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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 6

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Das Volk und der Einzelne
Date
1916-04-01
Page
6 (sequence 3)
Language
German
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IRI
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6 Herman Glenn: Das Volk und der Einzelne zwar in einem prononcierten Vertreten dessen, was an sich durchaus jüdischer Prägung ist: sie empfinden es aber nicht mehr als solches und sind mit allen Mitteln der Praxis —■ insbesondere durch Heranziehung kongruenter und nachgiebiger christlicher Elemente —■ bemüht, es als objektive Kulturarbeit oder zumindest als wichtige Vorbereitung und Voraussetzung zu einer solchen hinzustellen. Sie ähneln hierin, abweichend nur in Nuancen, den öffentlich jüdisch gebliebenen Elementen auf gleichen Posten, die in ihrer Pflichtarbeit die Wirklichkeit, ja die Möglichkeit einer jüdischen Grundnote verneinen und ebenfalls das Objektive oder Nützliche dieser Arbeit als den alleinigen Beweggrund ihres Handels ansehen. Man kann solche Elemente nicht als eigentlich destruktiv bezeichnen, da sie sich tatsächlich nur den an sich notwendigen allgemeinen Rahmen des wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, kulturellen Lebens eingliedern: Warenaustausch, Verkehr, Presse, Politik, Kritik, Theater, Literatur,' Wissenschaft, Kunst. Es ist auch nicht wahr, daß sie eben in diesen Gebieten nur zersetzenden Einfluß ausüben: man könnte mit unzähligen Beispielen des Gegenteils ebenso aufwarten, wie mit Beispielen wirklich dekompositorisch wirkender Kräfte ganz nicht jüdischer Abkunft auf denselben Gebieten. Das zu Beanstandende ist hier vielmehr wieder die Vortäuschung eines unwahren Sachbestandes, indem man durch die Ableugnung der Existenz und der eigenen Vertretung jüdischer Kultur ideale einerseits ein Positivum als negativ ausgibt, andererseits das gesamte Judentum als Träger solcher selbstleugnerischen Seinsart hinstellt, da jene seine Vertreter vor der Welt der anderen Nationen die sichtbarsten sind und die Hauptquelle ihres Urteilens bilden. Der eigentliche Jude beginnt erst dort, wo er sein Bewußtsein des Judentums als das primum movens seines individuellen Seins mit all den Bitternissen, Ahnungen und Verpflichtungen dieses Bewußtseins hinnimmt und dieses Sein dem gewaltigen Leben der Welt in irgendeiner Weise zur Verfügung stellt. Die Juden als Pioniere der mannigfaltigsten Kulturarbeit im Dienste des fest umrissenen Lebens der verschiedenen Heimatnationen leisten in ihrer Gesamtheit einen Anteil an diesem wichtigsten Werke, dessen weitaus überwiegend positive Bewertung von keinem gerechten Beurteiler eine Zurückweisung erhalten kann, es sei denn, daß man auf dem geistig unerlaubten Standpunkte steht, daß jede positive Arbeit eines Juden eben darum nicht positiv sei, weil sie von einem Juden stammt. Zugegeben, daß auch dem ganz oder halb abgewandten Juden ein ernster und kühner Wurf von allgemeiner Tragweite mannigfach gelingt: seine Doppel- und Schiefstellung innerhalb der Welt wird dadurch nicht aufgehoben, seine Psyche und sein tieferes Gewissen erfahren dadurch nur einige Beruhigung, keine endgültige feste Einwurzelung in der umgebenden Kultur, der sie so eifrig dienen — und diese Trübung der zentralen Fäden, die einen Menschen mit der Umwelt verbinden, ist auf die Dauer für jedes positive Schaffen ein zerstörendes Gift. Die Schwere solcher Doppelstellung ist in gewissem Sinne unüberwindbar auch für die echten Juden, soweit sie im allgemeinen Kulturleben stehen; nur wird sie dann als Schicksal gläubig und demütig hingenommen, die tragische Grundnote alles jüdischen Wirkens — obwohl deren vollem Empfinden nicht alle gewachsen sind — wird als gottgewollte, irgendwie der Natur der Dinge und ihren Zwecken zustehende Notwendigkeit betrachtet, die den {Jeist nur erzieht, nicht schwächt, nur erhebt, nicht niederzwingt. In den Momenten des Alleinseins mit ihrer Seele, in der auf sich ruhenden Einsamkeit ihres Ich, dem Brunnen aller menschlichen Schöpfung und Schaffenskraft, bleiben sie so Eins, nicht zerrissener Zwiespalt. Herman Glenn

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