Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 11 (8.1938)
- Date
- 1938-08-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 11 August 1938 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Seite 3 Das Schriftwort Aus Mosches grosser Rede Von Max Dienemann In der großen Rede Mosches an Israel, die das fünfte Buch wiedergibt, in der er alles Geschehene nochmals an seinen Hörern vorüberziehen läßt - man lese für das Folgende die Kapitel 7-10 gründlichst nach -,.beginnt ein Satz (7,12): „im Gefolg dessen, daß ihr hört auf diese Rechtsprüche, sie wahret und tuet, wird ER dein Gott dir wahren den Bund." Das Wort „im Gefolg" „wegen" heißt im Hebräischen ekew, das aber heißt wörtlich „die Ferse". Das gibt Anlaß zu folgender Bemerkung: Pflicht bleibt Pflicht „Gelobt sei der Name des Heiligen, gelobt sei er, der Israel die Tora gegeben hat, in ihr sind leichte und schwere Gebote. Aber weil die Menschen dazu neigen, die leichten zu mißachten und sie unter ihre Ferse zu treten, fürchtete Dawid sich vor dem Tage des Gerichts und sprach: Herr der Welt, ich fürchte mich nicht wegen der schweren Gebote, nur wegen der leichten fürchte ich mich, vielleicht daß ich eines übertreten habe, darum sprach er (Ps. 49, 6) „warum fürchte ich die Tage des Bösen? Die Sünde unter meiner Ferse umstellt mich." — Der Sinn des Ganzen ist die betonte Warnung, die Verbote aufzuspalten in leichte und schwere,- j eine solche Unterscheidung wird dem inneren Wert der Gehorsamsstellung nicht gerecht, sie geht von der menschlichen Ueberlegung aus. Pflicht ist immer Pflicht, und was dem Einzelnen gering erscheint, kann seinen starken Wert haben,- die Vernachlässigung der scheinbar geringfügigen Pflicht kann eine Laxheit der ganzen Pflichtauffassung bewirken. Es ist nicht zu leugnen, daß dabei vom Lohn die Rede ist. Aber der Hinweis auf den Lohn, der der Pflichterfüllung winkt, ist nicht als Anreiz zur Tat gedacht, sondern er wird als die aus innerer Notwendigkeit sich ergebende Folge bezeichnet,- die Tat selbst darf nicht um des Lohnes willen oder aus Furcht vor Strafe getan werden, sie muß aus der Festigkeit des Gemütes erwachsen. Man will unbedingte Treue. Sie zu befestigen dient der Hinweis auf die Treue Gottes. Der Vers wird darum in Verbindung gebracht mit dem ihm voraufgehenden (7, 9) „du sollst erkennen, daß ER dein Gott, der wahre Gott ist, der treue Gott" . . . Und dazu wird die folgende Erzählung berichtet: Die unbedingte Treue „Rabbi Pinchas ben Jair wohnte in einer Stadt im Süden. Dorthin kamen Menschen, um dort Nahrung zu finden. Sie hatten bei sich zwei Maß Gerste. Sie gaben sie bei ihm in Verwahrung und vergaßen sie und gingen weiter. Rabbi ~Pinchas ben Jair säte sie aus und sammelte die Ernte und verwahrte sie, und so tat er Jahr um Jahr. Nach sieben Jahren kamen jene Männer wieder und forderten, was sie in Verwahrung gegeben hatten,- Rabbi Pinchas erkannte sie und sprach zu ihnen: „Kommt und nehmet in Empfang, was nun euer Schatz ist." So kannst du aus eines Menschen Treue Gottes Treue erkennen." - Der Sinn ist, alle menschliche Tat ist wie ein Gut, das Gott in Verwahrung gegeben ist, tausendfältig kehrt es zu dem Täter zurück. Und' an dem Tun eines Menschen erkennt man die Stärke seiner Verbundenheit mit Gott, sein Tun ist sein Zeugnis von Gott. Das will die folgende Erzählung erhärten: „Rabbi Schimon ben Schetach kaufte einen Esel von einem Araber, seine Schüler fanden an des Esels Halse einen kostbaren Edelstein hängen und wandten darauf den Vers an (Spr. 10, 22) „Gottes Segen macht reich". Darauf sagte aber Rabbi Schimon: Einen Esel habe ich gekauft, nicht einen Edelstein und gab ihn dem Araber zurück. Der brach in den Ruf aus: „Gelobt sei der Gott Schimon ben Schetachs." - Die rechte Antwort In Mosches langer Rede sind eine Anzahl von Verheißungen und Drohungen. Sie sind der alten Deuiung ein willkommener Anlaß, den Gedanken freien Lauf zu lassen. Es heißt (7, 14) „es wird kein Unfruchtbarer und keine Unfruchtbare sein bei dir und bei deinem Vieh." Fruchtbarkeit ist zunächst ein Physisches, höchstes Glück eines Volkes die wachsende Zahl! Aber es gibt auch eine Fruchtbarkeit des Geistes; auf sie nimmt die Bemerkung Bezug: „Der Sinn des Verses ist: es soll keinen geben, der unfruchtbar ist im Gebet, sagte der eine,- im Finden einer passenden Antwort, sagte ein ariderer. Rabbi Jonathan ging nach Nablus, er ritt auf einem Esel, und der Treiber ging neben ihm. Da gesellte sich ein Samaritaner zu ihnen, und als sie an den Berg Gerisim kamen, sagte der Samaritaner zu Rabbi Jonathan, weißt du, wieso dieser Berg heilig ist? Der Rabbi erwiderte, warum sollte er überhaupt heilig sein? Darauf der Samaritaner, er wurde in der Sintflut nicht überschwemmt, denn so heißi es (Jechesk. 22, 24) „sag ihm, du bist ein Land, das am Tage des Grimmes nicht beregnet ward". Rabbi Jonathan wandte ein, hätte doch der Heilige, gelobt sei er, Noah auf diesen Berg gehen lassen können und hätte nicht die Arche bauen lassen müssen. Darauf der Samaritaner, das tut er, um ihn zu prüfen. Rabbi Jonatan wußte nichts zu erwidern. Da mischte der Viehtreiber sich in's Gespräch und sagte, laß mich etwas sagen! Und er sagte zu dem Samaritaner, dieser Berg ist nicht unter dem Himmel; darauf fragte des Samaritaner verwundert, ist er etwa außerhalb des Himmels? Daraut der Treiber, ja, nach deiner Rede, denn es heißt doch (1. M. 7, 19) „und es wurden bedeckt alle hohen Berge unter dem ganzen Himmel". Sofort stieg Rabbi Jonathan vom Esel und ließ den Treiber auf ihm reiten 4 Mil lang und wandte auf ihn den Vers an (Jeschaj. 54, 17) „jegliche Zunge, die mit dir zu Gericht sich stellen wird, setzt du in's Unrecht". Das ist gemeint mit dem Satz „es wird bei dir keinen geben, der unfruchtbar ist". Was aber bedeutet der Zusatz „und bei deinem Vieh?" - „selbst bei deinem Viehtreiber". - In dieser Geschichte ist das Berichtete selbst gleichgültig, wichtig ist, warum sie erzählt wird. Es soll zum Bewußtsein gebracht werden, wie wichtig es ist, auf Angriffe die rechie Antwort zur Hand zu haben, ein Hinweis darauf, w;e wichtig Wissen und Geistesgegenwart ist. Und daneben wird gezeigt, daß die Geistesgegenwart und die rechte Antwort nicht immer bei den Zünftigen ist, oft besiegt der Ungelebrte den Gelehrten durch rasches Erfassen. Zugleich aber isi die Erzählung kulturgeschichtlich interessant, sie führt hinein in den Kampf der Samaritaner um die Geltung ihres heiligen Berges gegenüber dem Zion, ein Kampf, der bis zum heutigen Tag noch geht. Beten können ist höchste Gnade Es heißt (8, 5) „du sollst erkennen in deinem Herzen, daß wie einer seinen Sohn züchtigt, so ER dein Gott dich züchtigt". Dazu nun die folgende Auseinandersetzung: „Wenn Züchtigungen über einen Menschen kommen, so durchsuche er sein eigenes Tun. So heißt es IKlagel. 3, 40) „laßt uns unseren Wandel prüfen und ergründen". Hat er durchsucht und keinen Grund gefunden, so mag er annehmen, daß die Vernachlässigung der Tora der Grund sei, wie es heißt (Ps. 94, 12} „selig der Mann, den ER züchtigt, und den du mit deiner Tora belehrst". Hat er das angenommen und nicht für wahr befunden, dann sei er gewiß, daß es Züchtigungen aus Liebe sind, wie es heißt (Spr. 3, 12) „wen ER liebt, den züchtigt ER". Raw Jaakow bar Idi und Raw Acha bar Chanina waren geteilter Meinung, der eine sagte, Züchtigungen aus Liebe sind solche, bei denen die Beschäftigung mit der Tora nicht aufhört, wie jener Psalmvers oben es wissen läßt, der andere sagte, solche, bei denen das Beten nicht aufhört, wie es heißt (Ps. 66, 20) „gepriesen sei Gott, der mein Beten und seine Gnade nicht mir entzogen hat". - Hier ist jedes Wort wichtig und hat seine Bedeutung, eine Bedeutung, die nicht nur in dem Gesagten liegt, sondern in dem, was wir selbständig aus unserem Denken und aus unserer Erfahrung hinzufügen. Aber in echter Steigerung ist das Bedeutsamste zuletzt gesagt, es ist in allem Schlimmen noch Gnade und Liebe, wenn man die Kraft zum Beten behält. Das heimliche Wohltun Eine Bemerkung von erschütternder Wucht begleitet den Satz (9, 19), über den man im Fluß der Erzählung leicht hin-