Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Der jüdische Nationalismus nach dem Krieg
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 10 (sequence 4)
- Language
- German
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10 Hugo Bergmann: Stellung gegenüber allem Eingebildeten, Leeren erzogen haben. Jenes nicht mehr ins Leben verankerte Judentum ist nur noch ein Wort; es sind die Friedensbankette der Sozialisten, die Kampfbegeisterung der Kriegskorrespondenten. Wer sich mit Worten begnügen will, mag es tun. Wer sein Leben nur an eine wirkliche Arbeit hingeben will, dem wird, wenn er hier bleibt, entweder auch das Galuthjudentum diese Arbeit geben oder er wird das Judentum verlassen (faktisch; ob er es auch formell tut, ist gleichgültig) und fremde Äcker bestellen, wie es unsere Besten zu tun gezwungen waren. Das eine ist sicher: haben die Galuthverzweifelten recht, gibt es keine wirklichen eigenen Bedürfnisse der jüdischen Menschen als solchen oder haben wir nicht die Fähigkeit, sie hier auch nur teilweise zu befriedigen, dann existieren die Juden als Gemeinschaft gar nicht mehr, die Scheidung von Juden und Nichtjuden ist eine künstliche und wie jede künstliche Scheidung von Menschen verwerflich. Dann aber haben wir kein Recht, den schon eingetretenen Assimilierungsprozeß durch unsere zionistische Agitation zu stören. Nur wirkliche jüdische Volksarbeit, die sich nicht mit dem Formel-Nationalen begnügt, sondern alles umfaßt, was jüdische Menschen angeht, vermag letztlich auch die zionistische Arbeit im Galuth sittlich zu rechtfertigen. 3- Was ist zu tun? Zunächst ein Negatives, das aber sehr wichtig ist. Wir müssen uns von der Organisationshypnose befreien, unter der wir alle stehen. Wir dürfen nicht glauben, daß eine Summe von Vereinen schon an sich etwas Wesentliches bedeutet. Null bleibt immer Null, auch mit Tausend multipliziert. Das haben wir vergessen. Natürlich ist die Organisation notwendig und niemand will leugnen, daß die zionistische Politik nach außen dadurch ein Gewicht bekommt, daß sie auf Zahlen hinweisen kann. Aber gleichwie die vernünftigen Politiker anderer Völker erkannt haben, daß — so wichtig Wahlen und andere hochpolitische Akte nach außen sein mögen — das wirkliche Volksschicksal nicht von ihnen, sondern von dem Geiste abhängt, der im letzten Feuerwehrverein der kleinsten Provinzstadt der herrschende ist, so müssen auch wir uns zur Überzeugung durchringen, daß die formelle Organisiertheit nur eine erste Stufe wirklichen Volkslebens ist. Die Organisation hat für das letzte Ziel des Zionismus, das ich heute nur so formulieren könnte: die Juden wieder zu einem geschichtlichen Volke zu gestalten, die hohe Bedeutung einer Schule, und diese Bedeutung wird noch wachsen, wenn die Organisation straffer und strenger zusammengehalten sein wird; aber eine Schule ist doch njcht das Leben. Wir müssen endlich daran denken, an die wirklichen Volksfragen heranzutreten. Es darf, um ein Beispiel zu nennen, in einer Volksbewegung nicht geschehen, daß ein so ernstes Problem, wie das unseres rapiden Geburtenrückganges, zum Agitationsstoff herabgewürdigt, nicht aber ernstlich beraten wird*). Und ebensowenig haben wir uns ernstlich bisher mit der jüdischen Familie, der Erziehung (nicht bloß der fälschlich allein sogenannten „jüdischen"), dem Liebesleben, der Volksgesundheit, mit der Berufswahl, mit der von Juden gelesenen Presse, mit ihrem religiösen Leben beschäftigt. Bisher war die zionistische Arbeit im Westen, den ich hier immer vor Augen *) Es ist ein Beispiel für das vorher Angeführte, daß Junggesellentum, Einkindersystem usw. in zionistischen Kreisen so zuhause sind wie in anderen jüdischen Gesellschaftsschichten.