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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1938-06-01 · 9 (6.1938) · p. Seite 6

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
16 (1937-1938)
Issue
9 (6.1938)
Date
1938-06-01
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seiten JÜDISCHES GBMBINDBBLATT.r FÜR. FRANKFURT Nr.; 9 Juni 1938 I Damenhüte Da men kleider Heue Modelle fiir Sommer und Sport Umarbeitungen billigst SOFIE ROSSBACH | früher Leiterin bei Gerstel Kaiserstrasse 25 (Laden) M worden, und der ideale Aufschwung, den er in den Herzeh der Jugend entfacht hat, hätte der Geschichte unserer letzten Jahrzehnte gefehlt. Der erste Zionistenkongreß in Basel, so bemerkt Samuel Bettelheim in einem Aufsatz „Wie hat Herzl ausgesehen?", der im Herzl-Jahrbüch veröffentlicht ist, wäre vielleicht „nichts anderes als eine Wiederholung der 15 Jahre vorher stattgefundenen zionistischen Weltkonferenz in Kaiiowitz geworden, wenn dort nicht auf dem Präsidehiensitz ein Mirakel erschienen wäre, als ob König Salomon seinem Grabe entstiegen wäre, weil er das Leid seines Volkes und seine Erniedrigung nicht länger ertragen konnte". Mit seiner hohen Gestalt, seinem ausdrucksfähigen Auge, seinem mächtigen dunklen Bart, nicht zuletzt mit seinen anmutsvollen Bewegungen und mit dem reinen Klang seiner Stimme habe er „den englischen Lord mit der westeuropäischen Eleganz seines Auftretens und gleichzeitig den osteuropäischen Rabbiner mit seiner jerusalemitischen Glorie" übertroffen. Die russische Jüdin Pauline Wengeroff sah in ihm den Bannerträger der Phantasie, auf Emma Gottheil aus New York wirkte seine' Erscheinung wie die eines assyrischen Prinzen, Theodor Monteser aus Wien bezeichnet die Zuneigung der jüdischen Studentenschaft zu ihm als den Sturm einer schwärmerischen Liebe und Begeisterung. Aber nicht nur Frauen und junge Leute standen vor ihm überwältigt. Einen ruhigen Beobachter wie den österreichischen Finanzminister von Bilinski erfüllte „die Gestalt dieses Mannes ungewöhnlicher Schönheit und herkulischer Stärke mit ehrfürchtigem Staunen" und Sidney Whitman, der Reporter des „New York Herald", faßte seinen Eindruck dahin zusammen, daß er niemals einen Mann gesehen habe, dem seine Rolle so auf den Leib geschrieben gewesen sei wie Herzl. III. Aber dieser mythische Herzl, "dessen Wirklichkeit seine Legende erklärt, ist nicht der einzige Herzl, und die Aufgabe des Geschichtschreibers kann sich in einer Geschichte seines Ruhms nicht erschöpfen. Der Reiz des Herzl-Jahrbuchs liegt darin, daß es für den, der richtig zu lesen versteht, den Herzl-schel-maalah und den Herzl-schel-mattah, den entrückten und den - irdischen Herzl, in gleicher Weise zu Wort kommen läßt. Landaus Memoirenwerk dagegen beschäftigt sich mit Herzls Person und der Geschichte des Zionismus in der Absicht, die von aller, heroischen Draperie entkleideten Tatsächlichkeiten jener Tage dem historischen Gedächtnis zu retten. Da erscheint nun ein selbstgefälliger, despotischer, ungerechter Herzl, der sich überall von Abfall und niedriger Feindschaft verfolgt glaubt und der bei jedem Mißerfolg seine Freunde und Helfer in heftiger Weise verdächtigt. Man muß wissen, daß Landau nach dem eigenen Zeugnis der Herzischen Tagebücher einer der frühesten Anhänger Herzls war unddaß er ihm politisch und publizistisch wertvolle Dienste geleistet hat, sich später aber aus persönlichen 'und sachlichen Differenzen heraus von der aktiven Mitarbeit an der von Herzl geleiteten Bewegung zurückzog. In den Tagebüchern wird Landau als „käuflich" und als „sauberer Bursche" bezeichnet, und allerhand Intrigen gegen Herzl werden ihm zur Last gelegt. Difeser Umstand ist es, der Landau auf den Plan gerufen hat. Es ist sicher, daß Herzls Feder hitzig geführt war, Wunsch und Wille formten oft mehr als die Tatsachen selbst seine Sätze. Darüber hinaus aber wird dem mutmaßlichen Herausgeber der Tagebücher, Professor Leon Kellner, der Vorwurf gemacht, wichtige Teile des Manuskripts der Oeffentlichkeit vorenthalten zu haben. _ So weist Landau darauf nin, daß in den Tagebüchern Bemerkungen über einige Persönlichkeiten, die später an die Spitze der zionistischen Bewegung getreten sind, wie Sokolow oder Ussischkin, fehlen, obwohl aus mancherlei Zeugnissen bekannt ist, daß sie im Manuskript A. BREITENSTEIN KONSTABLER WACHE - FAHRGASSE 121 u. 150 NEHREN-WÄSCHE KRAWATTEN vorhanden waren. Auch eine eingehende Darstellung des Uganda-Konflikts sucht man vergebens. Recht aufschlußreich weiß Landau über die Kämpfe um die Formulierung des Basler Programms zu berichten. Gegen den Willen Herzls, dem sein „Judenstaat" Programm genug war, und der eine Fesselung seiner Entschlußfreiheit und eine Einengung der Marschroute der zionistischen Bewegung vermeiden wollte, wurde unter maßgeblicher Mitwirkung. Landaus, eine Programmkommission eingesetzt, die Judenstaatler, Kolonisationszionisten und Kulturzionisten insgesamt auf eine „öffentlichrechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk in Palästina" verpflichtend festlegte. Im dritten Band seiner Tagebücher bestätigt Herzl die innere Logik dieser Darstellung, indem er sagt: „Obwohl ursprünglich nur Judenstaatler - n'imporie ou - habe ich später doch die Zionsfahne ergriffen und ich selbst bin ein Lover of.Zion geworden". IV. Es scheint, daß Herzl, eine herrscherhafte Natur und von der Idee seiner Sendung ganz und gar erfüllt, selbständige Persönlichkeiten neben sich nur schwer ertragen hat. Die Feindschaft mit Landau, die Mißhelligkeiten mit Nordau werden an manchen Stellen der Tagebücher deutlich, für die Ablehnung der undemokratischen Geschäftsführung Herzls durch die Französen Bernard Lazare und Jacques Bahar gibt Landau einige Belege,- dem galizischen praktischen Zionisten Salz verzieh es Herzl nie, daß er vom Kongreß weg nach Paris zu Edmohdde Rothschild fuhr, um dort die Hilfe für die Kolonie Machanajim zu erbitten, die :ihm der Kongreß nicht gewährt hatte,- der Meinungskampf mit Achad Haam blieb wach, solange Herzig am Leben war, und im diesjährigen Herzl-Jahrbuch veröffentlicht Tulo Nussenblatt einen Briefwechsel Herzls mit Buber, der sich an der Stellungsnahme für und gegen Achad Haam entzündet und in dessen Verlauf sich Buber gedrängt fühlt, die freie Meinung jedes Parteimitglieds »„gegen - ein fortwährendes Verkennen und Verketzern" in, Schutz zu nehmen. Der Willensmensch Herzl war zugleich ein Illusionist. Der Wille ist es, der die Illusion schafft, die ihn nachher auf das offene Meer der Vorstellung hinaustreibt. „Wenn Ihr wollt, ist es kein Märchen" ist einer der aufschlußreichsten Sätze zur Erkenntnis des Menschen Herzl selbst. Am 21. Februar 1896 trägt er in sein Tagebuch ein: „Newlinsky, der Herausgeber der Correspondence de l'Est, ist mit dem Sultan befreundet. Er könnte uns gegen Bakschisch die Sorveränität verschaffen." Dieser Satz umschließt den Traum eines Phantasten — einen Traum aber, der, aufgenommen von der Kraft eines Giganten, selbst die Zweifler widerwillig in Bewegung setzte. Er wurde das Leitmotiv aller diplomatischen Aktionen Herzls, in Konstantinopel und an sämtlichen Höfen Europas. Newlinsky machte sich über die Kindlichkeit des Planes lustig, aber er konnte nicht anders, er half ihm zur Verwirklichung. Der alte Professor Vambery in Budapest, viel gereist und sprächenkundig, einer der hervorragendsteh Kenner des Orients und der intriganten Geheimnisse der Hohen Pforte, blieb den Bemühungen des jüngeren Freundes gegenüber skeptisch, aber er stand ihm mit seinem Rat und mit tätiger Unterstützung zur Seite, so oft er darum angegangen wurde. Von dem Glauben an die Richtigkeit und an die Erfolgsaussicht des von ihm eingeschlagenen Wegs hat er sich weder durch Ermahnungen noch durch Nackenschläge abbringen lassen. Besonders aufschlußreich ist das Zeugnis des ehemaligen österreichischen Finanzministers von Bilinski, das von Landau mitgeteilt wird. „Wie heute", so heißt es in seinem Gutachten über „Nationalismus und Zionismus bei den Juden", „erinnere ich mich an den herrlichen Sonntag- Nachmittag, da Herzl in Begleitung-Dr. Blochs in meiner Wohnung erschienen war. Nach einigen unwichtigen Bemerkungen wurde die Frage aufgeworfen, ob Palästina oder ein anderes Land für den Judenstaat geeignet sei./ Ich sprach mich sofort überhaupt gegen die Idee eines Judenstaates aus, trat aber für die Ahsiedlung von Juden in Palästina ein. Dagegen meinte Herzl, der Judenstaatsgedanke wäre ein Lockmittel für die jüdische Jugend. Der Traum eines Judenstaates

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