Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 11 (8.1938)
- Date
- 1938-08-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Nr. 11 August 1938 wegliest „mir war bange wegen des Zornes und des Grimmes, den ER gegen euch hegte", nämlich: „Rabbi Elasar sagte, wer Wohltat im Verborgenen übt, ist größer noch als unserer Lehrer Mosche, von ihm heißt es „mir war bange . . ." und von dem, der Wohltat im Verborgenen übt, gilt der Satz (Spr. 21, 14) „Geschenk im Heimlichen bezwingt den Zorn". Wie hoch muß man es schätzen, daß jemand nicht von seinem Wohlrun reden und wissen macht, wenn man ihn — wenn auch übertreibend — über unsern großen Lehrer stellt! Gottesfurcht. Ein grundlegender Satz jüdischer Sittenlehre wird aus einem Wort dieser Rede Mosches entwickelt. Er sprach zu Israel {10, 12) „und nun Israel, was heischt ER, dein Gott, von Dir, als daß du IHN, deinen Gott, fürchtest". - Dazu bemerkt Rabbi Chanina: „Alles ist in Gottes Hand, nur nicht die Gottesfurcht." Das ist ein Kernsatzer betont - im Gegensatz zur Gnadenlehre in der christlichen Theologie - daß alle menschliche Guttat Sache des Menschen selbst ist. Alles ist von Gott abhängig, nur nicht die Tat des Menschen. Es ist die Herausstellung der sittlichen Selbständigkeit des. Menschen. Aber die Ausdrucksweise der Bibel erscheint merkwürdig, sie gibt Anlaß zu einer Frage: „Gott fordert nur die Furcht vor ihm? Ist denn Furcht etwas so Geringes? Heißt es doch, daß Gott in seinen Schatzkammern nur das eine Kleinod hat, die Gottesfurcht. Denn so heißt es (Jeschaj, 33. 6) „Gottesfurcht ist sein Schatz", und ferner (Jiob 28, 28) „siehe (im Hebräischen steht hier das Wort „hen") Gottesfurcht ist Weisheit" und im Griechischen heißt „hen"=„eines"? Darauf die Antwort: Nur für Mosche war Gottesfurcht ein Leichtes, Geringes, für jeden sonst ist sie das Schwerste". - Es sei nebenbei vermerkt, wie köstlich naiv diese Art der Deutung ist, die einfach ein hebräisches Wort so nimmt wie das gleichlautende Wort griechisch zu verstehen wäre; wie stark muß die Vermischung mit griechischer Kultur bereits gewesen sein! Sachlich aber ist es bedeutungsvoll, daß Gottesfurcht hier als dasjenige bezeichnet wird, was man am schwersten erringt, sie ist nicht Ausgangspunkt, sie ist Endpunkt und Gipfel aller Frömmigkeit. Das rechte Beten Mosche sagt von Gott aus, daß er {10, 17) „der große, mächtige, furchtbare Gott ist". Diese Worte wurden prägend. „In eines Rabbi Beisein trat einer vor das Vorbeterpult und sprach: „Du großer, mächtiger, erhabener, gewaltiger, heldenhafter, furchtbarer, starker, sicherer, hochzuehrender Gott". Als er fertig war, fragte ihn der Rabbi, bist du nun mit dem ganzen Lobe Gottes fertig? Hätte nicht Mosche diese drei Worte gebraucht, hätten die Männer der großen Versammlung nicht einmal diese ins Achtzehngebet einzu-' fügen gewagt". Die Lehre : nicht in der Fülle der Worte ist Schönheit und Kraft des Gebetes begründet, nur einzig in der Schlichtheit und Innigkeit der Empfindung. Die jüdischen Sprachen von Carl Cohen II. Aramäisch Ob man um 200 {vor) das neuhebräische Sprachelement als etwas Fremdes, Neuartiges empfand, wissen wir nicht. Das Aramäische26) galt als fremd. Trotz der tiefgehenden Verwandtschaft mit dem Hebräischen war diese Sprache für das jüdische Bewußtsein etwas Anderes. Im 2. Buch Könige 18, 26 wird berichtet, daß der Jerusalem belagernde assyrische Feldherr die Stadt in hebräischer Sprache zur Uebergabe aufforderte. Der Kommandant Jerusalems bat ihn .ausdrücklich, aramäisch zu sprechen, da „Jüdisch" (= Hebräisch) vom Volk verstanden werde,- eine Forderung, die der Feind ablehnte, weil er das Volk beeinflussen wollte. Der jerusalemische Talmud (Megilla I) schreibt über die Sprachen: „Vier Sprachen sind zum Gebrauch geeignet: Griechisch zum Gesang, Latein zum Kriegführen, Aramäisch zur Elegie und Hebräisch zur Rede." Das Aramäische hat die Juden sehr häufig berührt. Bereits im 1. Buch Mose {31, 47) wird zwischen Jakob und Laban, dem „Afamäer", ein Grenzstein gesetzt, der hebräisch und aramäisch beschriftet ist. Ein Satz bei Jeremia {10, 11), sowie große Partien in Esra und Daniel, wohl dem jüngsten biblischen Buch27), sind aramäisch. Aber für das Volk - soweii es aus der babylonischen Gefangenschaft zurückkehrte - blieb das Aramäisch zunächst eine Fremdsprache, bis es etwa um 200 {nach) zur Sprache Palästinas wurde, während die in Babylon verbleibenden Juden schon früher die aramäische Sprache angenommen hatten. Die natürliche Folge des Eindringens des Aramäischen in Palästina war die Uebersetzung der Bibel in diese Sprache - denn das Volk sollte ja seine Bibel studieren und verstehen - und eine dieser Uebersetzungen, das Targum ( Uebersetzung) Onkelos wurde beim synagogalen Vortrag des Peniateuch satzweise parallel mit dem Urtext vorge- 26) Aus der Fülle der Literatur über das Aramäische greife ich - neben bereits Erwähntem - heraus: H. L. Strack, Grammatik des Biblisch-Aram. München 1911/ M. L. Margolis, Lehrbuch der aram. Sprache des bab. Talm. München 1910; Winers Chaldäische Gramm. Leipzig 1882, B. Fischer, Talm. Chrestomathie. Leipzig 1884. 27) Abfassungszeit nach moderner Ansicht 165-64 (vor), also im Makkabäerjahr. tragen 2S) 29). Heute sind mehrere, unter sich verschiedene Targumim den meisten Bibelausgaben beigedruckt und bilden oft. Quellen für das Verständnis schwerer Stellen. Während die Midraschim und die Mischna im wesentlichen Neuhebräisch sind, sind die größeren und jüngeren Partien beider Talmude, die Gemaroth 30), aramäisch geschrieben, und zwar im. babylonischen und palästinensischen Dialekt.' Diejenige Literatur also, die das Denken der Juden in allen Ländern beeinflußt, die der Jude am meisten studiert und die entscheidende Bedeutung für sein Leben hat, ist demnach nicht in der hebräischen Sprache der Heimat, sondern in Aramäisch, der ersten Sprache der Fremde, verfaßt. Kein Wunder also, wenn aramäische Sprichwörter heute noch — wenigstens im jüdischen Osten - leben, wenn aramäische Wörter in die anderen Judensprachen eingedrungen sind, wenn moderne hebräische Schriftsteller aramäische Wörter und Wortfolgen einfließen lassen. Aramäisch ist beispielsweise der Abschnitt „ha lachma anja {dieses armselige Brot)" der Pessachhaggada, sowie das Kaddisch. Ein großer Teil des kabbalistischen Schrifttums ist ebenfalls aramäisch, besonders der Sohar, der im jeru-" salemischen Dialekt des Aramäischen mit eingestreuten portugiesischen Wörtern verfaßt ist.31) Das Aramäische wurde und wird fast ausschließlich mit den heutigen hebräischen Buchstaben geschrieben, nur die frühen Christen in Klein- 28) Autorschaft ungeklärt. Nach der Ueberlieferung ist der Verfasser ein zum Judentum übergetretener Gelehrter, Aquila, der eine teilweise noch vorhandene Uebersetzung der Bibel ins Griechische angefertigt haben soll. 29) Der Brauch, einen Targum am Sabbath mit vorzutragen, ist z. B. bei den Jemeniten noch vorhanden. S. E. Brauer : Ethnologie der jemen. Juden, Heidelberg 1934, Seite 294. 30) Gewöhnlich bezeichnet man mit „Talmud" die Gemara und zwar die babyl., da diese allein verbindlich ist. Zur Einführung in dieses etwas schwere Gebiet empfehlen'wir: H. L. Strack, Einleitung in Talmud und Midrasch. München 1921. 31) Nach der Tradition ist der Sohar von Simon bar Jochai {2. Jahrh. nach) verfaßt worden. Jakob Emden {1697-1776) und nach ihm die gesamte Kritik behaupten, der Sohar sei 1290 von Mose da Leon geschrieben worden. Ein Lexikon der speziellen Soharwörter von G. Scholem (Jerusalem) ist m. W. noch nicht gedruckt worden.