Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 12 (9.1938)
- Date
- 1938-09-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 „Jüdisches Gemeindeblatt für Frankfurt" Nr. 12 September 1958 SOFIE ROSSBACH | früher Leitetin bei Gerstel Kaiserstrasse 25 (Laden) W I Damen hüte Damenkleider Heue Herbst-Modelle Europas, das neue Judendeutsch in Palästina. Zwischen dem Jiddischen und dem Jüdisch-Deutschen besteht indessen noch . ein inniger Zusammenhang,- diese beiden Sprachen entstanden aus dem alten Jüdisch-Deutschen, das etwa bis ins 13. Jahrhundert03) von den Juden Deutschlands gesprochen wurde. Danach aber setzte die Auswanderung von Juden aus Deutschland in den Osten ein, und diese Auswanderer nahmen zwar ihr Jüdisch-Deutsch mit sich, entwickelten es aber selbständig weiter. Die in Deutschland verbleibenden Juden entwickelten ihre Sprache von der gleichen Grundlage, aber unter anderen kulturellen und sozialen Verhältnissen weiter, sodaß wir im Jiddischen und Jüdisch-Deutschen zwei eng verwandte Sprachen vor uns haben, die etwa seit dem 13. Jahrhundert ihre eigene Entwicklung durchgemacht haben. Die Juden in Deutschland blieben unter dem Einfluß der deutschen Sprache, machten deren Entwicklung zum Teil mit; im Osten dagegen war das deutsche Sprachelement innerhalb der slawischen und finnisch-ugrischen Sprachen isoliert und nahm einige slawische Elemente auf (z. B. „pripetschik" Kamin"), vor allem aber drangen sehr viele hebräische Elemente in diese Sprache ein. Aber auch in rein hebräischen Ausdrücken sind Unterschiede zwischen beiden Sprachen zu bemerken,- so heißt „Gebetbuch" im Jiddischen „siddur (wörtlich Ordnung, dann Gebetsordnung)" im Jüdisch-Deutschen „tefille (eigentlich Gebet)". a} Das Jüdisch-Deutsche Offensichtlich erst nach Abwanderung der heute jiddisch redenden Juden sind Wörter wie „oßer" und „nebbich" entstanden. Beide sind unklarer Herkunft, und es' dürfte wohl nicht richtig sein, mit Zoozmann04) das Wort „oßer" aus Schillers Don Karlos (O Sire) abzuleiten. „Nebbich ist vielleicht von ne-bu-ich (entsprechend dem hebr. „lo alechem nicht bei euch") abgeleitet. Im Hebräischen und Jiddischen sind beide Wörter nicht vorhanden. Wenn zu Chanukkah mit dem „Trendel" gespielt wird, denkt man wohl kaum daran, daß „Trehdel" oder „Drehdel" im Mittelhochdeutschen „Kreisel" bedeutete65), wenn man die „milchdingen neun Teg", überhaupt die Nachsilbe „ding" oder „dig" erwähnt, wenn die Hausfrau vor Pessach „schütiell" und am Samstag die „Kuggel" auf den Tisch bringt, so vergißt man, daß hier altes deutsches Sprachgut konserviert worden ist. „Schnorrer" kommt von „Schnurre-Erzählung", weil der Schnorrer den Spender durch eine Erzählung gebefreudig stimmt. In der jüdisch-deutschen Sprache zeigt sich „eine ganz eigentümliche westöstliche Verbindung zweier verschiedener Sprachen . . . Hier finden sich nicht nur hebräische und talmudische Wörter neben deutschen Wörtern, sondern auch Amalgamierungen beider Sprachelemente in einzelnen Wörtern." 6C) Eine ganze Reihe „verdeutschter" hebräischer Wörter sind im Jüdisch-Deutschen, ebenso wie im Jiddischen vorhanden: „be-schtuß-t (verrückt)", „be-laam-t (geschmackvoll)", ebenso das Gegenteil: „unbe-taam-i",- parallel dazu, aber ohne das angehängte i: „be-kowed (ehrbar)" von „kawod Ehre", oder auch Wörter wie „gedibber Geschwätz" (von dibber reden). Verben wie „mauchel sein verzeihen" oder „schassjenen trinken" (hebr. schatah, bzw. in der in Deutschland üblichen Aussprache schossoh), „ganewen stehlen", „schmusen schwatzen" (von schama hören: schmuoth - oder in der anderen Aussprache: schmuaus - Gerüchte) und vieles andere. Neben „oren beten" (von orare), „benschen das Tischgebet sagen" (von benedicere), „Schalet" (wahrscheinlich von escalento warm07) aus dem Italienischen hat das Jüdisch-Deutsche vermutlich aus dem Französischen den Ausdruck „Schmuss barjentes" (Schmuss pour rien dire Geschwätz, um nichts zu sagen) 68) °3) Die ersten Gheiti, die also die Festigung der jüdisch-deutschen Sprache bewirkten, werden in Deutschland mit 1215 datiert. 64) Zitatenschatz, Leipzig 1919, Spalte 914. übernommen. Aramäische Wörter, die auch im Jiddischen da sind, sind z. B. „klawte Hündin", „dawke erst recht". Das aram. Wort „chuzpa Frechheit" hat als Eigenschaftswort eine französische Endung erhalten: „chuzperiös frech". Man sieht an dieseji Beispielen, besonders den Verben, daß die Beugung der hebräischen Wörter im Jüdisch-Deutschen durchaus entsprechend der deutschen Grammatik erfolgt,- es ist ein Charakteristikum aller Mischsprachen, daß die Grammatik sich ausschließlich nach der Grundsprache richtet G9). Eine scheinbare Ausnahme bilden die Mehrzahlendungen: „ganowem Diebe". Aber diese Endungen werden sehr oft falsch angewandt, so hört man „talessim Gebetmäntel" statt talijaus (in der palästinensischen Aussprache ialijoth); „amrazzim ungebildete Menschen", Mehrzahl von am hoorez, statt arame hoorez (amme haarez) in der Mehrzahl,- „baale baiiim Familienväter, Hausbesitzer, Spießbürger" statt baale bajis (baale bajith). Sehr interessant sind auch andere Veränderungen hebräischer Wörter. Die Endung wird meist vernachläßigt (schabbes statt schabbos,- mischpoche statt mischpocho). Manche Wörter sind kaum wiederzuerkennen, besonders, wenn, wie in Frankfurt oder im südlicheren Deutschland, der Dialekt zu einer weiteren Umgestaltung der Wörter geführt hat. Es ist z. B. schwer, in „gees" (Stolz) das hebräische geuss (geuth) zu erkennen,- in „cherpe newusche Schmach und Schande" ist cherpo uwuscho kaum noch sichtbar,- „dajes =N Sorgen" erinnert kaum noch an deogaus (deagoth),- „lehachliss zum Aergern" (in Essen hörte ich „zehachliss") kommt von lehachiss, Stamm kaas zürnen,- „newere Sünde" von awero (awerah). Das hebräische Ajin, das wir in Deutschland ja überhaupt nicht aussprechen, tritt in diesen Beispielen das eine Mal als L, das andere Mal als N auf,-, von holländischen Schulkindern habe ich es als Ng gehört. Jüdisch-deutsche Formen finden sich auch in der deutschen Sprache, „joker ieuer", „tuwte schön" hört man auch bei Nichtjuden 70). Diese jüdisch-deutsche Sprache ist gelegentlich neben dem Hebräischen als „loschen hakkaudesch Sprache des Heiligtums" bezeichnet worden 71),- seif der Emanzipation verschwindet sie aber mehr und mehr. Heute ist sie fast nur noch als familiäre Umgangssprache in Gebrauch. Die meisten jüdisch-deutschen Wörter haben einen vertraulich-gemütlichen Anstrich, und wenn wir vorhin „chuzperiös" mit „frech" übersetzten, so ist diese Uebersetzung etwas zu hart: das jüdischdeutsche Wort ist etwas versöhnlicher. Viele Wörter dieser Sprache sind nur in einigen Gegenden Deutschlands bekannt.. Die jüdisch-deutsche Literatur nimmt einen großen Umfang ein,- sie ist mindestens seit dem 13. Jahrhundert bezeugt. Der erste Druck erschien 1534. Die liierarischen Produkte in dieser Sprache sind hauptsächlich Sagen, Rilier- °5) Lexer, Mittelhochdeutsches Handwörterb. II. Leipzig 1876. Spalte 1503. 6ß) M. Grünbaum, Jüdisch-deutsche Chrestomathie. Leipzig 1883, Seite 5. 67) Die jem. Juden bezeichnen verschiedene ähnliche Sabbatspaisen mit „chammin", was ebenfalls „warm" bedeutet. S. Brauer, a. a. O., Seite 103. Elia Levita (1469-1549) berichtet, daß im Jüdisch-Deutschen viele franz. Wörter sind. G9) S. M. Müller. Die Wissenschaft der Sprache. I., S. 82,- ferner M. Grünbaum. Mischsprachen und Sprachmischungen. Berlin 1885. 70) Bereits in alter Zeit sind hebräische Wörter ins Deutsche eingedrungen, z. B. Abt von „aw Vater",- Jubiläum von „jowel 50. Jahr",- Kaff er von „kfar Dorf". S. E. Littmann a. a. O. Eine Lehnübersetzung von „erew schabbaih" ist Sonnabend. 71) A. H. Heymann. Lebenserinnerungen. Schockenband: Jüdische Memoiren aus drei Jahrhunderten.