Der Jude
- Journal
- Der Jude
- Volume
- 1 (1916-1917)
- Issue
- Inhalt
- Article
- Das Volk und der Einzelne
- Date
- 1916-04-01
- Page
- 5 (sequence 2)
- Language
- German
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Das Volk und der Einzelne 5 einer jeden Religion selbst nach wahrhaft lebendigem. Sein und nach fortwährender fruchtbarer Erneuerung, diesem Grundzuge jedes Lebens, dem sich nicht einmal eine starke Dogmatik entziehen darf, will sie nicht erstarren und wegsterben. Was der jüdischen Religiosität heute fehlt, und was vielleicht nur die tiefgläubigen ganz frommen Volksschichten entbehren können, ist die Versinnbildlichung und die Belebung der traditionellen Gesamtinhalte des Judentums, die für die jüngeren Generationen zu allgemein, zu leer und auch zu problematisch gev/orden sind: da ihnen das Gebäude gar nicht erst zum Erleben werden konnte, und so nur als ein Schutthaufen von verblaßten Symbolen dalag, die höchstens noch zu rhetorischen und bildlichen Zwecken herangezogen wurden. Neben der beklemmenden Frage, wohin das denn führen soll, wenn Tausende von lebenskräftigen und rücksichtsloseren jüdischen Menschen auf diese Weise dem Judentum entfremdet werden und schließlich ganz verloren gehen, erhebt sich hier auch die rein tatsächliche Frage nach den Rückwirkungen einer solchen Bewegung auf diese Menschen selbst und auf die anderen Völker, die ihnen alsdann, zumeist nicht gerade sonderlich willig, Aufnahme und Auflösung bieten» Von den so verloren gegangenen Elementen des Judentums trotzdem noch als einem —> freilich allmählich der Atrophie verfallenden — Teile des jüdischen Volksgefüges zu sprechen, hat nur darum einen Sinn, weil eben das gelockerte äußere Gefüge beim Judentum ein allgemeines Merk- und kein Zerfallszeichen ist. So unglaublich gering die Aussicht ist, bei jenen Elementen doch noch ein Gefühl für ihre Zugehörigkeit zum jüdischen Wesen wachzuhalten — das vermögen nur wenige, fester und stolzer konstituierte Individuen, die noch Sinn für die Bedeutung der Rasse haben und ihre eigene trotz Schmähung unmittelbar als bedeutsam und schicksalsreich empfinden, während die anderen gerade davon erlöst sein wollen — diese Zugehörigkeit gibt sich doch auf Schritt und Tritt kund, wenn nicht durch das Äußere schon, das besonders durch die üblichen Mischehen in jenen Kreisen sich bei den weiteren Generationen mitunter stark verliert, so doch in den Äußerungen ihres ganzen Tuns und Seins, da auch sie nicht aufhören können, in dem metaphysisch jüdischen Sinne zu wirken: auf das Verbindende zwischen den Menschen und zwischen den Völkern hin. Welche Rolle spielen denn zumeist die gewesenen Juden und in großem Maße auch ihre Abkömmlinge im Organismus ihres früheren Gastherrnvolkes, zu dem sie sich nun nicht mehr als Juden zählen? Mit dem billigen Gerede von dem „Ferment der Dekomposition", womit Mommsen höchstens die (übrigens welthistorisch begründete und damals notwendige) Wirkung der Juden in den spätcäsarischen Zeiten des inneren Zerfalls des römischen Reiches objektiv charakterisieren durfte, und das nun von unseren Gegnern in aller „Unschuld" auf die gänzlich veränderten neuzeitlichen Verhältnisse übertragen und universal verallgemeinert wird, kann ein so verwickeltes ernstes Problem nur für schablonenhafte Geister als abgetan gelten. Sicherlich gehen Folgeerscheinungen destruktiver Art bei den übergetretenen Juden neben ihren eigentlichen Wirkungen insofern einher, als diese Menschen durch ihre zweigeteilte und zweideutige Stellung eine störende Atmosphäre des Unruhigen und Unwahren um sich erzeugen, häufig sich weder mit rechten Juden noch mit rechten Christen gut verständigen können, mitunter daher geradezu hauptsächlich auf den Verkehr untereinander angewiesen sind, und dies als Ressentiment in ihrer Tätigkeit sichtbar wird. Diese besteht dann