Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 10 (7.1938)
- Date
- 1938-07-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 10 Juli 1938 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Seite 5 Bezieher des Gemeindeblattes I Gemäß behördlicher Bestimmung darf eine kostenlose Lieferung des Gemeindeblaites nicht stattfinden. Wir richten daher an alle Mitglieder der Gemeinde die dringende Bitte, das Bezugsgeld von RM 0.45 pro Vierteljahr pünktlich beim Vorzeigen der Quittung zu entrichten, damit in der regelmäßigen Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Inhaber von Postscheckkonten können sich das Bezugsgeld vierteljährlich von ihrem Konto abbuchen lassen. Hierzu ist eine einfache, diesbezügliche an uns zu richtende Willenserklärung erforderlich. Die Erhebung des Bezugsgeldes wird auf behördliche Veranlassung im Voraus durchgeführt, demgemäß für die Monate Juli bis September 1938, Ende Mai und im Juni 1938. Wir ersuchen die Bezieher dringend, die noch bestehenden Rückstände unverzüglich zu entrichten. Frankfurt a. M., 30. Juni 1938, Fahrg. 146. Vorstand der Israelitischen Gemeinde Verwaltung des Jüdischen Gemeindeblaties Das weitaus wichtigste Dokument des Hebräischen ist die Bibel, das T e n a c h.4) Dort zeigt sich die Sprache keineswegs einheitlich, die alten Kampf- und Siegeslieder (das Deborahlied, Richter 5, Mirjams Lied usw.) weisen einen anderen Satzbau und Wortschatz auf als z. B. die abgeschliffene Sprache der von Esra redigierten -historischen Bücher. Auch in grammalischen Formen sind Unterschiede nachweisbar, z. T. erklären sich gewisse Formen nur durch Vergleichung mit dem Arabischen, das sich als konservativere semitische Sprache erwiesen hat. Die Massoreten, die ersten sprachkritischen Bearbeiter der Bibel, haben diese Formen oft für Schreibfehler gehalten. Die Schaffung einer vormassoretischen Grammatik, die erst vor kurzem in Angriff genommen worden ist,5) wird manches interessante Material zutage fördern. Aber ganz abgesehen von diesen Formen, die unserer Grammatik widersprechen, die ihrerseits nur nach der statistischen Häufigkeit gehen kann, gibt es eine ganze Reihe von Unterschieden in Stil und Wortschatz. Insbesondere weichen die poetischen Bücher wesentlich von der Prosa ab, aber auch in ihren Reden unterscheiden sich z. B. der Hofmann Jesaia und der Bauer Arnos. Auch lokale Unterschiede sind vorhanden: im Nordreich sprach man anders als im Südreich. Eine direkte Quelle für Dialektunterschiede ist Richter 12,6, wo berichtet wird, die Ephraimiien hätten ss statt sch gesagt. Die Bücher Koheleth, Daniel, Nehemia u. a. weisen sowohl im Vokabelschatz als auch im Satzbau bereits Spuren des Neuhebräischen auf. Das Neuhebräische hat - nebenbei bemerkt - nichts mit dem heute in Palästina gesprochenen Hebräisch zu tun, sondern wurde etwa von 400 (vor) bis 200 (nach) in Wort und Schrift in Palästina angewandt. Die spätere einheitliche Redaktion der Bibel hat alle diese Unterschiede belassen. Diese Spuren beweisen uns, daß die Sprache in Palästina etwa ab 400 (vor) nicht mehr das klassische Hebräisch, sondern eine „silberne" Sprache war. Der endgültige Uebergang auch der Gelehrten zum Neuhebräisch, der Sprache der Mischna, des Midrasch und z. B. des „ma nischtana" der Pessachhaggada, ist wohl um 200 (vor) erfolgt. Diese Sprache (die heute keiner spricht!) entstand aus dem Hebräisch der Bibel unter Einfluß des von Osten und Norden her herandrängenden Aramäischen. Viele aramäische Vokabeln (die z. T. auch ins Arabische eindrangen) haben diese Sprache befruchtet, z. B. „talmid Schüler". Grammatisch liegt das Neuhebräisch G) zwischen beiden Sprachen, syntaktisch bildet es so merkwürdige Formen wie „amar lo leawraham er sagte zu ihm, zu Abraham" oder „ssusso schel awraham sein Pferd, Abrahams". Wir werden später etwas Aehnliches im Jiddischen bemerken. Neuhebräisch ist z. B. auch die Formel „hajah omer er pflegte zu sagen (heute auch in der Bedeutung: er würde sagen, hätte gesagt)". Zu den sieben „Gebäuden" (Binjanim: Kai, Nifal, Piel usw.) des Hebräischen wurde ein achtes, das Nithpael, entwickelt, das in vielen Formen das Pual verdrängte. Das Wort „nischtanah sich unterscheiden" ist als Beispiel des Nith- .pael ja allgemein bekannt, aus dem täglichen Tischgebet kennt man „nithbarchu sie wurden gesegnet". Von außerordentlichem Interesse muß die Bemerkung sein, daß das heute in Palästina gesprochene Hebräisch wieder das Nith- 4) Andere alten Quellen des Hebr. sind: Die Siloa-Inschrift (700 vor), das erwähnte Mesa-Denkmal (900 vor), Der Bauernkalender von Geser, Münzen, punische Inschriften, Ausgrabungen in neuester Zeit. S. auch dazu Bauer- Leander. - Ueber die Ausgrabungen in Lachisch (Palästina) s. Aufsatz von S. Samuel in der CV-Zeitung vom 27. 5. 1938. 5) P. Kahle. Texte und Untersuchungen zur vormasor. Gramm. Stuttgart 1924/27. F. X. Wutz. Transkriptionen von der Septuaginta bis zu Hieronymus. Stuttgart 1927-35. Kurt Levy. Zur masor. Grammatik (Doktorarbeit). Stuttgart 1936. c) Siehe z. B. K. Albrecht. Nh. Gramm, auf Grund der Mischna, München 1913; J. Levy, Neuhebr. u. chaldäisches Wörterbuch, 4. Bde., Leipzig 1876-89. G. Dalman, Aram.-Neuhebr. Wörterbuch, Frankfurt a. M., 1901. pael geschaffen hat, und das Pual fast nur noch im Partizip, als Eigenschaftswort, existiert. Die Erweiterung des Wortschatzes des Neuhebräischen geschah auf •mannigfache Weise. Aus biblischen Stämmen bildete man neue Wörter, sowohl Hauptwörter aus Verben, als auch umgekehrt. Z. B. „hatkanah Anordnungx Statut" aus dem alten Stamm „tikken recht machen"" und umgekehrt „siggel erwerben" aus dem Hauptwort „ssegulla Schatz, Besitz". Andere Neubildungen entstanden aus der Begriffserweiterung alter Wörter, z. B. „erew", bisher Abend, jetzt auch der Tag vor Sabbath oder Fest. Manche Wörter enthielten geradezu entgegengesetzte Bedeutung, z. B. „or Licht (hebr.) Abenddämmerung (neuhebr.)".7) Dazu kamen Fremdwörter in ungeheurer Anzahl, nicht nur aus dem Aramäischen, sondern auch aus dem Griechischen, ferner dem Lateinischen, Persischen usw. Z. B. „prosdor Vorhalle" (griech.), „Kessar Cäsar, Kaiser" (lat.),8) „towhaki gebratenes Fleisch" (pers.).9) Diese neuhebräische Sprache wurde etwa zu Beginn der üblichen Zeitrechnung in Palästina gesprochen, ihre Lebensdauer muß indessen kurz gewesen sein. Der Talmud berichtet nämlich (Rosch haschana 26 b) eine amüsante Geschichte, die zeigt, daß bereits um 200 (nach) die hebräische und neuhebräische Sprache nicht mehr Allgemeingut sogar der Talmudgelehrteh war: „Die Gelehrten kannten nicht die Bedeutung von maiaie (Besen),10) da hörten sie einst, wie die Magd des Jehuda Hanassi zu ihrer Freundin sagte: „Nimm eine tatita und fege das Zimmer". Damals beherrschte bereits das Aramäische Palästina. Das Neuhebräische hat als Sprache eines entscheidend wichtigen Teils der jüdischen Literatur das spätere Schrifttum stark beeinflußt, die Rabbiner und die anderen Schriftsteller des Mittelalters verwandten es neben der Sprache der Bibel. Beide Sprachen sind in ihrem Wortschatz und Satzbau zusammengeflossen, während die Formenlehre mehr nach der Sprache der Bibel tendierte. Allerdings wird das neu- 7) Vgl. E. Landau. Die gegensinnigen Wörter im Alt- und Neuhebräischen. Berlin 1896. 8) Diese hebr. Transskription dürfte einen Beitrag zu dem Streit um die Aussprache des latein. c leisten. 9) Siehe M. Steinschneider, Die fremdsprachlichen Elemente im Neuhebr. Prag 1845. 10) Jes. 14, 23: „Ich werde sie mit dem ,matate' wegfegen". Heute ist das "Wort ,maiate' in Palästina sehr populär als Name eines saiyrischen Theaters, _