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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1938-11-01 · 2 (11.1938) · p. Seite 5

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
17 (1938)
Issue
2 (11.1938)
Date
1938-11-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2 November 1938 „Jüdisches Gemeindeblatt für Frankfurt" Seite 5 Drei Tage vergingen, und der Mann war immer noch nicht tot; man forschte nach und entdeckte die Tat des Mädchens und bestrafte es fürchterlich. Man tauchte es ganz und gar in Honig und setzte es aufs Dach in der Sonnenglut, die Bienen kamen und stachen es zu Tode." — Auch hier dasselbe Motiv. Mangel an Mitgefühl für den Fremden und für den Armen, das ist in den Augen der Alten die Sünde Sodoms. Die innere Einheit in der Geschichte Den Scheitelpunkt des Berichtes von Abrahams Leben bildet die Versuchung auf dem Berge Morija, die Hingabe des Sohnes. In der Einleitung steht der Salz (1. M. 22, 3): „Früh am Morgen erhob sich Abraham und sattelte seinen Esel." Und daran knüpft sich die phantastische Be- Persöniichkeiten der Rabbi Chija von Dr.-Abraham Heschel Die Juden in Palästina, das Volk und die Gelehrten, lebten in Furcht: die Tora könnte ihnen verlorengehen. Das Land war ihnen entglitten, die Führer getötet und die Sicherheit des Daseins genommen. Sie waren zum großen Teil Flüchtlinge, Auswanderer und Märtyrer. Ihre Kinder konnten nicht unterrichtet und die Bildungsstätten für Richter und Lehrer kaum erhalten werden. Das Unglück schwebte über ihnen . . . „Die Tora wäre beinahe in Vergessenheit geraten - wenn nicht Rabbi Chija gekommen wäre!" Die Verhältnisse in Palästina hatten sich gewandelt. Das Land erholte sich allmählich von den Aufständen und Kriegen. Ein geistiges Leben begann sich zu regen, Aus Babylonien, in das vor kurzem noch ein mächtiger Auswandererstrom aus Palästina mündete, kamen nun zahlreiche Juden, um sich am Wiederaufbau des Heiligen Landes zu beteiligen. Um diese Zeit kam der in hohem Ansehen stehende Rabbi Chifa - den man zuweilen Rabbi Chija den Großen nannte — und seine Söhne nach Palästina. Sein Erscheinen war ein Ereignis, epochemachend und wurde als Fügung angesehen. Er wurde mit den großen geschichtlichen Gestalten verglichen, mit Esra und Hillel, die, wie er, aus Babylonien kamen, „um die Tora zu erneuern". Das Besondere an seinen Leistungen, durch die er sich diese historische Bedeutung erwarb, war durch die menschliche Eigenart seines Wesens bestimmt. Rabbi Chija liebte die kleinen Dinge. Ihm waren die geringfügigen Aufgaben wesentlich. Er kümmerte sich um die Bereiche, denen die anderen am wenigsten Beachtung geschenkt hatten. Er nahm den Alltag wichtig und die Gegenwart. Er hatte nicht das Verlangen, seine Theorien vor gelehrten Schülern vorzutragen. Das große Vermögen, das er aus Babylonien mitbrachte, verwendete er nicht dazu, eine Akademie zu gründen und Jünger aus vielen Ländern auszuhalten. Er war kein Mäzen den Forschern des Gesetzes,. sondern ein Helfender den Weisen und den Anfängern. Er ging. in die Provinz, zog von Stadt zu Stadt, um die kleinen Kinder das. Alphabet zu lehren. „Ich baue Flachs und flechte Ne^ze, dann fange ich Hirsche und gebe das Fleisch den Weisen zu essen und fertige aus den Häuten Pergamentrollen an. Sodann gehe ich nach Osten, in denen keine Lehrer für die Kinder sind, und schreibe die fünf Bücher der Tora für fünf Kinder und lehre sechs Kinder die sechs Ordnungen der Mischna. Dann gebe ich jedem auf, seine Ordnung seinen Kameraden zu lehren." Diese schlichte, sehr unfeierliche Art und die Stille einer menschlichen Güte waren ihm eigen. Er hatte das Format eines souveränen Geistes, aber er ordnete sich seinem Zeitgenossen, dem Fürsten Rabbi Jehuda Hanassi, unter. Das Nebeneinander in der Zeit mit Rabbi Jehuda Hanassi engte die Wirksamkeit und die Geltung Rabbi Chijas ein. Die Verdienste Rabbi Chijas, die nationale und geistige Situation, in der er lebte, waren vielleicht wirklich denen merkurig: „auf diesem selben Esel ritt Mosche nach Aegypten zurück, um das Befreiungswerk zu vollziehen. (2. M. 4, 20). Auf diesem selben Esel wird einstens der Messias in Jerusalem einziehen (Secharj. 9, 9)." Eine seltsame Aeußerung! Daß sie nicht wörtlich gemeint ist, liegt auf der Hand. Was aber ist ihr tieferer Sinn? In einer einzigen Schau wird hier eine innere Beziehung, eine unauflösliche Verbindung hergestellt zwischen dem unbedingten Opfer willen, wie er in Abraham und Jizchak zum Ausdruck kam, und der Geschichte Israels. An ihrem Anfang steht das Befreiungswerk Mosches und am Schluß die messianische Endzeit, die erträumte Zeit des Friedens und der Gerechtigkeit auf Erden. Das lebendige Leben der Geschichte, die Arbeit am Wohle der Menschheit, sie alle aber sind undenkbar ohne die Kraft zum Opfer. jüdischen Geschichte Esras und Hilleis ähnlich. Während aber diese Männer die Aufgaben ihrer Zeit allein vollbringen konnten, wirkte als Zeitgenosse Rabbi Chijas der Fürst Rabbi Jehuda im Heiligen Lande. Er verzichtete, wie es scheint, auf jede führende Tätigkeit. Er bekleidete kein Amt und hatte keine öffentlichen Würden inne. Sein Verhältnis zu Rabbi Jehuda Hanassi war sehr problematisch. Da er berühmt und jenem an Gelehrsamkeit keineswegs unterlegen war, konnte ihn Rabbi Jehuda Hanassi nicht als Schüler, sondern mußte ihn als ebenbürtig betrachten. Aber der Fürst eignete sich anscheinend wenig für Kollegialität. Die Demut war nicht eine Eigenschaft an Rabbi Chija, sondern sein Wesen. Nicht nur die Weise des Wirkens und die Haltung Rabbi Chijas, sondern die Struktur seines Lebens kam aus seiner Bescheidenheit. Ein Zeitgenosse sprach einmal Rabbi Chija gegenüber seine Ueberlegenheit aus: er könnte, wenn die Tora in Jisrael in Vergessenheit geraten sollte, sie durch seinen Scharfsinn wiederherstellen. „Und ich" - erwiderte ihm Rabbi Chija - „sorge dafür, daß die Tora in Jisrael nicht in Vergessenheit gerate." Die Gelehrten empfanden für den Am-Haarez Verachtung. Rabbi Chija hatte für das gemeine Volk Liebe und widmete seine Lehren den einfachen Leuten. Der Aristokrat Rabbi Hanassi bestand auf der Exklusivität im Unterricht der Lehre. Rabbi Chija lehrte in aller Öffentlichkeit. Dies zog ihm den Groll des Patriarchen zu, der angeordnet hatte, die Schüler nicht auf offener Straße zu unterrichten: „Wie die Hüften verborgen sind, ebenso die Worte der Tora". Als der Patriarch erfuhr, daß Rabbi Chija trotzdem auf offener Straße unierrichtete, ärgerte er sich sehr und gab ihm eine Strafe: Dreißig Tage durfte Rabbi Chija ,den Patriarchen nicht besuchen. Rabbi Jeduda Hanassi hatte die wichtigsten Lehrsätze gesammelt und das Gesetzbuch der Mischna geschaffen. Rabbi Chija richtete sein Augenmerk auf die Masse der Lehrsätze, welche die offizielle Anerkennung nicht gefunden hatten und in die Traktate der Mischna nicht aufgenommen worden waren. Er hielt mühevolle Nachlese, heimste den vernachlässigten Stoff ein, stellte aber kein neues System auf, sondern legte die „außengebliebenen Sätze" in Anlehnung an den Aufbau der Mischna in einem Nebenwerk' - in der Tosefta - an, gleichsam in' Form von Glossen, die das Kernwerk an Umfang übertrafen. Er strebte nicht nach Autorität. Es ging ihm nicht um Leistung als persönliche Tat, sondern nur um das Werk. Sein Leben war arm an äußerem Glanz, in der Oeffentlichkeit wie auch in der Familie. „Den Rabbi Chija quälte seine Frau, dennoch pflegte er, wenn er etwas für sie fand, es in sein Sudarium zu wickeln und ihr zu bringen. Seinem Neffen, der zu ihm sprach: „Sie quält ja den Meister" erwiderte er: „Es genügt, daß sie unsere Kinder erziehen und uns vor Sünde bewahren." Ein andermal aber sagie er zu seinem Neffen: „Der Allbarmherzige bewahre dich vor dem, das schlimmer ist als der Tod", und spielte dabei auf den Vers an: „Bitterer als den Tod finde ich die Frau".

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