Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 10 (7.1938)
- Date
- 1938-07-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite4 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Nr. 10 Juli 1938 ganzen Unheils. Aber On wurde durch seine Frau von dem Unheil errettet. Sie sprach zu ihm, was liegt dir daran, ob Mosche und Aharon die großen Männer sind oder Korach? Du bleibst in jedem Fall der Untergebene. Er erwiderte: was kann ich jetzt tun? ich bin nun einmal mit ihnen verbunden und habe mich Korach verschworen. Sie sagte ihm : bleib du nur zu Haus, ich werde dich schon retten. Sie gab ihm Wein zu trinken, legte ihn zu Bett, als er berauscht war, und dann setzte sie sich mit aufgelöstem Haar vor den Eingang des Zeltes; wer immer kam, den On zu holen, sah sie in diesem Zustand und kehrte sofort um. Inzwischen vollzog sich das Verhängnis, Korach und sein Anhang wurde von der Erde verschlungen, und On war gerettet. „Ueber das Ganze schreibt der Erzähler den Spruch (Mischle 14, 1) „Der Frauen Klugheit erbaut ihr Haus, Narrheit die reißt's mit eigener Hand nieder/' Schöpfungsordnung ,Auf die Rede Korachs antwortet Mosche (4. M. 16, 5) „Am Morgen, da wird ER kundtun, wer ihm zugehört". Warum am Morgen? Mosche sprach, Grenzen hat der Heilige, gelobt sei Er, in seiner Welt abgesteckt; könnt lihr die Grenzen verwischen zwischen Tag und Nacht? Ausdrücklich J'a heißt es (1. M, 1, 4) „Gott schied zwischen Licht und insternis". So hat er auch Aharon geschieden von allen anderen, so heißt es (1. Chr. 23, 13) „ausgesondert wurde Aharon, daß er geheiligt wurde in höchster Heiligkeit". So wenig ihr jene Grenze, die Gott zwischen Tag und Nacht gesetzt hat, verwischen könnt, so wenig könnt ihr auch diese Grenze zwischen Aharon und den andern aus Lewis Stamm verrücken." — Was hier gesagt wird, ist eine Klärung des schwierigen und umkämpften Begriffs der „Schöpfungsordnung", daß sie, sobald Menschen in Betracht kommen, immer eine sittliche Zweckbestimmung haben muß, daß es nicht nur auf das Geschiedensem ankommt, sondern auf das „wozui', um dessentwillen die Scheidung ist, und daß die Scheidung und Ordnung erst aus diesem „wozu" ihren Sinn erhält. Was ist Gottes Wort? Es heißt (V. 3) „sie rotteten sich zusammen wider Mosche und Aharon". Was war der Inhalt der aufrührerischen Rede, der Zusammenrottung? „Sie sprachen zum Volk, kommt wir wollen euch die Taten dieses Sohnes Amrams kundtun. Seid ihr denn, sprach er zu Mosche und Aharon, allein heilig? Sind wir nicht alle am Sinai geheiligt worden, denn so heißt es (2. M. 19, 10) „geh zum Volk und heilige sie". - Und als uns die zehn Worte gegeben wurden, konnte jeder von uns gleichsam vom Berge Sinai saugen, und Gott gab uns die zehn Worte, und da war nichts darin von der Teighebe und von der Körnerhebe und vom Zehnten,- und nichts^ vom Schaufaden hörten wir, das hast du dir alles selbst ausgedacht, um dir und deinem Bruder Herrschaft und Ehrenstellung zu verschaffen." - Man hat hier in dieser Bemerkung einen Widerhall der inneren Kämpfe, die von jeher in Israel um die Geltung der neben den zehn Bundesworten einhergehenden Gesetze .ausgekämpft wurden. Ja, wenn man die letzten Worte liest, klingen sie wie die typische Rede der Aufklärer vor fast 200 Jahren, die in aller religiösen Form nur die Mittel der Priester zur Befestigung ihrer Herrschaft zu schauen vermeinten. Man möchte oft garnicht glauben, wie bestimmte Vorstellungen, die man als neu ansieht, bis in die älteste Zeit zurückgehen. Alle Geistes-: kämpfe wiederholen sich. Die jüdischen Sprachen von Carl Cohen Die jüdischen Wanderungen, freiwillige und unfreiwillige, zeigen dem Beobachter nicht nur viele Wirtschafts- und kulturhistorisch interessante Momente, sondern auch solche philologischer Art. Die Weltgeschichte lehrt, daß wandernde Völker ihre Sprache mitnahmen und in der neuen Heimat weiter pflegten und entwickelten, sie sogar z. T. an die einheimische Bevölkerung übertrugen. Die Deutschen in Siebenbürgen und an der Wolga sprechen heute noch deutsch; die Römer drängten den Galliern ihre Sprache auf; das Englische zeigt in seiner. Geschichte das mannigfache Schillern der Sprachwanderung: den germanischen Angeln, Sachsen und Friesen wurde nach der Schlacht bei Hastings das — von den germanischen Normannen mitgebrachte — Französisch aufgedrängt, aber die Offensive blieb auf halbem Weg stehen. So entstand die englische Mischsprache, die nun ihrerseits als Abbild des kolonialen Fleißes und der Initiative der Engländer weithin auf der Erde verbreitet ist: die als Amerikanisch auf dem westlichen.Kontinent und als Pidgin-Englisch im fernsten Ostasien gesprochen wird, die sich den Süden Afrikas, ganz Australien und viele andere Länder unterworfen hat. In welchem Maße ein Wandervolk seine Sprache behält, sie assimiliert oder aufgibt, wird auf verschiedene Faktoren zurückgehen, die zum großen Teil von der eigenen kulturellen und wirtschaftlichen Stärke des Wandervölks und der des Wirtsvolks abhängen. Eigene Sprachen entstehen mehr oder weniger in jedem festgeschlossenen Kreis; wir kennen „Schülersprachen"1), die Sprache der Kartenspieler mit ihrem eigenen Wortschatz, es existieren die Gaunersprache, die des Wandervogels, die der Berufsgruppen, ja sogar der einzelnen Familien, und je mehr eine Gruppe von der Umwelt gesondert ist, umso mehr hat sie einerseits das Bedürfnis und andererseits die Kraft zur Bildung und Konservierung eigener Sprachformen. Die Juden haben ihre ursprüngliche Sprache, das Hebräisch, nirgends als Umgang-, als Unterhaltungssprache bewahrt, allerorten haben sie auf ihren Wanderungen eine fremde Mundart angenommen, allerdings dabei oft das Hebräische nicht nur als Gebetsprache, sondern auch als Sprache der Literatur, Korrespondenz, gelehrten Unterx) „Pennälersprache" von R. Eilenberger. Straßburg 1910. Siehe auch andere derartige Lexika. haltung und Predigt beibehalten. In die als Umgangssprache meistens angenommenen Landessprachen drangen hebräische Ausdrücke ein, und aus diesen Vermengungen sind die spezifischen Judensprachen entstanden/ diese neuen Sprachen nahmen die Juden oft bei.neuer.-Wanderung mit. Denn bei dieser zweiten Wanderung ging es häufig zu einem Volk niederer Kultur/ man wollte aber auch nicht das Band zu den in anderer Richtung ausgewanderten Brüdern und zur alten Heimat reißen lassen. Diese Judensprachen wurden dann traditionelle Idiome, die an religiöser Bedeutung zwar nicht dem Hebräischen gleichkommen, aber doch den Schutz der religiösen Instanzen ge^ nießen. So ist es zu erklären, daß Jüdisch-Persisch weniger in Persien, umso mehr aber im Kaukasus und in Westchina gesprochen wird, daß Jüdisch-Spanisch in Spanien nirgends, und Jiddisch (^w^r nicht identisch, aber verwandt mit Jüdisch-Deutsch) kaüm noch bei den Juden in Deutschland anzutreffen ist. I. Die hebräische Sprache Die hebräische Sprache war die des Landes Kanaan und infolgedessen keineswegs nur von Juden gesprochen. So ist z. B. der in Dibon 1868 aufgefundene Siegesstein des moabitischen Königs Mesa (2. Kön. 3) mit hebräischen Versen beschriftet,2) so ist anzunehmen, daß die aus Phönizien ausgewanderten Karthager einen hebräischen Dialekt gesprochen haben.3) Die hebräische Sprache gehört zum semitischen Sprachkreis, dessen Haupteigentümlichkeiten sind: 1. ) Die Sprache liegt auffallend tief, sie besteht zu einem großen Teil aus Kehllauten. 2. ) Die Wurzel der' Haupt-, Eigenschafts- und Zeitwörter ist ein Stamm von drei Konsonanten. . 3. ) Diese Wurzeln werden durch Vor- und Nachsilben, bestimmte Vokale und gelegentlich eingeschobene Konsonanten zu Wörtern bestimmter Bedeutung. 2) Siehe darüber z. B. Clermont-Ganneau: La sfele.de Mesa roi de Moab. Paris 1870/ M, A. Levy. Das Mes'a-Denkmal und seine Schrift. Breslau 1871. 3) Vgl. Bauer-Leander, Histor. Gramm, d. hebr. Sprache, Halle 1922, § 1.