Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Der jüdische Nationalismus nach dem Krieg
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 13 (sequence 7)
- Language
- German
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Fritz Mordechai Kaufmann: Grenzsperre 13 Zweierlei muß uns immer leiten. Erstens: das Judentum ist nichts als das Ganze, das Integral von all dem, was jüdische Menschen tun; darum darf unserem jüdischen Streben nichts Menschliches fremd sein. Alles Menschliche muß bei uns heimisch werden, alles Jüdische durchpulst sein vom lebendigen Blute gelebten Menschentums. Zweitens: das umfassende Judentum muß zionistisch sein, das heißt eingeordnet in den Willen zur Gemeinschaft. Höhergestaltung der Gemeinschaft — damit bekommt der Verein wieder einen Sinn, den einzig brauchbaren: daß er nämlich zur Lebensgemeinschaft jüdischer Menschen führt. Bisher kennen unsere Menschen nur die Familie, und unser übertriebener Familiensinn führt nur zu oft zu Egoismus und Individualismus. Nachgerade werden es mindestens die Feinfühligeren unter uns bitter empfinden, daß sie keinem größern Kreise natürlich eingeordnet sind. Werden wir erst Menschen haben, die ehrlich danach streben, ihre wirklichen Bedürfnisse edel zu gestalten, dann werden sich auch solche zusammenfinden, die nicht des Lebens Not, sondern reine Menschlichkeit zusammenführt. Der Zionismus hat überall Keime von Gemeinschaftsbildungen hervorgebracht. Solche kleine Kreise von Menschen könnten gerade für die Erleichterung unserer schwierigsten und intimsten Probleme — Verbesserung unserer Ehen, Wiedererweckung religiösen Lebens — unendlich viel bedeuten. Mag das auch noch in der Ferne liegen: für uns hängt alles davon ab, ob wir durch den Krieg gelernt haben, Schein von Sein zu unterscheiden, und ob wir die Kraft haben werden, eine wirkliche jüdische Volksbewegung zu schaffen. Im Felde Hugo Bergmann GRENZSPERRE Ein Kapitel vom Versagen der deutschen Judäologie Bis in die jüngste Zeit haben manche von uns —Juden, die ihr Schicksal wieder an das alte östliche Volk banden — wie in Gelassenheit dem Gewirre von Fehlkunde, Irrtum und Entstellung zugeschaut, das sich an den Toren der Erkenntnis jüdischer Art und jüdischen Volkseins als trüber Nebel ballte; das hervorstieg und wuchs fast mit jedem Urteil, jeglichem Wort, damit Nichtjuden die rätselreichen Züge unseres Volkes zu deuten vermeinten. Aber wiewohl hier die Rede von den Gutgesinnten ist, und noch nicht von solchen, die Haß betörte —1 selbst in ihren Kundgebungen klangen die erregten Stimmen, in denen Mahrheitsvölker reden, wenn sie, unwirsch und nicht nach Billigkeit oder Einsicht, der fremden Art kleiner Nationen ein Maß messen. Ihre forschenden Bemühungen sahen wir erfolgen ohne Ernst, leichthin und häufig in Anmaßung; herzlos gegen die gewaltigen Anblicke unseres Verfalls und unseres Aufstiegs. Wie ihr Irrtum solchermaßen starr in den Bezirken ihrer minder entwickelten und beherrschten Gefühle verankert schien, hatten wir uns, als sei unser Einspruch nur ein Hall, darein gefunden. Denr^ wir erhofften von eigenem Eingreifen wenig und überließen das vielmal schreiende Unrecht denen, die es verübten, als Angelegenheit der innerlichen Reinigung des deutschen Geistes, und des europäischen überhaupt.