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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1938-06-01 · 9 (6.1938) · p. Seite 5

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
16 (1937-1938)
Issue
9 (6.1938)
Date
1938-06-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 9 Juni 1938 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Seite_5 •worden, so will ich von dieser Well genießen.";; Acher kam aus einem Kreise, dem Rabbi. Akibä, Ben Asai urjd Ben Sorna * angehörten. Auch sie hatten Spekulationen über das Zwischenwesen, vermutlich aus ähnlichen Motiven wie Acher angestellt.-Aber sie blieben sowohl von der Verstrickung im Dualismus als auch von der Resignation über das Mißverhältnis zwischen Handlung und Lohn verschont. Ben Asai sprach vielleicht mit Hinblick auf Acher: „Die Vergeltung des Gebotes ist das Gebot selbst, die Vergeltung der Sünde ist die Sünde selbst." Aber Acher war für diesen Gedanken ebenso wie für die Auffassung der Leiden als;,Züchtigungen der Liebe", die nach jüdischer Auffassung auch über einen Frommen zur Prüfung oder Läuterung verhängt werden, unempfänglich. Er besaß offenbar wenig Sinn für das innere Gut, ihn verlangte nach äußerem Lohn, und es ist bezeichnend, daß er auf die Kunde von seiner Verdammung den Entschluß gefaßt hat, sich dem Vergnügen und den sinnlichen Genüssen zu ergeben. Die Lehrer wachten über der Reinerhaltung der monotheistischen Gotteslehre. Das Volk, das in einer Welt lebte, die von geistigen Gärungen und weltanschaulichen Bewegungen beunruhigt wurde, konnte leicht dem Ansturm der Irrlehre erliegen. Die Gefahr des Eindringens fremder Glaubenselemente war um so größer, als man in diesem hellenistischen Zeitalter für die Verschmelzung verschiedener Religionen nicht wenig Neigung hatte. Es wimmelte von Stiftern, die in Anlehnung an eine bestehende Religion durch Zusätze von fremden Glaubensvorstellungen Sekten und Gemeinden gründeten." Vor diesem Synkretismus, der ein Teilvorgang im Prozeß der Auseinandersetzung zwischen dem Orient und Hellas, zwischen östlichem Mythos und griechischer Spekulation war, wollte man Jisrael bewahren. Acher scheint eine Oppositionsstellung gegen Rabbi Akiba eingenommen zu haben. Sein Spruch: „Lernt man in der Jugend, so ist es ebenso, als schriebe man mit Tinte auf neues' Papier,- lernt man aber im Alter, so ist es ebenso, als schriebe man mit Tinte auf verwischtes Papier" — mag vielleicht auf den Lebenslauf Rabbi Akibas angespielt haben. Die Lehrer, und besonders Rabbi Akiba, hatten die Beschäftigung - mit Griechentum verboten. Acher aber trug „viele häretische Bücher bei sich" und „griechischer Gesang wich nicht von seinem Munde". Im Geiste seines Meisters Rabbi Akiba hatte Rabbi Meir erklärt-. „Beschränke dein Gewerbe und befasse dich mit Tora. Ich lasse jedes Gewerbe der Welt und lehre meinen Sohn nur Tora." Acher sprach, wenn -er ins Lehrhaus ging und Knaben vor den Büchern sah: „Was sitzen die hier? Was tun sie? Der wäre von Handwerk Maurer, der wäre von Handwerk Tischler, der wäre von Handwerk Fischer, der wäre von Handwerk Schneider. Und als jene dies hörten, ließen sie ab und gingen fort.";.Aus dem Abgefallenen wurde ein Feind. Die Lehrer mieden .jeden Verkehr mit dem ausgestoßenen und geächteten Acher, dessen Gelehrsamkeit anscheinend hervorragend war. Gemäß behördlicher Bestimmung darf eine kostenlose Lieferung des Gemeindeblattes nicht stattfinden. Wir richten daher an alle Mitglieder der Gemeinde die dringende Bitte, das Bezugsgeld von RM 0.45 pro Vierteljahr pünktlich .beim Vorzeigen der Quittung, zu entrichten, damit in der regelmäßigen Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintritt. Inhaber von Postscheckkonten können sich das Bezugsgeld vierteljährlich von ihrem Konto abbuchen lassen. Hierzu ist eine einfache, diesbezügliche an uns zu richtende Willenserklärung erforderlich. Die Erhebung des Bezugsgeldes wird auf behördliche Veranlassung im Voraus durchgeführt, demgemäß für die Monate Juli bis September 1938, Ende Mai und im Juni 1938. Frankfurt a. M., 30. Mai 1938, Fahrgasse 146 Vorstand der Israelitischen Gemeinde Verwaltung des Jüdischen Gemeindeblattes Rabbi Meir war der einzige, der trotz allem Umgang mit ihm pflegte. „Einst ritt Acher am Sabbat auf einem Pferde, während Rabbi Meir ihm nachging, um Tora aus seinem Munde zu lernen. Er sagte zu ihm: Meir, kehre um, denn an den Schritten meines Pferdes merke ich, daß bis hier der Sabbatbezirk reicht (man darf am Sabbat nicht mehr als zweitausend Ellen von der Stadtgrenze gehen). Da sagte Rabbi Meir zu Acher: So kehre auch du um. Da sagte Acher: Habe ich dir nicht schon gesagt, daß ich von hinter dem Himmelsvorhang gehört habe: Kehret um, ihr abtrünnigen Söhne, außer Acher!" „Nach einiger Zeit wurde Elischa krank. Man kam und sagte zu Rabbi Meir: Siehe, dein Meister ist krank. Er ging" hin, um ihn zu besuchen, fand ihn krank und sprach zu ihm: Möchtest du nicht umkehren? Da sprach Elischa: Und wenn ich umkehrte, würde man es annehmen? Da sprach Rabbi Meir.- Ist nicht geschrieben-. „Du läßt den Menschen kehren bis zur Zermalmung" — bis zur Zermalmung der Seele! Aber man nimmt sie auf. In dieser Stunde weinte Elischa, verschied und starb. Da wurde Rabbi Meir froh in seinem Herzen und sagte? „Es scheint, derMeister ist mitten in derUmkehr verschieden.'* Theodor Herzl — so oder so? von Dr. Werner Cahnmann I. Iii seinen Lebenserinnerungen spricht Simon Dubnow davon, daß die aus Basel nach Odessa zurückkehrenden Kon-' greß-Delegierten und -Gäste „im Banne des Zauberers Herzl" gestanden seien - „mit einer Ausnahme: Achad Haam, dieser nüchterne Geist, blieb abseits vom neuen messianischen. Taumelnder alle ergriffen hatte". Das war im Jahr 1897. Wenige Jahre später, 1910, schrieb derselbe - Achad Haam an Jakob Klatzkin, der ihn zur Teilnahme an einem Buch über Herzl Aufgefordert hatte, daß ein Gedächtniswerk, welches den Menschen aus Fleisch und Blut darstellen möchte, nur Schäden für das Gewebe des mythischen Bildes bringen könnte, das er für die Zukunft des nationalen Ideals für wichtiger hielt als die Feststellung dessen/was wirklich geschehen war.- - . ' Z.;' ■ ."■ n. ZwekVeföffentlichungen des letzten Jahres, sind geeignet, das mythische wie das reale Bild Theodor Herzls aufs Neue einanderrsgegenüberzustellen; das von Tulo Nussenblati herausgegebene Theodor Herzl-Jahrbuch *} und Saul Raphael Landaus Lebenserinnerungen aus der Sturm- und Drangzeit des Zionismus.**) Aus vielen Beiträgen des Theodor Herzl- Jahrbuchs ist zu entnehmen, daß Herzls wahrhaft zauberische Wirkung auf seine Zeitgenossen den Nachgeborenen kaum mehr begreiflich gemacht werden kann. Manche versuchen, seine Romane und Aufsätze nachzulesen und finden sie vom Wellengang stürmischer Jahrzehnte'überholf - sie schlagen seine Tagebücher nach und erhalten den Eindruck vergeblicher Bemühungen eines Illusionisten - Saul Raphael Landau weist in der Buchbesprechung des „Judensiaar" von 1896, die er im Anhang seines eigenen Buches abdruckt, mit Recht darauf hin, daß die wesentlichen Gedanken, die Herzl geäußert hat, in der vorherzischen zionistischen Literatur, die Herzl bei Abfassung seiner jüdischen Erstlingsschrift nicht gekannt hatte, vorweggenommen sind. Hätte er sie aber gekannt, so wäre der „Judenstaat" vielleicht nicht geschrieben *) Theodor Herzl-Jahrbuch, begründet und herausgegeben von Tulo ^Nussenblatt. Dr. Heinrich Glanz Verlag, Wien. **) Saul Raphael Landau, „Sturm und Drang im Zionismus. Rückblicke eines Zionisten, Vor, mit und um Theodor Herzl". Verlag Neue National-Zeitung, Wien I.

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