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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 7

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Der jüdische Nationalismus nach dem Krieg
Date
1916-04-01
Page
7 (sequence 1)
Language
German
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Hugo Bergmann: Der jüdische Nationalismus nach dem Krieg 7 DER JÜDISCHE NATIONALISMUS NACH DEM KRIEG I. Uber das Thema „Die Juden und der Krieg" können noch kaum die ersten Worte gesagt werden. Noch ist es uns völlig unbekannt, ob und wie die jüdische Seele dieses Schicksal erlebt. Niemand kann auch nur ahnen, wie dieser Krieg, gleich manchen frühern, die auf polnischer Erde geschlagen wurden, in das Raunen und Sagen des Volkes eingehen wird. Auch von den mehr oder weniger bewußten Wirkungen des Krieges wissen wir — von den Brüdern durch eiserne Mauern getrennt — nichts. Dies aber wird man wohl sagen dürfen: für unsere Zukunft wird es von der allerentscheidendsten Bedeutung sein, ob die jüdischen Menschen diesen ersten Krieg, an dem sie in solchen Massen mitkämpfen, aktiv erlebt haben oder nicht, ob sie diese Zeit nur erlebt haben als etwas, das mit ihnen geschah und ihnen widerfuhr, oder ob sie, mit ihrem ganzen Sein in ein großes, überpersönliches Ganze eingestellt, den Sinn verstanden haben: daß da auf einmal die Gemeinschaften der Menschen als etwas Wirkliches aufstanden, dem gegenüber der Einzelne ins Nichts versank; daß der Staat, dieses frühere Nichts, das Allerrealste ward und das früher scheinbar allein reale Individuum wesenlos; daß die Einzelnen fallen, abgehen, wechseln konnten und das Ganze blieb. Das Ganze, das ist: der Zusammenhang der Einzelnen. Er ist das Allerwirklichste. Erst wer dieses erfühlt hat, weiß, was Geschichte ist. Und es müßte die große, erzieherische Bedeutung des Krieges für uns sein, daß in uns das Bewußtsein davon erwacht, welche Kräfte die Geschichte gestalten, auf daß wir wiederum wert werden, ein Volk zu sein und eine wirkliche, das Geschehen bewegende Kraft. Wir können uns nicht verhehlen, wie schwierig es gerade für uns ist, Geschichte zu erleben. Wir leben viel zu wenig elementar, haben schon zu wenig Herdenpsychologie, um mit der Sicherheit des Instinktes Krieg zu führen, für die Gesamtheit mit dem Leben einzustehen, wie es etwa die Kroaten können. Wir sind ein Volk, das aus Individuen besteht, und unsere Menschen, seit zwei Jahrtausenden außerhalb der Geschichte stehend, sehen auch überall nur mehr das Individuum. Ich werde nie jenes jüdischen Soldaten vergessen, dem ich, als wir August 1914 gegen Lublin marschierten, klar zu machen suchte, was ein Kampf gegen Rußland für uns Juden bedeute und der, als er alles verstanden hatte, schließlich doch nur meinte: „Schade um das jüdische Blut." Er sah keinen über uns allen schwebenden Zusammenhang, er sah nur die Einzelnen, die verbluten. Ein Volk mit solcher Psychologie, mit einem solchen Individualismus, wäre zum Tode verurteilt. Nun sind wir einmal ein altes Kulturvolk mit stark ausgeprägtem Persönlichkeitscharakter des Einzelnen. Was andere Völker aus dem primitiven Instinkt heraus tun, müssen wir bewußt vollbringen. Ob wir dies noch können, ist unsere Schicksalsfrage; ob wir uns bewußt, aus dem Pflichtgefühl, der Verantwortung gegenüber der Gemeinschaft, die Bindungen wiederzugeben vermögen, denen wir als natürlichen entwachsen sind. Daß dieser Krieg mit seinen großen Wandlungen ein neues Kapitel unserer uralten passiven Geschichte eröffnen wird, ist sicher. Ob aber mit ihm die tätige Geschichte des jüdischen Volkes, die mit dem Zionismus schüchtern begann, einen mächtigen Schwung bekommen wird, das hängt davon ab, ob die jüdischen Menschen diesen Krieg nicht bloß als eine Zeit des Elends, sondern als eine Zeit der Taten erlebt haben.

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