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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 8

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Der jüdische Nationalismus nach dem Krieg
Date
1916-04-01
Page
8 (sequence 2)
Language
German
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8 Hugo Bergmann: Dies wird wesentlich sein: ob die jüdischen Flüchtlinge oder die jüdischen Soldaten unserer Geschichte ihr Gesicht zu geben bestimmt sind. 2. Wesentlichstes Erleben des Soldaten: er steht der Wirklichkeit Auge in Auge gegenüber. Das ganze Verhängnis der Zeit vor dem Kriege war, daß sie ihre eigene Wirklichkeit nicht sah; statt dessen erfanden sich die Menschen eine leichtere, besser zu ertragende Scheinwirklichkeit und fanden dabei ihren Schlaf. Sahen wir nicht schaudernd, wie vieles von dem, was wir für eine wirkliche Kraft des Geschehens hielten, zurückfiel in das leere Nichts papierenen Scheindaseins? Gewiß: der Mißerfolg einer Idee spricht noch nicht gegen sie. Aber all die Idealisten sind Sünder am Geiste, die, unvermögend, ihr Wollen zu einer idee-force zu gestalten und die wirkliche Welt aus ihren Angeln zu heben, an einem Scheingebilde von Welt ihr Gaukelspiel treiben. Sahen wir nicht so den Zusammenbruch der sozialistischen Internationale? Die Liebe des Arbeiters für sein Vaterland und sein Interesse für das Gedeihen der vaterländischen Wirtschaft waren wirkliche Kräfte, die das Geschehen entschieden, und die Idee der internationalen Arbeiterbrüderschaft, die so oft himmelan gepriesen worden war, so viel Begeisterung und Beifall erzeugt hatte, erwies sich als Phrase, die an dem realen Gegensatze deutscher und englischer Wirtschaft machtlos zerschellte. Wohl darf eine Idee der Wirklichkeit gegenüber „machtlos" sein, sie ist ja immer das erst zu Ver-wirklichende; aber dies letztere muß sie sein, in allem Ernste und aller Schwere der Wirklichkeitsgestaltung. Welchen Fehler hatten alle die Intellektuellen gemacht, die — so wohlmeinende Menschen und so schlechte Politiker! — uns in den Friedenstraum einlullten, aus dem wir so schrecklich erwachten? Sie hatten den Menschen nicht mit seinen wirklichen Interessen in ihren Kalkül gestellt, sondern ein Scheingebilde, einen Feiertagsmenschen, ein Abstraktum. Wahrlich nicht die Idee des Friedens und der Völkerverbrüderung ist blamiert, sondern die oberflächliche Psychologie vieler ihrer Vertreter, die da glaubten, durch Kongreßreden, Trinksprüche und Depeschenwechsel die Wirklichkeit zu meistern. Ich fürchte: all dies paßt Wort für Wort auf die zionistische innere Politik vor dem Kriege*). Auch sie kennt nicht den wirklichen Juden, den Handelsmann, den Handwerker, den Mädchenhändler, nicht die jüdische Frau und nicht das Kind mit ihren wirklichen Bedürfnissen, sie sah „die Juden" und predigte ein „Judentum", das weder Resultat der Kräfte war, die das faktische jüdische Leben bewegen, noch den vorhandenen Kräften die Richtung gab, sondern ein erdachtes Abstraktum war, gleich der sozialistischen Internationalität. Und wie dort, so hier. In unseren Versammlungen saßen „nur Juden", Abstrakta, Schemen. Ihre wirklichen Sorgen ließen sie zu Hause und erbauten sich nun mehr oder weniger an Reden, klatschten Beifall, diskutierten, opponierten, ihre neSama jethera, die Sabbatseele, sog sich voll — aber dann kam am Morgen der alte Werktag; der Zionismus lief neben dem Leben einher, glitt an ihm ab. Dann wunderten sich die besten unter uns und sagten: „Der Zionismus wird doch als etwas gepredigt, das den Menschen *) Die folgenden Ausführungen, obwohl sie mir erst durch den Krieg ganz bewußt wurden, knüpfen doch vielfach an das an, was ich vor dem Krieg bei Micha J osef Berdyczewski(s. meinen im Juli 1914 über ihn in der Herzl-Nummer der „Welt" veröffentlichten Aufsatz) und von meinem Freunde Oskar Epstein gelernt habe. Epsteins Unterscheidung von formalem und wesenhaftem Nationalismus, die ich für die bedeutendste Fortbildung der zionistischen Ideologie der letzten Zeit halte, liegt auch obigen Ausführungen zugrunde.

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