Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 17 (1938)
- Issue
- 2 (11.1938)
- Date
- 1938-11-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 „Jüdisches Gemeindeblatt für Frankfurt" Nr. 2 November 1938 eihigung des Menschen mit Gott die Schranke, die Kluft, überbrückt ist, und es ist nicht die äußere Haltung, sondern / die innere Bereitschaft der Seele, auf die allein es ankommt. Wer ist würdig? Es heißt weiter: „Er erhob seine Augen und sah, da, drei Männer standen vor ihm". Es ist sehr zu beachten, daß in dem ganzen Kapitel die drei Gäste „Männer" genannt werden, erst in dem nächsten Kapitel, in dem der Besuch zweier von ihnen bei Lot und die Zerstörung Sodoms berichtet wird, werden sie „malachim" genannt, was der Volksmund, mit „Engel" übersetzt und was in seiner Grundbedeutung einfach „Bote" heißt. Daß aber die ganze Engel-Auffassung nicht eine ursprünglichjüdische ist, geht aus der folgenden Aeußerung des Midrasch hierzu hervor. „Rabbi Chanina sagte, die Namen der Monate brachten die Juden aus Babylon mit. Resch Lakisch sagte, auch die Namen der Engel, wie Michael, Rafael, Gabriel." Auch Abraham war sich über ihre Natur nicht im klaren. Rabbi Lewi sagte: „Einer schien ihm wie ein Getreidehändler auszusehen, der andere wie ein Schiffer und der dritte wie ein Araber. Abraham sagte sich, wenn ich sehe, daß die Gegenwart Gottes auf. sie wartet, werde ich wissen, daß es würdige Männer sind. Und als er nun sah, daß sie gegenseitig ehrerbietig zueinander waren, wußte er, daß er es mit würdigen Männern zu tun hatte". - Man lese aus dieser Bemerkung vor allem heraus, daß das gegenseitige respektvolle Verhalten von Menschen untereinander das Zeichen ihrer "Würdigkeit ist. Aber hier beginnt nun auch der Wille, aus der Erzählung vor allem die Pflicht zur Gastfreundschaft herauszulesen.. Die große Gastfreundschaft „Rabbi Abahu sagte: Abrahams Gehöft war nach zwei Seiten geöffnet, so daß gleichsam eine breite Straße hindurchging",- — damit der Wanderer von jeder Richtung her ein offenes Haus finde. - „Als er aber sah, daß sie nach einer andern Richtung abbogen, lief er sofort zu ihnen hin und bückte sich vor ihnen". Es heißt „Abraham eilte ins Zelt zu Sarah und sprach, beeile dich, nimm drei Maß feines Mehl, knete es und bereite Flachbrote." Dazu Rabbi Ebjatar: „Neun Maß buk sie, drei zu Flachbroien, drei zu süßer Mehlspeise, drei zu Honigkuchen." Es heißt ferner: „und zu den Rindern lief Abraham und er nahm ein junges Rind, zart und gut". Auch hier begnügt der Midrasch sich nicht mit dem einfachen Schriftwort, er wertet die drei Worte: junges Rind, zart, gut, jedes für sich selbst und spinnt nun aus: „drei Rinder holt erf warum? um jeden Gast mit einer Zunge zu bewirten." - All das, um Abrahams hingebende Gastfreundschaft ins hellste Licht zu rücken und um die Nacheiferung zu erwecken. Darum begleitet er auch die Worte „und er gab es dem Knaben" mit den Worten: „Der Knabe, das war Jischmael, um ihn in die Erfüllung des Gebotes einzuführen und dazu anzuhalten." Wie so oft in der alten Deutung wird aber nun Abrahams Tun nicht für sich allein betrachtet, sondern es wird eine Verbindung zur Geschichte hergestellt, denn es ist die Eigenart des Midrasch, alle Begebnisse des Lebens der Erzväter mit der späteren Geschichte des Volkes in Beziehung zu setzen. Abrahams Wort und Tat spiegeln Jsraels Geschichte „Der Heilige, gelobt sei er, sprach zu Abraham: du hast gesagt, „man soll doch ein wenig Wasser bringen". Bei deinem Leben, ich will es deinen Kindern vergelten in der Wüste, wenn sie in ihrem Lande sind und in zukünftiger Zeit; in der Wüste - so steht's geschrieben (4. M. 21, 17) „damals sang Jsrael dieses Lied: „Steig auf, o Brunnen, singet ihm zu,-" im Land - denn so heißt's (5. M. 8, 7) „denn ER, dein Gott, bringt dich in ein gutes Land, in ein Land mit Wasserbächen, mit Quellen und Fluten, die in der Ebene und im Gebirg entspringen",-in zukünftiger Zeit - so heißt's (Secharj. 14, 8) „an jehemJTage fließen lebendige Wasser aus Jerusalem". Du hast gesagt, „dann wascht eure Füße". Bei deinem Leben, ich will das deinen Kindern vergelten ... in der Wüste - so heißt's (Jechesk. 16, 9) „und ich badete dich im Wasser ,- im Lande - soiheißt's - (Jeschaj. 1, 16) „waschet euch, reiniget euch"; in zukünftiger Zeit - so heißt's (Jeschaj. 4, 4) „wenn ER abgewaschen die Unflat der Töchter Zions". Du hast gesagt, „lehnt euch hier unter den Baum". Bei deinem Leben und s. w.; in der Wüste - so heißt's (Ps. 105, 39) „er breitete aus Wolken als Vorhang"; im Lande, so heißt's - (3. M. 23, 42) „in den Hütten sollt ihr wohnen sieben Tage lang"; in zukünftiger Zeit - so ist's verheißen (Jeschaj. 4, 6) „und eine Hütte wird sein zum Schatten bei Tag vor der Glut". Du hast gesagt „ich will holen einen Bissen Brot". Bei deinem Leben usw. ... in der Wüste — so steht geschrieben (2. M. 16, 4) „siehe, ich lasse euch Brot vom Himmel regnen"; im Lande, so steht's - (5. M. 8, 8) „ER dein Gott bringt dich ... in ein Land des Weizens und der Gerste"; in zukünftiger Zeit - denn es ist verheißen (Ps. 72, 16) „Kornfülle wird sein im Land". Von dir ist gesagt „zu den Rindern lief Abraham", bei deinem Leben . . .; in der Wüste - so heißt's (4. M. 11, 31) „ein Wind erhob sich von IHM und trieb Wachteln vom Meer herbei"; im Lande - es heißt (4. M. 32, 1) „viel Herdenbesitz hatten die Söhne Reubens und die Söhne Gads"; in künftiger Zeit - so steht's (Jeschaj. 7. 21) „es wird sein an jenem Tage, da hält ein Mann sich eine Jungkuh und zwei Schafe, und weil man viel Milch erzeugt, wird man Rahm essen". Von dir heißt es „und er stand bei ihnen". Bei deinem Leben, deinen Kindern werde ich es vergelten . . . ,-in der Wüste, so heißt es (2. M. 13, 21) „ER ging vor ihnen her, tags in einer Wolkensäule, ihnen den Weg zu weisen"; im Lande - so heißt es (Ps. 82, 1) „Gott steht in der Gemeinde Gottes"; in künftigen Tagen - denn so ist es verheißen (Micha 2, 13) „der Wegebrecher steigt vor ihnen her." Sag' nichts weiter! Eine merkwürdige Aeußerung begleitet die Wiedergabe von Sarahs Antwort auf die Ankündigung von Jizchaks Geburt. Die Bibel berichtet, daß Sarah auf die Ankündigung, daß sie noch eines Knaben genesen würde, gelacht und gesprochen habe: „nachdem ich verwelkt, sollte mir noch Lust werden? und mein Herr ist alt". Darauf, fährt die Erzählung fort, sprach Gott zu Abraham: „Warum lacht denn Sarah und denkt, soll ich wirklich noch gebären,'-da-ich doch alt geworden?" Aber nicht ist von Sarahs Rede wiedergegeben, daß sie gesagt hatte, „mein Mann ist alt." Dazu der Midrasch: „Groß ist der Frieden, denn selbst die Heilige Schrift ging an der Wahrheit vorbei, um den Frieden zwischen Abraham und Sarah zu erhalten.". — Das will die Lehre,' vermitteln, daß man, wenn nicht ein geradezu zwingender Grund gegeben ist, einem nie etwas von der Rede eines andern über ihn sagen soll, was auf ihn unangenehm wirken würde. Das ist nicht nur eine Regel der Lebenskunst, der Höflichkeit, sondern das gegenteilige Tun würde einen Mangel an Kraft verraten, sich in die Seele des andern zu versetzen. Man soll es ängstlich vermeiden, irgend jemand auch nur eine Minute Aerger oder unangenehmer Empfindung zu bereiten. ' Sodoms Sünde An die Erzählung von dem Besuch bei Abraham, schließt sich der Bericht vom Untergang Sodoms an. Sodom ist 'von jener Erzählung der Bibel her der Inbegriff aller Sünde und des Lasters. Aber in der Bibel selbst steht nur, daß die Menschen von Sodom böse und sehr sündig waren. Doch.es ist mit keinem.Wort gesagt, was denn nun ihre Sünde war. Hier nun setzt die Phantasie der alten Deuter ein, und aus dem, was sie als Sünde der Leute von Sodom benennen, kann man schließen, was in ihren Augen die schlimmste Sünde war. Sie erzählen unter anderem: „Weil der Heilige, gelobt sei er, sie mit allem Guten überschüttet hatte, wurden sie übermütig und sprachen: Da wir in solcher Ruhe und in solch behaglichem Leben sind, wollen wir keine Fremden haben, laßt uns Vorsorge dafür treffen, daß kein Fremder unser Land betritt." Das also war ihre Sünde, sagen die Alten, daß sie um der behaglichen Ruhe des eigenen Lebens willen keinem Fremden Zutritt gestatteten. Die Erzählung lautet weiter: „Sie hatten unter sich ausgemacht, daß sie keinem Armen, der zu ihnen kam, Brot geben wollten. Wer wollte, gab ihm einen Denar und schrieb versteckt seinen eigenen Namen darauf. Aber für das Geld bekam er nirgends etwas zu kaufen. Und wenn er dann Hungers starb, kam jeder und nahm sich seinen Denar zurück. Da war aber einmal ein Mädchen, das mitleidsvoll dagegen sich auflehnte und einem Armen ein Brot heimlich zusteckte.