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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1938-06-01 · 9 (6.1938) · p. Seite 7

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
16 (1937-1938)
Issue
9 (6.1938)
Date
1938-06-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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■^pjjpTOPrvro*: J^it^-JS ^t***,^" Nr. 9 Juni 1938 JÜDISCHES GEMEINDEBLÄTT FÜR FRANKFURT Seite 7 würde in ihr den Trieb zum Abfall und zur Betätigung in revolutionären Bewegungen bändigen. Aber auch Bloch, der sich mit Feuereifer für eine Kolonisation in Palästina einsetzte, erklärte^ daß sich dieses Land für einen unabhängigen,, wirklichen Judenstaat nicht eigne . . . Ich sagte Herzl, eine gesichertere Heimstätte als in Europa werden die Juden in Palästina nicht haben! Aber wie Herzls Denkart früher einmal radikal assimilatorisch war und im Judentum eine Welttaufbewegung schaffen wollte . . ., so radikal ging er jetzt an die Nationalisierung der Welijudenheit heran, komme es, wie es komme . . ." Einwendungen wie Widerstände machten Herzl nicht nachdenklich, sondern erregten ihn als ein Beispiel intellektueller oder moralischer Minderwertigkeit ihrer Träger. V. Herzls Wirkung auf die jüdische Welt entsprach seinem vulkanischen Temperament. Was er vorfand, der Kolonisationszionismus der Palästinavereine, selbst der Külturzionismus Achad Haams und seiner Freunde, war tief unpolitisch. Herzl dagegen war ein Politiker aus Instinkt. „Die Kolonisation in großem Maßstab kann nur gemacht werden als eine, die unter ihrem Selbstschutze steht und ihre Autonomie hat, sonst verpflanzen wir Armenier irgendwohin". Dies ist die Formulierung seines Grundgedankens in dem Vortrag, den er in der Oesterreichisch-Israelitischen Union, dem Sammelbecken des assimilierten jüdischen Bürgertums in Oesterreich, am Anfang seiner Laufbahn gehalten hat. Ungeduldig wie nur ein Visionär sein kann, verlor Herzl bei der Verfolgung seiner Idee oft genug die Maßstäbe des Möglichen. Er verkannte, daß Souveränität nur durch Okkupation errungenwird, nicht vorher. Durch das Einschwören seiner Anhänger auf das Credo des Charter als der unabdingbaren politischen Grundvoraussetzung jeder, , auch der kleinsten Siedlung, hat er das praktische Kolonisationswerk des: Odessaer Vereins, der Chovevi Zion, des „Esra" und des Barons Rothschild zwar nicht zerstört (soweit reichte seine Macht nicht), aber er hat es für die Dauer eines Jahrzehnts in seinem ohnehin recht behutsamen Fortschreiten empfindlich gehemmt. Die von ihm Angegriffenen dagegen konnten ihm nicht mit gleichen Waffen entgegentreten, wenn sie nicht ihre grundsätzlich unpolitische Stellungnahme aufgeben wollten. So hat er alle Judensfaatler, keineswegs aber alle Zionsfreunde unter seiner Fahne gesammelt. Als ein einziges Beispiel für viele mag gelten, daß ein Mann wie Hirsch H i ld esheimer, der Führer der gesetzestreuen Judenheit Deutschlands, die schon zugesagte Teilnahme am 1. Kongreß wieder zurückzog, als er bemerkte, daß Herzl auf seiner besonderen politischen These bestehen blieb und jede andere taktische Einstellung ausschloß. Das Sichberauschen an Zukunftsidealen, so meinte er in einem Brief an Landau, den dieser in seinem Buch erstmalig abdruckt, schädige die Bestrebungen, die heute verwirklichungsmöglich seien und die, wenn sie verwirklicht sind, zugleich die Verwirklichung jener - Zukunf tsideale bedeuten, -Herzl ha-rdiese wie andere Meinungen^ die von der seinigen abwichen,r nicht gelten lasseh und nicht die Liebe zu Zion, sondern xlie- Ablehhung des lludensiaats. und das Festhalten ah Hein---- liehen Aushilfen aus ihr herausgehört. Er reagierte auf Hit desheimers wie auf Rothschilds Sükkursverweigerung mit der.Parole der schärfsten Verfemung. Wer mit Rothschild zusammenarbeitete, und sei es auch nur zur Rettung bestehen- - der, aber notleidend gewordener Kolonien, wurde als Lieber? läufer zum Feind betrachtet, sein Verhalten als Sündegegeru die Generallinie der Partei ausgegeben. — Heute wissen wir, daß diese Generallinie bald nach Herzls Tod verlassen wurde. Drei Jahre, nachdem er gestorben war, 1907, mit der Errichtung der Kolonisationsabteilung der zionistischen Executive und mit der Entsendung Ruppins nach Palästina beginnt die Epoche, in der der politische Zionismus die Methoden des Praktischen aufnimmt und sie erneuert. In unseren Tagen: hängen in Palästina die Bilder Theodor Herzls und Edmorid de Rothschilds friedlich nebeneinander. Aber außerhalb des: Landes ist der Riß der Entzweiung, mit dem Herzl das Lager der Zionsfreunde getrennt hat, noch immer ungeheilt. : - VI.;; ' . ";\ Theodor Herzl war ein Elementarereignis. Seine Gegner haben gewiß mit vielen ihrer Einwendungen recht gehabt; die ungeduldige Vorwegnahme seines Grundgedankens, die von Todesahnungen beflügelt war, mag das Reifen seines Werks mehr gestört als gefordert haben, aber das Schicksal hat den geliebt, der Unmögliches begehrt hat. Wie wenig mit der bloßen Richtigkeit getan ist, wie sehr andererseits die Enttäuschungen Herzls in seiner eigenen, Natur begründet waren, läßt sich nirgends eindringlicher feststellen als. art den Beziehungen Herzls zu dem Wiener-Oberrabbiner Gü de-, mann. Bisher wußte man von ihnen allein durch , die Tage^ büchaufZeichnungen Herzls. Herzl schilderte die begeisterte; Aufnahme des „Judenstaaf -Entwurfs durch" Güdemahri an*, läßlich der ersten Vorlesung in Mühchen, dann aberauch; das spätere, für ihn unerklärliche Verhalten desselben Güde?' mann nach der Veröffentlichung des „Judenstaat", das in der Herausgabe der polemischen Schrift „Das Nationaljudenrum" publizistischen Ausdruck gefunden hat. Was war geschehen? Niemand wußte den Widerspruch zu erklären. Landau herichtet nun von noch ungedruckten „Erinnerungen" Güde~ manns, aus denen hervorgeht, daß Güdemann während der mehrstündigen Vorlesung Herzls „wie ein aus den Wolken Gefallener" dasaß, der nach seinem eigenen Geständnis vollständig Besinnung und Herrschaft über sich selbst verloren, hafte. Der Ekstatiker Herzl hatte den nüchternen Mann, der sein- 6 ES CHA FT S - A UFGABE Noch grosse Auswahl in QU ALI TÄTS-ZIG ARREN in allen Preislagen DR. J.WEILER Gr. Bockenheimerstr. 45 Tel. 29186

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