Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 11 (8.1938)
- Date
- 1938-08-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3094266-3094451-3094462--6183-3100983- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Seite 6 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Nr, 11 August 1938 A. BREITENSTEIN KONSTABLER WACHE - FAHRGASSE 12! u. 150 Rest-Posten in Herren-Hemden _Krawatten und Socken etc. etc. Bei Tanger, sowie in Tripolis, wird Jüdisch-Arabisch gesprochen. In allen diesen Dialekten gibt es „keine hebräisch-aramäischen Ausdrücke und religiösen Phrasen, wie sie in jeder anderen Judensprache auftreten, auch nicht etwa arabische Endungen an hebräischen Wörtern, sondern nur Eigentümlichkeiten auf dem Gebiet der Aussprache, Formenlehre und des Satzbaues."46) . Besonders interessant ist aber der Judendialekti von Algier.47} Diese Mundart ist zunächst Arabisch, enthält aber sehr viele nichtarabische Wörter,- insbesondere aus dem Französischen „gurnar ioürnal, Zeitung"), sehr viele aus dem Spanischen („gusto Vergnügen"), einige aus dem Italienischen („galatumo galantuomo, Ehrenmann") und schließlich aus dem Hebräischen. Wörter aus dem religiösen, juristischen und geistigen Leben („aguna üngeschiedene, aber verlassene Frau"). Andere hebräische Wörter berühren von weitem die religiöse Sphäre, z. B. ifmechila Verzeihung". Allerdings ist die Anzahl der hebräischen Wörter sehr gering,. geringer noch als im Jüdisch- Spanischen, wohl weil sich das religiöse Leben der Juden von dem der Bekenner des Islams weniger unterscheidet als von dem der Christen. Aus dem Griechischen ist wie auch im Jüdisch-Deutschen das Wort „snuga Synagoge". Auch in eine' Geheimsprache der algerischen Mohammedaner sind einige hebräische Wörter eingedrungen, besonders die Zahlen. Ein weiteres Kennzeichen des Jüdisch-Arabischen von Algier ist die hebräische Mehrzahl-Endung bei •arabischen Wörtern. Besonders interessant ist an dieser Sprache, daß sie, obwohl Dialekt, auch geschrieben wird (allerdings in hebräischen Buchstaben), während andere arabische Dialekte nicht zu Papier .gebracht werden können. Jeder arabische Brief ist schriftarabisch, in der Sprache des Koran. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß die S a m a - litaner, diese noch aus etwa 200 Mitgliedern bestehende "Sekte in Palästina, letzter Rest des von Nebukadnezar nach 586 (vor) angesiedelten Volkes, arabisch sprechen, und zwar den Dialekt Palästinas 4Sj. Im Gottesdienst sprechen sie aber aramäisch, ihre Thora, die im wesentlichen der ■ jüdischen Thora gleicht, wird hebräisch vorgelesen. IV. Das Judisch-Persische Auf das Jüdisch-Persische hat Paul de Lagarde als Erster aufmerksam gemacht. In seinen „Persischen Studien" bespricht er diese Sprache ausführlich und druckt die Uebersetzungen der Bücher Jeremia, Jesaja und Teile von Ezechiel ins Jüdisch-Persische ab.49) Ein jüdisch-persisches Wörterbuch hat W. Bacher 1896 veröffentlicht.50) Diese Sprache ist in ihrer Grundlage altpersisch, das P e h le v i; sie enthält aber viele Fremdwörter aus dem Hebräischen. Arabischen und dem Aramäischen. Sogar ein deutsches Fremdwort ist vorhanden: „Jahrzeit", das dort genau den gleichen Sinn hat wie in Deutschland. Der altpersische Wortschatz dieser Sprache ist genau so oder vielleicht noch stärker eine Fundgrube für den Iranologen, ■wie der des Jüdisch-Deutschen für den Germanisten. Nach „Encyclopaedia Judaica", Band 9, Spalte 550. . 47j M. Cohen. Le parier arabe des juifs d'Alger. Paris 1912. 48j Dieses Arabisch soll seine eigene, abweichende Note haben. S. Kohn. Sprachen . . . der Samaritäner. Leipzig 1876, Seite 6. 49) Götlingen 1884. so) Zeitschrift für alttest. Wiss. 1896, 201-247. „Vermöge ihres ausgesprochen conservativen Sinnes haben die Juden, namentlich in lexikalischer Hinsicht, iri ihrer Sprache manches Altertümliche bewahrt, und so ziemlich jedes neue jüdisch-persische Schriftwerk7 das uns bekannt wurde, hat uns neue und interessante Materialien geliefert".51) Die Schrift dieser Sprache ist hebräisch, aber mit den sogenannten diakritischen Zeichen, wie etwa der Punkt links oben auf dem ssin, um dieses von schin zu unterscheiden. Durch diese Zeichen werden die persischen Laute, die das hebräische Alphabet nicht hat, ausgedrückt, so z. B. die Lispellaute, die ähnlich dem englischen ih ausgesprochen werden. Hebräische Endungen an persischen Wörtern - wie etwa im Jüdisch-Deutschen („narronim Narren") - sind nicht vorhanden. ••. -: Die Berührung der Juden mit dem Persischen geht auf älteste Zeiten zurück. Bereits in der Bibel, besonders im Buch Esther, gibt es persische Fremdwörter,- die der neuhebräischen Mischna haben wir erwähnt. Aus dem Buch Esther geht hervor, daß die persischen Juden damals die Regierungssprache verstanden — im Gegensatz zu den anderen unterworfenen Völkern. Das älteste Zeugnis des Jüdisch-Persischen ist ein Geschäftsbrief aus dem Jahr 718 (nach). Kombinationen von persischen mit hebräischen Wörtern (wie das jüdisch-deutsche „schlammassel" Schlimm + Massel (Schicksal)52) sind schon in alten Dokumenten dieser Sprache anzutreffen. Seit dem Weltkrieg wird auch viel Jüdisch-Persisches gedruckt; so erschien 1920 in Teheran die Geschichte des Zionismus von Asis Naim. Es gibt auch eine Reihe moderner Zeitungen in diesem Idiom. Eine Ueberseizung des Pentaieuch ins Persische erschien bereits 1546 in Konstantinopel. In Iran selbst wird verhältnismäßig wenig Jüdisch- Persisch gesprochen, die dortigen Juden haben, besonders seit Beginn der modernen toleranten Regierung, die Landessprache angenommen. Dagegen wird eine .der jüdisch-persischen Mundarten unter dem Namen, Farssi-Taf von den kaukasischen Juden gesprochen, ein anderer Dialekt in Westchina. Die aus Persien flüchtenden Juden und Zwangsmohammedaner nahmen ihre alte Sprache mit — denn es ging zu einem Volk fremder Kultur - die Bande zur alten Heimat sollten nicht abreißen.33) V. Die romanischen Judensprachen a) Das Jüdisch-Italienische Von recht geringer Bedeutung "ist Tieute das Jüdisch-Italienische54). Es war die allgemeine Umgangssprache der italienischen Juden bis zur Emanzipation, und da diese in Italien zuletzt nach Rom kam, hielt sich diese Judensprache am längsten in Rom. Seit damals verschwindet sie allmählich, sie teilt das Schicksal aller Judensprachen, nach der Emanzipation entweder ganz abzusterben (wie das Jüdisch-Provenzalische 55) oder auszuwandern (wie das Jüdisch-Persische). Das Jüdisch-Italienische ist eigentlich nur ein veraltetes Italienisch, man sagt z. B. „Ii casi" statt „le case" (die Häuser). Literarisch ist diese Sprache seit dem 12. oder 13. Jahrhundert belegt, und zwar durch eine Elegie zum 9. Aw. Außerdem gibt es Bibelübersetzungen und einige kleinere Dinge. In neuerer Zeit ist das Jüdisch-Italienische wieder belebt worden. 1932. erschien eine Komödie in dieser Mundart. Kisten aller Art liefert günstig AUSWANDERER 1 Kistenfabrik David latroligafor Offenbaeh-M., Glockengasse 26, Tel. 84223 Auch zu erreichen in Frankfurt am Main, Sandweg 9, Mittelbau II 51) Geiger. Grundriß der iranischen Philologie I., 2. Strasburg 1898, 408. ' " 52) Eine span. Nachbildung dieses Wortes „desmazalado Kleinmut" kommt bei Cervantes vor (Wagner. Beitr. z. Kenntn. des Judenspan.von Konstantinopel. Wien 191*, Seite 170). . , , _ , .' 53) Ueber das ziemlich unbekannte Leiden der pers. Juden in früheren Zeiten und ihre Marranen s. Fischel. Bei den Marranen in Persien. Frankf. Isr. Gemeindeblatt 1931. 54) S. Blondheim. Les parlers judeo-romans ... Paris 1925. 55) Das Jüdisch-Provenzalische ist im 18. Jahrh. erloschen. Noch 1774 wurde ein Drama, „Königin Esther", in dieser Sprache verfaßt.