Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Der jüdische Nationalismus nach dem Krieg
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 9 (sequence 3)
- Language
- German
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Der jüdische Nationalismus nach dem Krieg 9 wandelt und wir sehen nichts davon. Es sind doch dieselben Menschen wie früher; nach dreißig Jahren Zionismus haben wir so wenig Wirkliches geschaffen! Wir haben noch immer die Khille und keine jüdische Gemeinde, die jüdische Erziehung geht weiter bergab. Und sie hatten doch so viel Beifall geklatscht, wenn wir eine Erziehungsreform predigten." Arme Toren, Opfer eines die Wirklichkeit mißachtenden Idealismus, die wir waren I Wir hatten es nicht vermocht, unsere Ideen zu Kräften zu gestalten, die ins Leben eingriffen, und so glitt unsere ganze Bewegung am Leben vorbei ins Wesenlose. Sagt, ist es ein Zufall, daß der Zionismus eine Studentenbewegung war und zum großen Teile geblieben ist? Nur der Student, der keine Lebensinter essen, nichts Werktägliches hat, ein Mensch im Übergangsstadium, der frei wie ein Vogel als froher Gast aus allen Bechern schlürfen kann, vermag ganz in einer Bewegung aufzugehen, die dem Werktagsleben vollständig fremd bleibt. Aber kaum wurde der Student „Alter Herr", Arzt und Rechtsanwalt und Beamter — da vergaß er seines Zionismus, und sein Leben unterschied sich kaum in Nuancen von dem der anderen Juden. Das oft beklagte „Alte Herren"-Problem ist in Wahrheit das ganze Problem des Zionismus* Er hat seine Aufgabe noch nicht gefunden: jüdische Wirklichkeit zu gestalten. Doch: in Palästina hat er sie gefunden. Dort muß er sich um die wirklichen Interessen der Menschen kümmern; und ich glaube, die große erzieherische Kraft Palästinas liegt eben hierin, daß dort der Zionismus eine wirklichkeitsgestaltende und darum geschichtsbildende Kraft wird. Zweifellos gibt es auch dort noch ein Übermaß von leer laufendem Idealismus und die Folge ist Schönrednerei, Selbstbetrug, bewußte und unbewußte Heuchelei. Aber da sich glücklicherweise die Resultate zionistischer Arbeit dort in Bankbilanzen, Dunams und Hektolitern ausdrücken, lassen, so läßt sich eine Fiktion nicht allzulange aufrecht erhalten. Dort sind wir auf dem besten Wege. Die nationale Bewegung kümmert sich dort um die Heuschreckengefahr, um Bodenerwerb, um die Arbeiterfrage. Darum ist sie dort etwas Reales, bei uns ist sie es nicht. Man mißverstehe mich nicht. Ich bin durchaus nicht der Ansicht, daß sich aller Erfolg wägen und messen lassen muß. Ich denke auch durchaus nicht daran, die Idee den sogenannten Notwendigkeiten des Lebens Untertan zu machen. Der Gedanke hat die Wirklichkeit zu bewältigen, nicht sich ihr zu beugen. Aber ich verlange Respekt vor Tatsachen, ehrliche Auseinandersetzung mit dem Leben. „Nichts hat unbedingten Wert und Bedeutung, als das Leben, alles übrige Denken, Dichten, Wissen hat nur Wert, insofern es sich auf irgendeine Weise auf das Lebendige bezieht, von ihm ausgeht und in dasselbe zurückzulaufen beabsichtigt" — die Worte sprach Fichte, dessen Idealismus sich gewiß kühn genug der Wirklichkeit entgegenstellte. Nun wird freilich der Einwand gemacht werden, daß dies eben Galuthschicksal sei; daß unser Judentum hier nur mit der Feiertagsseele zu tun hat, weil der Jude mit seiner Wirklichkeit einer fremden Welt angehöre. „Sei Jude daheim und draußen ein Mensch", lautete charakteristisch die Parole der Haskalah, die der Zionismus merkwürdigerweise für das Galuth übernommen hat. Zweifel dieser Art werden wohl jeden zionistisch Denkenden beschleichen; ich habe sie selbst oft gehegt. Es gilt aber gerade hier, sich nicht von der Wirklichkeit unterkriegen zu lassen. Es kommt eben auf den Versuch an, ob nicht auch im Westen ehrliche Volksarbeit und ein wirkliches Volksleben möglich ist. Wir müssen nur aufhören zu glauben, daß dieses Feiertagsjudentum, dieses Judentum daheim noch irgend etwas ist. Gerade hier mußte uns der Krieg zu Wirklichkeitssinn und kritischer