm nur dann wertvoll, wenn es dieses höhere Menschentum fördert. Er wird es sogar bekämpfen, wo es diesem letztern im Wege steht. Dieser wahrhaft nationale Standpunkt ist aber in Wirklichkeit im Westen noch nie ernstlich eingenommen worden*). Ja es ist mir sehr fraglich, ob alle, die sich Zionisten nennen und sich eins wissen, solange ein luftiges Judentum sie verbindet, auch wirklich eins sein werden, wenn es um konkrete Dinge ihres eigenen Lebens gehen wird. Ich will ein Beispiel anführen, das mir sehr nahegeht. Mir scheint einer der ärgsten Übelstände im Leben der Westjuden — wenigstens in Österreich — ihre Art zu sein, Gottesdienst ohne wahre Herzensfrömmigkeit abzuhalten. Ich selbst empfinde ein starkes Bedürfnis nach religiöser Gemeinschaft, kann aber die Synagoge, wie sie heute ist, kaum betreten. Menschen, die ähnlich denken wie ich, werden ihre religiösen Anschauungen in der Gemeinde durchzusetzen trachten. Aber können sie hoffen, sich in dieser ernsten Volksarbeit mit allen Zionisten eins zu wissen? Aber trotz der vielen Differenzen, welche die nationalen Juden scheiden mögen, sind sie doch — wenn sie wirklich national sind — in einem wichtigsten gleicher Meinung: darin, daß siedenMenschenin den Blickpunkt stellen. Der Nationalismus wäre — wenn er sich wirklich durchsetzt — die größte Umwälzung des jüdischen Lebens seit Jahrtausenden. Noch einmal: nicht gegen eine bestimmte Weltanschauung richtet er sich; er bekämpft allein das wurzellose und darum wirkungslose Geistige welcher Art immer, weil er den Geist verwirklichen will. Der historische Gesichtspunkt ist es, der die nationalen Juden eint: ihr Reich ist von dieser Welt. Vielleicht ist von allen jüdischen Entzweiungen diese die tiefste: daß der Jude nicht mehr die Kraft hatte, sich, sein geistiges Wesen auf Erden zu gestalten. Darum das Gespensterhafte unseres Daseins. Der Nationalismus ruft uns aus den billigen Himmeln auf diese Erde zurück: Geht hin und erfüllt. Wenn er eben dadurch auch wieder den Keim zu inneren Kämpfen in sich trägt, so werden diese Kämpfe erst zeigen, daß wir wiederum sind und leben. 4- Wir können in zionistischen Kreisen oft die Klage hören: „Jetzt haben wir einen jüdischen Turnverein und er ist gar nicht jüdisch. So könnte man ebensogut im deutschen Turnverein turnen." Diese Anklage spricht Bände. Sie zeigt, daß entweder das Judesein der Turner wirklich nicht stark genug ist, sich eigenartig zu gestalten, oder aber daß der tadelnde Beobachter sich so sehr an das Etikettenjudentum gewöhnt hat, daß er in dem schlichten Zusammenturnen keinen nationalen Wert mehr sieht. Wie dem sei: gerade das Fehlen der äußerlichen Etikette (etwa des hebräischen Kommandos) wird um so eindringlicher fühlbar machen, ob ein eigener Inhalt da ist oder nicht. Darum bin ich — sonst wahrlich Hebraist genug — ein Gegner des hebräischen Kommandos, wenn die Turnenden nicht hebräisch sprechen, Gegner all jenes nationalen Tands, der unser Auge gegen das Wesentliche blind macht und uns zu dem Glauben verführt, es sei etwas da, wo in Wirklichkeit nichts ist. *) Von der jungen Wanderbewegung sehe ich ab.

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