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Der Jude · 1916-04-01 · Inhalt · p. 4

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Journal
Der Jude
Volume
1 (1916-1917)
Issue
Inhalt
Article
Das Volk und der Einzelne
Date
1916-04-01
Page
4 (sequence 1)
Language
German
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IRI
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4 Herman Glenn: DAS VOLK UND DER EINZELNE Seit der Zersprengung ihres engeren weltlichen Reiches weist die jüdische Nation eine gänzlich irrationale Geschichte auf, deren tatsächliche Gliederung keiner Subsumierung unter die sonst allgemein gültigen historischen Kategorien des Völkerlebens fähig ist. Eine Folge dieser Entwicklung ist auch die gänzlich irrationale tatsächliche Gliederung des jüdischen Volkes von heute, die rein als bestehende Erscheinung zu nehmen ist, nach der aber trotzdem alle Formung und Lenkung des jüdischen Lebens sich zu richten hat. Wo bei den anderen Völkern ein Neben- und Übereinander ist, erscheint bei uns ein Aus- und Durcheinander. Dort ein sich selbst genügendes organisches Gebilde, dessen einzelne Teile sich gegenseitig stützen und ergänzen: Landwirtschaft und Industrie, Adel und Bürgertum, Bauern- und Arbeiterschaft, Heer und Volk, Führer und Gemeinschaft, Kultur und Land; bei uns — ein äußerlich gröberes und in sich subtileres, nahezu undefinierbares Gefüge von rein geistigem Zusammenhang, auch wo sich der letztere durch Bande des Blutes und der Bräuche nur physisch spiegelt. Wenige Zehntausende von jüdischen Landwirten, Gärtnern und Bauern mit einer wenige Hunderte dünnen Schicht von Gutsherren; einige Hunderttausende von Arbeitern neben einer meist undisziplinierten Fabrikantenklasse, welch letztere im eigentlichen Europa überdies nichts von den ersteren weiß und wissen will; eine unverhältnismäßige Fülle von Vermittlern, Handels¬ und Kaufleuten, mit einer materiell mächtigen und augenfälligen Zuspitzung bei den oberen Zehntausend im Dienste — und teilweise in der Beherrschung — von Bank und Börse; der gebürtige Adel verschollen und verwischt, untergetaucht in den zerwürfelnden Fluten dumpfer Jahrhunderte der Verfolgung und Qual, kaum noch allein in den theokratischen Zweigen unsicher erhalten — daneben ein ebenfalls unsicher erhaltenes Patriziertum, das sich zu einem großen Teile von seinem eigentlichen Volke abgewandt hat. Zu all dem Trüben kommt nun die entscheidende räumliche Trennung, die Aufhebung der sonst als cpndicio sine qua non auftretenden Landesgemeinschaft, und damit auch das brennendste Wahrzeichen jüdischer Eigenart. . . Die Einreihung des einzelnen Juden innerhalb seiner Nation ist ganz durch die Stellung gezeichnet, die er zu diesem einschneidenden geographisch-internationalen Problem des „Galuth", der Diaspora einnimmt. Wo die Religion, dieses kostbarste Kleinod eines Volkes, noch lebendig wirkt oder wenigstens nachwirkt, ist jede Antwort eine rechte Wehr: ob man nun in der Zerstreuung eine Prüfung und Strafe Gottes erblickt, oder eine Vorbereitung auf erlösende Zeiten, oder eine unerklärbare Fügung, der man sich selbst zu fügen hat. Für das jüngere jüdische Geschlecht aber ist die Religion — das heißt dasjenige, was es unter dem Bilde der Religion höchstens als erhalten ansieht, bei weitem nicht bindend genug: höchstens nur, daß die Reste der Tradition eine rückhaltlose Abkehr in vielen Fällen gerade noch zu verhindern imstande bleiben, was dann bei der nächstfolgenden Generation wieder in Brüche zu gehen droht. Es liegt dies nicht an der „Zeit" und ihren Strömungen, die vielmehr wieder ein immer deutlicheres Anschwellen der gemeinschaf tsformenden religiösen Instinkte — nicht nur der bloßen verschwommenen Religiosität der Individuen — erkennen lassen, dessen Folgen gar nicht zu übersehen sind, das vielleicht in nicht so ferner Zeit sich bis zu erneuten gewaltsamen Erschütterungen des Seelenlebens der Nationen steigern kann. Es liegt vielmehr an dem tiefgehenden Bedürfnis

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