Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 11 (8.1938)
- Date
- 1938-08-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 11 August 1938 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Seite 5 ISaESükPJiH».. Sommerschlufl-Verkauf SOFIE ROSSBACH I PamenR leider früher Leiterin bei Gerste] Kalserstramse 25 (Laden) J asien bildeten für ihre beiden aramäischen Dialekte, die unier dem Namen Syrijsch zusammengefaßt sind, eine besondere, sehr schöne Schrift aus.32) Syrisch wird noch heute in einigen christlichen Dörfern, teils im Antilibanon (nördl. von Palästina), teils in Kleinasien gesprochen,- Jüdisch-Aramäisch existiert noch in einigen Dörfern in Kurdistan. Bereits die Mitglieder der jüdischen Militärkolonie in Elephantine (Südägypten), die etwa zur Zeit Nehemias dort angesiedelt wurden,33) sprachen aramäisch, wie die Papyri beweisen, die 1905-06 dort aufgefunden wurden. Sie besaßen einen eigenen Tempel, den man in Jerusalem als gewisse Konkurrenz ansah. Der Gottesdienst war fast nur aramäisch, ein Beweis dafür, daß bei diesen zwangsweisen Fremdenlegionären die hebräische Sprache bereits damals nicht mehr lebte. Aramäisch war zwar eine Fremdsprache, aber nicht allzu fremd, auch die babylonischen Juden hatten diese Sprache allmählich übernommen und die aus der baylonischen Gefangenschaft zurückkehrenden Juden hatten von dort aus die aramäischen Buchstaben mitgebracht.34) Diese sind heute als hebräische Druckbuchstaben üblich, die alten hebräischen Buchstaben kennt nur noch der Fachmann.35) Im Buch Esra sind die Regierungserlasse aramäisch, diese erste jüdische Fremdsprache eröffnetden weiten Reigen der Sprachen des Exils. III. Semitische Judensprachen Hebräisch und Aramäisch waren und sind Sprachen, die nicht an einen national oder religiös festgeschlossenen Kreis, die nicht an einzelne Volksteile oder -schichten gebunden sind. Es sind Landessprachen, die keineswegs nur von Juden gesprochen wurden. Alle Judensprachen, die wir von nun an betrachten, sind wirkliche „Judendialekte", d. h. der Niederschlag von an sich vorhandenen und in anderen Kreisen gesprochenen Sprachen auf die jüdische Gesellschaft, also Sprachen, die nur oder fast nur im jüdischen Kreis existieren. Dem Ende der jüdischen Staatlichkeit folgte das Ende der eigenen Sprache/ was wir jetzt noch behandeln .werden, und was eigentlich allein den Namen J u d en sp ra cihe verdient-, ist fremdes Sprachgut, das speziell von Juden gesprochen wird. a) Die Juden in Abessinien Die Juden Abessiniens, die Falaschas,36) haben kaum noch .eine eigene Sprache. „Die Falaschas in Abessinien sprechen heute das Amharische in Amhara, ebenso das Tigrinja in Tigre, währenddie Kuarene-Mundart, die nach Joseph Halevy ihre ursprüngliche Stammessprache war, nur noch in der Provinz Kuara selbst von ihnen gesprochen wird . . . Das Hebräisch ist ihnen gänzlich unbekannt . . . Ihre heilige Sprache, in der die biblische Literatur überliefert ist und vorgelesen wird, ist das Ge'ez, die altäthiopische . . . Sprache, die auch den christlichen Abessiniern als Kirchensprache dient".37) 32) Diese Schrift ist gelegentlich auch für Hebr. und Jüdisch- Aram. verwandt worden. 33) Siehe dazu E. Sachau. Aram. Papyrus . . . aus einer jüdischen Militärkolonie zu Elephantine. Leipzig 1911. 34) Diese Ansicht bestreitet allerdings Abraham ibn Esra im Kommentar zu II. Mose 1, 19. 35) Abbildungen der alten hebr. Schrift findet man in den Encyklopädien, dem Philolexikon usw. 36) Ueber die Falaschas orientiert man sich am besten in J. FaTtlovitch. Quer durch Abessinien. Berlin 1910/ C. Rathjens. Die Juden in Abessinien. Hamburg 1911. 37) H. Loewe. Die Sprachen der Juden. Köln 1911. Seite 67. Gebetsprache der Falaschas ist das „Falaschina". S. Mieses. Die Entstehungsursache der jüd. Dialekte. Wien 1915. Seite 14. b) Das Jüdisch-Arabische Von ungleich größerer Bedeutung ist die jüdisch-arabische Sprache. Das Arabische, dessen enge Verwandtschaft mit dem Hebräischen bereits der Gaon Saadja (882 — 942) feststellte, traf seit Mohammeds Auftreten (622) sehr häufig mit den Juden im heutigen Irak, in Spanien und in Nordafrika zusammen. Im Irak war es, wo Saadja, der eigentliche Begründer der hebräischen Sprachwissenschaft, die Bibel ins Arabische übersetzte und ein hebräisch-arabisches Verzeichnis von 90 Wörtern zusammenstellte, wohl das erste hebräische Lexikon. Für die Betrachtung des Jüdisch-Arabischen muß zunächst erwähnt werden, daß eine arabische Sprache nur als Schriftsprache existiert, daß zum Sprechen nur die Dialekte da sind. Man muß sich das etwa so vorstellen, als ob es außer in der Literatur kein Hochdeutsch gäbe, also keine Bühnen- und Kanzelsprache, keine gemeinsame Sprache der Gebildeten, sondern als ob der Deutsche nur Sächsisch, Bayrisch oder Frankfurterisch usw. spräche. Da außerdem die wenigsten Araber lesen können, versteht tatsächlich der Araber aus Marokko den aus dem Jemen (Südarabien) nicht, so etwa wie ein ungebildeter Nordfranzose den Einwohner aus Marseille nicht oder nur schwer versteht. Infolge der riesigen Ausdehnung des arabischen,1 Sprachkreises sind die Unterschiede dieser Dialekte riesengroß; eine Verständigung ist nur zwischen solchen Arabern verschiedener Herkunft möglich, die die den Sprechorganen wenig angepaßte Schriftsprache beherrschen. Infolgedessen gibt es auch verschiedene jüdischarabische Sprachen, insbesondere die der Jemeniten und der algerischen Juden. Ueber die jemenitischen Juden ist sehr viel geschrieben worden38)/ sie sind wahrscheinlich Proselyten, obwohl sie selbst behaupten, zur Zeit Jeremias aus Palästina ausgewandert zu sein. Der Aufforderung Esras, zurückzukehren, seien sie nicht nachgekommen, weswegen Esra sie verflucht habe.39) Der jüdische Weltreisende Jakob Saphir (1822-1885) hat die Jemeniten eigentlich erst „entdeckt", er beschreibt sie in seinem Buch „Ewen Saphir"40). Heute lebt nach Goitein41) etwa ein Viertel aller jemenitischen Juden in Palästina42), ihre- Sprache nahmen sie dorthin mit; natürlich fällt es ihnen nicht besonders schwer, Hebräisch zu lernen. Die meisten Männer besitzen auch im Jemen recht gute Kenntnisse des Hebräischen. Obwohl die Jemeniten aus Südarabien stammen, sprechen sie einen nordarabischen Dialekt, der wenig mit Hebräisch durchsetzt ist.43) 44) Auch in Indien und einigen Gegenden Chinas sprechen manche Juden diese Mundart, wohl weil sie aus dem Jemen dorthin ausgewandert sind.45) 38) S. z. B. E. Brauer. Ethnologie d. jem. Juden. Heidelberg 1934. Eine vollständige Bibliographie der Jemeniten gab Brauer in der hebr. Viertel Jahresschrift „Kirjath Sefer", Jerusalem 1934, Seite 119 fg. 39) Aehnliches wird von den Wormser Juden erzählt. Siehe S. Rothschild, Aus Vergangenheit . . . der israelitischen Gemeinde Worms. Frankfurt a. M. 1905. 40) Lyck 1866. Ueber die Jemeniten schreibt Saphir in seinem interessanten Buch in Band I, Blatt 99-116. **) F. D. S. Goitein, der aus Frankfurt stammende Gelehrte in Jerusalem, hat die jem. Sprache an Hand von 1432 Sprichwörtern studiert. Sein Buch, „Jemenica", ist in Leipzig 1934 erschienen. 42) Nach Brauer gibt es im ganzen 45 000 Jemeniten, davon nur 5000 in Palästina. 43) Es gibt einige jem. Gedichte in arab.-hebr. Mischung. E. Brauer, a. a. O., Seite 37. **) So heißt „Wein" bei ihnen gelegentlich „giddusch" nach seiner Hauptverwendung beim Kiddusch. Brauer, Seite III. 45) Loewe berichtet (a. a. O., Seite 156), daß in Kalkutta eine Wochenschrift in arabisch-jüdischer Sprache erscheint.