Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 9 (6.1938)
- Date
- 1938-06-01
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Nr. 9 Juni 1938 und so die andern auch, wie soll ich es machen? Da sagte ihm der Heilige, gelobt sei er: Mosche, sorge dich nicht, sie kennen von sich aus ihren Platz, sie haben das Testament des Urvaters Jacob in ihrer Hand, die Ordnung ist ihnen nichts Neues, sie haben sie von Jacob her, wie dessen Söhne einst seine Bahre trugen." In dieser Legende ist allerlei enthalten. Sie ist von einer verzichtenden Wehmut, sie rechnet damit, daß zunächst jeder etwas anderes wird tun wollen, als was man von ihm verlangt, ihm zuweist. Sie ist zugleich ein Hymnus auf die Traditionstreue Israels, daß es jeden Streit beiseite läßt, wenn es weiß, daß eine Ueberlieferung vorliegt für das, was man von ihm verlangt. Und zugleich ist auch wieder ein leiser Tadel dafür, daß es nur dann sich fügt, wenn Erinnerung an Vorzeit da ist, daß es einer Berufung auf Gewesenes bedarf, und daß es schwer aus sich selbst mit Entschluß das zu tun bereit ist, was gerade die Stunde fordert. Was ist Würde und was Würdelosigkeit? Auf die Anweisung über die Lagerordnung folgt die Einteilung der Aufgaben der Lewiten und der Priester, sie schließt ab mit dem Satze (4. M. 4,16) „und das Amt Elasars, des Sohnes Aharons des Priesters, sei: das Oel zur Beleuchtung Und das Räucherwerk der Spezereien sowie das ständige Mehlopfer und das Salböl, die Aufsicht über die ganze Wohnung und über alles, was darin ist an. Heiligem, und an dessen Geräten." Nun war das das Schwierigste und Anstrengendste, und Elasar war (4. M. 3, 32) „der Fürst der Fürsten Lewis", und doch leistete er die schwerste Arbeit! Das gibt Anlaß zu der Bemerkung, „daß der Mensch sich selbst gering machen muß vor Gott, wie es heißt (Spr. der V. V, 20) „sei hart wie ein Leopard, schnell wie der Adler, leichtfüßig wie der Hirsch und stark wie der Löwe, den Willen deines Vaters im Himmel zu tun",- daraus kannst du lernen, daß es keinen Stolz vor Gott gibt. Elijahu sagte: Wer des Himmels Ehre mehrt und seine eigene gering hält/bewirkt, daß des Himmels Ehre gemehrt wird und seine eigene auch/ und wer des Himmels Ehre gering hält und seine eigene mehren will, wird merken, daß des Himmels Ehre unvermindert bleibt, aber seine sich mindert. Es geschah, daß "einer in der Synagoge stand und sein Sohn neben ihm, alle Persönlichkeiten der Elischa ben Abuja von Dr. Abraham Heschel Elischa ben Abuja „saß in der Ebene Genezaret und lernte. Da sah er, wie ein Mann eine Dattelpalme erstieg, eine Vogelmutter von den Jungen fortnahm und heil herabstieg. Am nächsten Tag sah er, wie ein anderer Mann eine Dattelpalme erstieg, die Vogeljungen fortnahm und die Mutter freiließ; als er herabstieg, biß ihn eine Schlange, und er starb. Da sprach Elischa ben Abuja: Es ist geschrieben: Freilassen sollst du die Mutter, die Jungen magst du dir nehmen, damit es dir gut ergehe und deine Tage verlängert werden: Wo ist da sein gutes Ergehen, wo ist da die Verlängerung seiner Tage?" Elischa ben Abuja „hatte die Zunge des Rabbi Jehuda, des Bäckers, in einer bluttrinkenden Hundeschnauze gesehen,- da sagte er: Das ist die Tora und das ihr Lohn? Das ist die Zunge, die die Worte der Tora hervorbrachte, das ist die Zunge, die sich all ihre Tage um die Tora mühte, das ist die Tora und das ihr Lohn? Es scheint, daß es keine Belohnung und keine Auferstehung der Toten gibt." Diese Erschütterung des Glaubens ist im Judentum nicht neu. Hiob ist der klassische Fall solcher Unruhe. Die Annahme einer individuellen Vergeltung ließ die Menschen den Lohn der Frömmigkeit erwarten. Der ausbleibende Lohn erweckte quälende Zweifel an der Wahrheit des Glaubens. Die Resignation des in hohem Ansehen stehenden Gesetzeslehrers Acher - wie man den abtrünnigen Elischa ben Abuja späier genannt hat - war ein Rückschlag auf den gläubigen Enthusiasmus der Märtyrer und die geistige Folge der nationalen Katastrophe. Die Hadrianischen Verfolgungen hatten sich gegen die Erfüllung der Tora gerichtet; sie waren ein Anschlag auf das Wort Gottes und trafen nicht nur die Menschen, am wenigsten die Frevler und am meisten die Welt fiel auf das Gebet des Vorbeters mit Halleluja ein, der Sohn aber schwatzte albernes Zeug. Man sagte dem Vater.- achte -doch auf deinen Sohn, wie er während des Gebetes albern schwatzt, er antwortete: was kann ich mit ihm anfangen? Er ist doch ein Kind, soll er seinen Spaß haben. So ging das alle acht Tage des Festes, der Sohn schwatzte albern, und der Vater sagte ihm kein Wort. Aber im Laufe dieses und des zweiten und des dritten Jahres starb jener Mann und jene Frau, sein Sohn und *sein Enkel, und fünfzehn Leute mußten sein Haus verlassen, und übrig blieben nur zwei, einer, der lahm und blind war, und ein zweiter,, der boshaft und dumm war. - Es geschah zum andern, daß ein Mann tief bereute, daß er nicht gelernt hatte. Einmal stand er in der Synagoge, und als der Vorbeter an die Heiligung kam, erhob er seine Stimme und sprach sehr laut das „Heilig, heilig, heilig ist ER der Umscharte". Man fragte ihn: aus welchem Grunde erhebst du hier deine Stimme so sehr? Er antwortete.- es war mir nicht beschieden zu lernen, und nun da etwas erklingt, das ich verstehe und mir die Möglichkeit des Mitsprechens gegeben ist, soll ich da nicht so laut als möglich sprechen, daß meine Seele sich erquicke? Im Laufe dieses und des nächsten und des dritten Jahres geschah's, daß jener Mann aus Babel nach Erez Israel wandem konnte, und er wurde dort ein Feldhauptmann des Kaisers, und man machte ihn zum Befehlshaber über alle Burgen in Erez Israel, man gab ihm Platz, und er baute eine Stadt und saß in ihr, und er und sein ganzes Geschlecht erhielten den Namen „Rufer". So kannst du lernen, daß der Mensch keinen Stolz haben darf vor Gott, und wer sich stolz macht vor ihm, gerät in Schande, wie es heißt: (1. Schmuel 2, 30) „die mich ehren, ehre ich, und die mich verachten, werden gering". - . Man lese aus dieser Legende zunächst heraus, daß das Plaudern und Schwatzen währ e n d des Gottesdienstes als eine Geringschätzung Gottes angesehen wird. Und man lese weiter, daß das verständnisvolle Sichversenken in das Gebetswort als Ausgleich für ein Lernen angesehen wird, das einem verschlossen blieb. Für den Sinn des Ganzen bedarf es keiner Erklärung: nichts, was man vor Gott und zu seiner Ehre tut, ist eine Beeinträchtigung der persönlichen Würde. jüdischen Geschichte Frommen. Dagegen waren die Abtrünnigen gegen das Unheil gleichsam gefeit. War es anzunehmen, daß Gott selbst seinem Worte trotzen wollte? - - Elischa ben Abuja suchte, wie es scheint, durch theosophische Spekulationen dem Problem der Theodicee beizukommen. Auf den Gedanken, der uns zuerst bei Philo von Alexandrien entgegentritt, daß es nämlich keine unmittelbaren Gotiesbeziehungen zur Welt gibt, daß die Einwirkungen Gottes auf die Welt durch ein Zwischenwesen vermittelt werden, scheint Acher sein Augenmerk gerichtet zu . haben. Dieser Lösungsversuch mochte eine Umbiegung der Frage erreicht haben, die sich nun nicht mehr ausschließlich gegen das höchste Wesen, sondern gegen die von ihm gesetzte Ordnung wandte. Von diesem Zwischenwesen hat eine spätere Sage behauptet, „daß es die Seelen der Gerechten Gott darbringt, um für Jisrael in den Tagen des Exils Sühnung zu beschaffen". Vielleicht war diese Vorstellung bereits im Zeitalter Achers als Sinndeutung des Martyriums bekannt. Jedenfalls war die Lehre vom Zwischenwesen nicht nur eine Scheinlösung, sondern geradezu eine Falle des Irrglaubens. Diese Lehre brachte Acher auf den Gedanken ^Vielleicht gibt es zwei Mächte im. Himmel?" Die Welt und die Tora, Gott und das Böse, standen in seinem Bewußtsein einander gegenüber. Er fand zu keiner Einheit zurück und nahm auf Grund seiner persönlichen Erfahrung an, daß zwischen beiden ein Zwiespalt bestehe. Der Riß in seiner Erfahrung erschien ihm nun als Riß im Bestand des Universums. Als dieser bedeutende Gesetzeslehrer dem Irrglauben verfallen war, „ertönte eine Stimme aus dem Himmel: Kehret um, ihr abtrünnigen Söhne, außer Acher!" Acher wurde verdammt. Der Ruf nach Umkehr, der sich an alle Menschen richtete, nahm ihn aus. „Da sprach Acher: Bin ich nun aus jener.Welt verdrängt