Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 10 (7.1938)
- Date
- 1938-07-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Nr. 10 Juli 1958 IR 2 2 2 2 D Pi Ai o . »c.eÄ-M°HÄn,raer S O FIE ROSSBACH | PeBl6IIKI6luer Umarbeitungen billigst früher Leiterin bei Gerstel Kaiierstrasse 25 (Laden) J hebräische Nühpael heute wieder angewandt,- der Konjunktiv wird_ auf neuhebräische Art ausgedrückt, „hajah nothen er hätte gegeben, er gäbe, er würde geben". Das Zu- \ sammensirömen beider Quellen ist bis heute wahrnehmbar, . z. B. verwandte Achad Haara (1856-1927) oft in einem Satz hebräische und 'neuhebräische Vokabeln und Wortfolgen nebeneinander.11) Infolgedessen ist das Hebräisch des heutigen Alltags stark mit neuhebräischen Vokabeln durchsetzt, wenn auch, besonders in der Presse, oft ein starkes Zurück zur Bibelsprache zu bemerken ist.12) Die Uebersetzer des Mittelalters, insbesondere die Tibboniden, die die philosophischen Schriften u. a. des Rambam aus dem Arabischen ins Hebräische übertrugen, waren starke Wortschopf er. Ihre Neubildungen sind naturgemäß sehr vom Arabischen beeinflußt, teils wurden Fremdworter aus dem Arabischen übernommen, wie „handassah Geometrie"13), teils schuf man anlehnende Neubildungen, z. B. „echuth Qualität" zu dem. alten Wort „ech wie?". Die Dichter der spanisch-arabischen Epoche, die etwa von 1000-1200 dauerte, hielten sich stärker an das Hebräisch der Bibel, besonders da sie sehr häufig zitierten. Sie pflegten die „meliza", das ist ein Stil, der fast ganz oder wenigstens z. T. aus biblischen Versen und Halbversen mit Andeutungen an deren midraschischen oder talmudischen Sinn besteht. Die Dichter verwandten seltene Bibelwörter, besonders die „Hapaxlegomena", das sind die einmalig vorkommenden Vokabeln. Das Wörterbuch ihrer nicht biblischen Ausdrücke ist relativ klein.14) Nach dem Erlöschen der spanisch-jüdischen Dichterschule war das Hebräische fast nur eine Sprache der Wissenschaft. Man verfaßte gelehrte Werke der Philosophie, Grammatik, Geschichte und Geographie, rabbinische Schriften, Auslegungen zum Talmud, Kabbala usw., aber keine „schöne Lüeratur". Erst die Zeitgenossen und Schüler Moses Mendelssohns, insbesondere Wessely (Naftali Hirz) und Euchel, schrieben wieder über nichtwissenschaftliche Dinge in hebräischer Sprache. Von ihnen besitzen wir im reinsten Bibelstil viele Novellen, Epen, Gedichte und auch Uebersetzungen aus fremden Sprachen. Im Zuge der Mendelssohnschen Neuerungen lag es, den hebräischen Stil von der unübersehbaren Fülle von Zitaten und halben und versteckten Andeutungen zu „reinigen" und zur Stammutter dieser Sprache zurückzukehren. Auch die Vertreter der östlichen Aufklärung, der „Haskala" (ab Mitte des vor. Jahrh.), gingen zunächst diesen Weg. Von Nathan Krochmal bis Mendele Mocher Sefarim schrieb man reinstes Bibelhebräisch, aber Mendele Mocher Sefarim (1835—1917) wandte sich nach seinen Jugendjahren von diesem Hebräisch ab, da es ihm kein genügendes Ausdrucksmitlel für seine Gedanken war. Nachdem er einige Jahre nur jiddisch geschrieben hatte, kehrte er aber dann zum Hebräisch zurück, und dieses Mal, 1886, versuchte er einen neuen, einen europäischen Stil und wagte es, neue Vokabeln zu schaffen. Da er als Erster diesen Schritt vollzog, auf dem ihm dann fast alle hebräischen Schriftsteller folgten, wurde er der „Großvater" der neuen hebräischen Literatur genannt.15) Er und seine Schüler waren zunächst i1) Siehe dazu und auch zum Folgenden: E. M. Lipschütz. Vom lebendigen Hebräisch, Berlin 1920. So hat man das alte „waw consecutivum", das die Zeiten vertauschende Waw, wieder aufgenommen und zur Bildung des historischen Tempus verwandt. a3) Das alte Wort „gimatria", das aus dem Griechischen stammt, bedeutet etwa Zahlensymbolik. 14) Siehe besonders: Brody-Albrecht. Die neuhebr. Dichierschule. Leipzig 1905 (mit Wörterverzeichnis)/ Brody- Wiener. Anthologia Hebraica. Inselverlag 1922. 15) Für Bialiks etwa 600 Neubildungen gibt es ein Speziallexikön von Avineri. Siehe Bayr. Isr. G. Z. 1936, Seite 455. Moderne Photos M AVK a,Ä S?«1 PassbNder rri#* W T,i.f.„27 stark von der Mischna und dem Midrasch beeinflußt, modernisierten sich aber rasch.16) Sie schufen so viele neue Begriffe, und zwar, da eine Behörde fehlte, als Individualisten, daß die hebräischen Bücher der vergangenen Jahrzehnte meist ein Verzeichnis ihrer neuen Wörter besitzen. Diese neuen Wörter bildete man teils aus alten semitischen Stämmen, teils durch „Lehnübersetzung",17) z. B. „chisajon Schauspiel (ursprünglich Vision)" von „chasah schauen", teils durch Zusammensetzungen/ zum großen Teil aber aus Fremdwörtern aus anderen Sprachen. Man übernahm z. B. das in der Mischna bereits vorhandene griechische Wort „Kariessa, Blatt, Karte" und machte daraus zünächst „kartiss", dann „kartiss nessiah" Fahrkarte", „kartiss kenissah Eintrittskarte", „kartiss doar Postkarte" usw. Allerdings sagen die Puristen der Sprache statt des letzten Wortes „gelujah" vom Stamm „galah offen sein". Andererseits brauchen manche Schriftsteller für „Post" statt „doar" das bequemere Wort „posiah",18) während man für „Telegramm" sowohl „miwraka" (von „barak Blitz"), als auch „teleframma" findet. Für „Automobil" gibt es drei Wörter, je nach instellung des Schreibers oder Redners. Die arabische Sprache steuerte z. B. das auch im Italienischen und Englischen vorhandene Wort „limon Zitrone" (woher unser Wort „Limonade" kommt) bei/ auch aramäische Wörter sind neubelebt worden, z. B. „abba Väterchen", „imma Mütterchen". Aus „messilla — Bahn" und „bärsei Eisen" setzte man genau wie im Deutschen und Französischen „messillat barsei Eisenbahn" zusammen, aus „eth Zeit" entstanden „ithon Zeitung", „ithonuih Presse", „ithonai Journalist"., Das bekannte Wort „haawarah" erhielt in neuester Zeit seine Bedeutung Transfer vom Stamm „awar hinübergehen". Nicht alle Neubildungen haben sich indessen behauptet. So schuf Elieser ben . Jehuda das Wort „achon braun", das heute wieder durch das biblische „chum"19) verdrängt ist. Sehr viel Neues ist durch Bedeutungswandel bezw. -Verbreiterung alter Wörter entstanden. So wurde bereits in früher Zeit das Wort „kadosch heilig" im Sinn „Märtyrer" verwandt. Bis zum heutigen Tag gilt diese Bedeutung. „Schechar Berauschendes" heißt heute „Bier", „chaschmal", ein unklares Wort bei dem Propheten Ezechiel, heißt jetzt „Elektrizität". Manche Begriffe wurden bewußt in Anlehnung an den Klang deutscher oder anderer Wörter erweitert. So erhielt „prati", ursprünglich „einzeln", den Sinn „privat", „pirte kol" (Einzelheiten von allem) die von „Protokoll", „cholira (böse Krankheit)" die von Cholera. Alle diese Schriftsteller, mit Ausnahme der ganz modernen in Palästina, haben wohl hebräisch geredet, sich aber nicht in Hebräisch unterhalten. Diese Sprache war für sie ein Mittel der Literatur, der wohlgesetzten Rede und der schöngeistigen Auseinandersetzung, nicht aber der Besprechung alltäglicher Angelegenheiten, nicht Ausdrucksmittel für Gemütsbewegungen. Sie war - cum grano salis - eine Männer-, nicht eine Frauensprache, etwa wie das mittelalterliche Latein.20) Noch für Bialik hat das Hebräischsprechen fast unüberwindliche Schwierigkeiten. Von ihm stammt der Ausspruch „Hebräisch muß man reden, Jiddisch spricht sich von selbst". Das Verdienst, die hebräische Sprache wieder zu einer Umgangssprache gemacht zu haben, gebührt Elieser ben 16) Agnon ist wieder stark zum mittelalterlichen Ziel zurückgekehrt. 17) Solche „Lehnübersetzungen" gibt es in fast allen Sprachen. Z. B. ist das deutsche Wort „Ehrenwort" eine Lehnübersetzung des französischen „parole d'honneur". Vgl. F. Mauthner. Die Sprache. Frankfurt a. M. 1906. Seite 57ff. 18) Z. B. M. Smilansky. Sippurim. Jerusalem 1924. 10) Genesis 30, 32. 20) Von einer wirklichen ausschließlichen Männerumgangssprache berichtet F. Mauthner. Beiträge zu einer Kritik der Sprache, I, Seite 56/57. 3. Auflage. Ferner M. Müller, Wissenschaft der Sprache, 2. Bd. Seite 43.