Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 12 (9.1938)
- Date
- 1938-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 12 September 1938 „Jüdisches Gemeindeblaix für Frankfurt'1 Seite 5 ordnete man an, daß jedem, auch dem,- der selbst zu lesen verstand, der Abschnitt vorgelesen werde und er ihn nachspricht". Es sollte eben das Gefühl eines jeden geschont werden, keiner brauchte auch nur zu befürchten, daß er beschämt werden könnte. So wird bis heutigen Tags jedem, der unter dem Trauhimmel steht, gleich ob er ein der hebräischen Sprache Kundiger ist oder nicht, die Trauungsformel vorgesagt, und er spricht sie nach. Segen Der großen Strafrede geht ein Segen voraus (5. M. 28,14). In ihm findet sich der Satz „gesegnet seist du in der Stadt, gesegnet auf dem Felde". Dazu die Erklärung : „Was heißt das, gesegnet seist du in der Stadt? Dein Haus möge in nächster Nähe der Synagoge sein". Man lese daraus, wie sehr man es als Segen empfunden hat, sein Gebet nicht als Einzelner, sondern in der Gemeinschaft verrichten zu können. „Was heißt das, gesegnet seist du auf dem Felde? Möge dein Acker in der Nähe deines Hauses seih". Welche Verbundenheit mit dem Boden, welche Erdnähe spricht daraus! So kann nur jemand denken, der ganz und gar in landwirtschaftlichen Gedanken denkt. - Ein anderer Salz lautet „gesegnet seist du bei deinem Eingang, gesegnet seist du bei deinem Ausgang". Er erfährt die Deutung: „Es sei dein Ausgang aus der Welt wie dein Eingang in sie, wie dieser ohne Sünde ist, so sei jener ohne Sünde". Der Satz ist dogmatisch wichtig, denn er hat eine betonte Front gegen die Lehre von einer angeborenen Erbsünde. — Zu dem Satz aus dem Segen „ER möge dir öffnen seine gute Schatzkammer, den Himmel, zu geben Regen deinem Land zur rechten Zeit" bemerkt ein Midrasch in Anlehnung daran, daß aus dem hebräischen Wort für öffnen (patach) das Wort für Schlüssel (mafteach) abgeleitet ist: „drei Schlüssel sind in der Hand des Heiligen, gelobt sei er, und kein Geschöpf, kein Bote und Seraph hat Gewalt über sie, der Schlüssel zur Wiederbelebung der Toten, der Schlüssel, der den Schoß einer unfruchtbaren Frau öffnet und der Schlüssel zum Regen. Es geschah, daß ein Heide Rabban Jochanan ben Sakkai fragte : wir haben Feste und ihr habt Feste, wir haben die Kaienden und Saturnalien und das Fest des Regierungsantrittes des Kaisers, ihr habt euer Pessach und Wochenfest und Hüttenfest, wann ist ein Tag, an dem wir und ihr uns gemeinsam freuen? Rabban Jochanan antwortete, der Tag, an dem Regen fällt. —" Das ist eine klassische Bemerkung. Sie bringt zunächst das Universalistische im jüdischen Denken zum Ausdruck. Und dann hebt sie ins Bewußtsein, wie sehr die Natur, das Kosmische alle verbindet, wie alle den gleichen Naturgewalten unfer^ovfcvn sind, in Freude und Schrecken, im Aufbau und in Zerstörung. Unsegen In der Strafandrohung (5. M. 28,15-Ende) - man lese sie erneut aufmerksam durch und wird erschrecken über ihren Ewigkeitsgehalt - ist mancher Satz, der einer besonderen Deutung sich darbot. Einige seien hervorgehoben. Es heißt „du wirst am hellen Mittag herumtappen, wie der Blinde im Dunkel". Die einfache Erklärung wird das Wort „im Dunkel" auf das Dunkel beziehen, das durch das Erloschensein des Auges bedingt ist. Der Midrasch gräbt tiefer. „Rabbi Jose, sagte, alle meine Lebtage mühte ich mich um das Verständnis dieses Salzes, was bedeutet es für* den Blinden denn, ob es draußen hell oder dunkel ist? Bis ich einmal, mitten in finstrer Nacht einen Weg gehend, einen Blinden sah, der eine Fackel in der Hand trug. Ich fragte ihn, wozu brauchst d u eine Fackel $ Er erwiderte, wenn ich die Fackel trage, sehen mich die andern und können mich vor Gruben und Dornsträuchern zurückhalten. „Hier ist, gleichgültig ob das der Sinn des Bibelverses ist, der Gedanke scharf zum Ausdruck gebracht, daß alle Menschen aufeinander angewiesen sind, alle in einer Verbundenheit sind. Wir wandeln alle im Dunkel, und jeder ist darauf angewiesen, daß der andere auf ihn acht gibt". Ein Satz lautet „dein Leben erscheint in der Schwebe dir, fern von dir, in Angst wirst du sein Tag und Nacht und wirst deines Lebens dich nicht sicher glauben". Das Wort ist an sich kräftig genug. Die alte Deutung dehnt es noch aus. Was bedeutet „dein Leben erscheint in der Schwebe dir, fern von dir"? Damit ist der gemeint, der alle Jahre von neuem Getreide sich kaufen muß. Was bedeutet „in Angst wirst du sein Tag und Nacht"? Damit ist gemeint, wer von einer Woche zur andern, sich seinen Nahrungsbedarf kaufen muß. Und was bedeutet „du wirst deines Lebens dich nicht sicher glauben"? Damit ist gemeint, wer vom Bäcker abhängig ist (d. h. sich sein Brot nicht selber bäckt)." - Wiederum ist zu sagen, das ist die Redeweise von Menschen, die ganz und gar landwirtschaftlich denken, die sich ein wirklich unabhängiges Leben nur denken können, wenn man fest auf erbeigenem Boden lebt und von ihm seinen Tagesbedarf bezieht. Es heißt weiter „am Morgen sprichst du, ach, daß es Abend wäre, und am Abend, ach daß es Morgen wäre". Treffend ist hier die Unruhe der Seele geschildert, die einen aus der Unerträglichkeit des gegenwärtigen Augenblickes fliehen läßt. Wer denkt bei diesen Worten nicht an manche Stunde des eigenen Krankseins oder des Krankseins eines geliebten Menschen! Aber der Midrasch vertieft das Wort noch. „Welcher Morgen, welcher Abend ist gemein!? Der kommende? Aber wer weiß denn, wie es dann sein wird? (Vielleicht noch schlimmer). Gemeint ist der verflossene." - Das ist allerdings der Gipfel alles Unsegens, wenn man in dem Augenblick, den man nicht ertragen zu können glaubt, den vergangenen sich zurückwünscht, den man doch gestern noch als unmöglich ertragbar vermeinte/ wenn das Wort wahr wird, das der Midrasch prägte „an jedem Tage wird der Fluch, der über dich kommt, stärker sein als am vergangenen. Die Strafandrohung schließt ab mit dem Wort „dies sind die Worte des Bundes". Dazu die Bemerkung: „hier ist das Wort Bund gebraucht, und beim Salz des Opfers (3. M. 2,13) wird das Wort Bund angewandt. Wie das Salz das Opfer erst süß und gebrauchsfähig macht, so tilgen die Züchtigungen die Sünden." (Schluß). Die jüdischen Sprachen von Carl Cohen VI. Das Jüdisch-Griechische Bereits vor der Erhebung der Makkabäer (165 vor) waren die Berührungspunkte der Juden mit dem Hellenischen slark ünd zahlreich. Die Ueberselzung der Bibel ins Griechische, die sogenannte Septuaginla (LXX) - wohl eine der ältesten Uebersetzungen überhaupt (etwa 200 vor) -, zeigt die enge Berührung zwischen Juden und Griechen. Diese Beziehung ist nicht immer freundlicher Art gewesen,- der Talmud, Flavius Josephus u. a. berichten wiederholt von Kämpfen zwischen beiden Völkern. In.Saloniki, jener griechischen Stadt mit 60 000 Juden 25% der Bevölkerung, die als Tessalonich mit starker jüdischer Einwohnerschaft bereits im Jahre 53 (nach) durch Paulus erwähnt wurde, sprechen zwar die meisten Juden spaniolisch, ein Teil indessen jüdisch-griechisch. Die D ö n - „ raeh, die Nachkommen der Anhänger des falschen Messias Sabbathai Zwi (1666), sprechen gleichfalls jüdisch-griechisch. Sonst wird dieser Dialekt nur noch auf der Insel Rhodos gesprochen; in Volos in Nordgriechenland trägt man das Buch Esther mit griechischer Ueberseizung vor. Für unsere Betrachtung ist die jüdisch-griechische Mundart ziemlich bedeutungslos, wie wesentlich sie aber einmal war, beweisen die außerordentlich zahlreichen griechischen Fremdwörter, die bis auf den heutigen Tag im Hebräischen leben, z. B. „kategor Ankläger", „ssanegor Verteidiger", „prosdor Vorhalle" usw. Das griech. Wort „Synagoge" ist in ungefähr alle Judensprachen eingedrungen. VII. Die deutschen Judensprachen Die deutsche und die hebräische Sprache haben in drei verschiedenen Schnittpunkten zu drei voneinander unterschiedenen Judensprachen geführt: zum Jüdisch-Deutschen, zum Jiddischen und zum Judendeutsch in Palästina. Diese drei Sprachen haben gleiche Herkunft: sie entstanden als Sprachen deutsch redender Juden,- aber drei verschiedene Länder sind ihre Heimatländer-, das Jüdisch-Deutsche entwickelte sich in Deutschland, das Jiddische im nahen Osten