Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Der jüdische Nationalismus nach dem Krieg
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 11 (sequence 5)
- Language
- German
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Der jüdische Nationalismus nach dem Krieg zz habe, eine agitatorische. Im ersten Jahrzehnt hatte man die liberale Ideologie zu bekämpfen und erst einmal den Juden zum Bewußtsein zu bringen, daß sie sind. Dies geschah hauptsächlich durch den Hinweis auf die äußere Judennot und den Antisemitismus. Im zweiten Jahrzehnt des Zionismus kam man hierüber nicht hinaus. Zwar drang mehr und mehr die Überzeugung durch, daß die Judennot nur die Folge eines inneren jüdischen Problems ist, aber über das Wesen dieser inneren Not kam es zu keiner Verständigung. Wir hören immer wieder den Ruf „Mehr Judentum!" aber niemand vermag uns zu sagen, was denn das eigentlich sei, dessen „mehr" verlangt wird. Eine Zeitlang meinten wir, Judentum, das sei Ostjudentum; ostjüdische Schriftsteller wurden übersetzt, „jungjüdische Abende" veranstaltet, eine sehr nützliche Arbeit, aber absolut unvermögend, den Westjuden „mehr Judentum" zu geben. Leben kann nur von innen heraus kommen, nicht von außen gemacht und zugeführt werden. Der unter ganz anderen Bedingungen lebende Westjude kann das ostjüdische Leben nicht als sein eigenes empfinden. Dasselbe gilt von Palästina! Allerdings leitete uns ein richtiger Instinkt zum Ostjudentum. Wir empfanden das tief Nationale der ostjüdischen Literatur gerade darin, daß sie profan war. Baum und Strauch, Luft, Wind, Pferd, Hund — alles war dort jüdisch. Bialik hat von Mendele gesagt, daß er die Natur verjüdischt hat („gijjer eth hatebha"). Dies war es, was wir suchten: gelebtes Judentum. Aber wir mußten doch erkennen, daß das ostjüdische Leben nicht unser Leben ist. Was also ist jenes Judentum, nach dem wir rufen? Die eine Antwort war klar umschrieben: Judentum — das ist das religiöse Judentum der Tradition. Leider ist es den meisten nicht möglich, sie zur ihrigen zu machen. In ihrer Not und Bedrängnis beginnen nun in letzter Zeit einige Zionisten, im Judentum eine gewisse Weltanschauung zusehen; einige knüpfen hierbei — wie ichglaube, mißverständlich*) — an Buber an. Demgegenüber ist es denn doch notwendig, uns darauf zu besinnen, welche Bedeutung die Ausrufung des nationalen Judentums gegenüber dem nur religiösen hatte. Es war die Rückkehr zur Weltlichkeit und Wirklichkeit. Das jüdische Leben sollte vom Himmel auf die Erde verpflanzt werden. Statt von abstrakten Glaubensanschauungen sollte von dem konkreten Menschen ausgegangen werden. Der Zionismus wollte die Juden besser und glücklicher machen und mußte deshalb die Leitsterne seines Handelns herausholen aus den Bedürfnissen (natürlich auch den nicht empfundenen) dieser Menschen. Das abstrakte Judentum, das er ablehnt, geht dagegen von bestimmten in sich abgezirkelten Gedanken- und Lebensformen aus und sieht im Einzelnen nur den in sich gleichgültigen Träger dieser Formen. Wie er im übrigen lebt, ist ohne Bedeutung, wenn er nur die bestimmten, abstrakten Forderungen erfüllt. Ein derart abstraktes Judentum muß nicht gerade religiös sein, und nicht jedes religiöse abstrakt Es gibt z. B. bei uns Hebraisten, die ebenso schematisch denken. Für sie bekommt der jüdische Mensch erst dadurch Wert, daß er hebräisch spricht. Der nationale Jude will auch das Hebräische, aber nur weil er hofft, daß die Juden dadurch ganze, innerlich geeintere Menschen werden. Wo die Gefahr besteht, daß das Hebräische etwas Unnatürliches wird und das Menschentum darunter leiden könnte, wird er diese Forderung fallen lassen. Der abstrakte Hebraist aber nicht, weil er eben nur von der Formel ausgeht. So ist der *) Sehr mißverständlich. (Anmerkung des Herausgebers.)