Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 8 (5.1938)
- Date
- 1938-05-01
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Nr. 8 Mai 1958 C SOFIE ROSSBACH früher Leiterin bei Gerstel _. KAISERSTR. 25 (Laden) zeigt die neue Kollektion für Frühjahr und Sommer Damenhüteu. Kleider für Sporf, Nachmittag und Abend liehe Niederlassung hat.. Die Erteilung des Stadthausierscheins ist jedoch im Gegensatz zu Wandergewerbeschein und Legitimationskarte meist davon abhängig, daß ein Bedürfnis der Allgemeinheit für das betreffende Gewerbe besteht. Auch die Erteilung des Wandergewerbescheins ist von der Bedürfnisfrage abhängig, wenn es sich um Ausländer oder Staatenlose handelt. Ein klagbarer Anspruch nach der obigen Darstellung besteht mithin in diesen letzteren Fällen nicht. (Bearbeitet vom Jüdischen Ceniral-Verein e., V., Landesverband Hessen-Nassau und Hessen in Frankfurt am Main). Jüdische Blinde im Beruf von Dr. Max Reis In jeder Gemeinschaft gibt es Gruppen, die der besonderen Aufmerksamkeit und Obhut der Gemeinden, Fürsorgeeinrichtungen usw. bedürfen. Zu ihnen gehören die Blinden. Zwar ist ihre Zahl unter den Juden nicht erheblich - " nach einer Statistik von 1925 gab es in Deutschland"356 jüdische Blinde -, doch bedingt die schwere Behinderung dieser Menschen eine besondere Verpflichtung zur Hilfe. Die Erfüllung dieser Aufgabe wird den Gemeinden abgenommen, mindestens werden sie dabei unterstützt durch die von den jüdischen Blinden im Jahre 1933 nach ihrem Ausscheiden aus dem Reichsblindenverband gegründete „Selbsthilfegruppe (jetzt Selbsthilfe Vereinigung) der jüdischen Blinden in Deutschland". Diese nimmt alle Interessen der jüdischen Blinden in Deutschland wahr,- sie arbeitet in gutem Einvernehmen mit der in Berlin-Steglitz seit 1910 bestehenden Jüdischen Blindenanstalt. Sie ist u. a. bestrebt, ihren Mitgliedern die Erlernung eines Berufs zu ■ermöglichen. Denn auch Blinde können für eine berufliche Beschäftigung so ausgebildet werden,-daß sie durch Arbeit ihren Lebensunterhalt zu verdienen imstande sind. Jahrhunderte lang hat man die Blinden überall nur als bedauernswerte, arbeitsunfähige Menschen angesehen,- sie waren auf die Mildtätigkeit der Umwelt und auf die Errichiung von Blindenasylen angewiesen. Im 19. Jahrhundert aber erkannte man, daß auch Blinde sehr wohl arbeiten können, und so ging man daran, sie besonders unter Ausnutzung des Gehörs und des Tastsinns handwerklich auszubilden. Die damals errichteten Blindenanstalten waren zwar außderdem noch Heime für alte und gebrechliche Blinde, aber ihr vornehmster Zweck war doch der Unterricht Blind- •geborener oder Jugendblinder und deren Ausbildung in einem Beruf. In dem Schulunterricht, der blinden Kindern in den Anstalten zuteil wurde (es herrscht Schulpflicht auch für blinde Kinder in Deutschland), werden die gleichen Fächer gelehrt wie an den anderen Schulen. Nur ist selbstverständlich die Unterrichtsmethode anders. In der Geographie z. B. wird die Vorstellung des Blinden durch Reliefkarten-geweckt, im naturkundlichen Unterricht durch Modelle, die er abtastet. Natürlich werden Blindenschrift und Kopfrechnen besonders gepflegt. Auch Sport wird getrieben, da Wendigkeif des Körpers für den Blinden wichtig ist. Was nun die an die Schule sich (in Deutschland wenigstens) anschließende Ausbildung in einer Arbeit betrifft, so wurden in der Zeit bis zum Weltkrieg in der Hauptsache die sogenannten typischen Blindenberuie gelehrt: Stuhl- und Korbflechten, Anfertigen von Bürsten und Besen. Blinde sind auch heute noch in diesen Berufen _als selbständige Handwerker oder gegen Lohn in den Blindenanstalten tätig. Relativ häufig sind Blinde als Musiker, hauptsächlich als Organisten erfolgreich. Spätblinde, die erst in vorgerücktem Aller ihr Augenlicht verloren haben, können handwerkliche Ausbildung erhalten,- hier sind die Schwierigkeiten insofern •geringer, als diese Späiblinden noch die Vorstellungsbilder aus früherer Zeit bewahren. ) Nach dem Kriege begann ein wesentlicher Fortschritt in der Blindenausbildung infolge des Bestrebens, die zahlreichen Kriegsblinden wieder im Erwerbsleben unterzubringen. Es ging schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht an, auch sie alle zu Korb- und Stuhlflechfern zu machen. Auf einer besonderen Kriegsblindenschule in Berlin wurden nun neue Berufsmöglichkeiten für Blinde entdeckt. Der.erste dieser neuen Blindenberufe ist der des Industriearbeiters. Das'für unmöglich Gehaltene wurde Wirklichkeit: Blinde, und zwar bald nicht nur Kriegsblinde, wurden als Fabrikarbeiter ausgebildet. Da * die in den Siemenswerken gemachten Versuche Erfolg hatten, beschäftigten auch bald andere Unternehmungen blinde Arbeiter. Hatte sich doch erwiesen, daß sie vollwertige Arbeit leisten konnten. So arbeiten jetzt Blinde an Gewindeschneidmaschinen, Prägepressen, Bohrmaschinen usw. Man errechnete bereits im Jahre 1923 nahezu 200 Beschäftigungsmöglichkeiten für Blinde in.der Industrie/Von diesen Möglichkeiten wird in der Praxis guter Gebrauch gemacht. Bedingung für die Beschäftigung Blinder als Arbeiter ist natürlich, daß die Maschinen mit Vorrichtungen versehen sind, die jede Verletzung, insbesondere der Hände, ausschließen, da sonst die staatliche Gewerbeaufsicht keine Genehmigung zur Blindenarbeit erteilt. Den Nutzen * von dieser Sache hat außer den Blinden, die sich dadurch den Lebensunterhalt sichern, der Staat, dem sie nicht zur Last fallen. Blinde galten als- Schwerbeschädigte im Sinne des Schwerbeschädigiengesetzes von 1923; unter Umständen war also auf Grund dieser Bestimmungen eine Zwangseinstellung Blinder in Fabriken möglich. - Es darf auch der psychologische Wert dabei nicht vergessen werden.- daß solche Betätigung den Lebensmut des Blinden hebt. Durch die tägliche Zusammenarbeit mit seinen sehenden Kameraden wird verhindert, daß das Gefühl des Ausgesioßenseins, der Minderwertigkeit in ihm aufkommt. In der Blindenschule wurden Blinde fernezu Büroarbeitern, insbesondere Stenotypisten ausgebildet. Dieser Berufsart kommt wohl noch größere Bedeutung zu. Auch hier folgten die Nichtkriegsblinden schnell dem Beispiel der Kriegsblinden und ergriffen diesen Beruf. Im Jahre 1933 gab es in Berlin allein 200 blinde Stenotypisten, Männer und Frauen. Entweder wird den blinden Stenotypisten das- Diktat in die Maschine angesagt, oder sie machen sich mittels einer besonderen Blindenstenographie ein Stenogramm und schreiben dann das Diktierte. -Dabei muß äußerst korrekte Arbeit geleistet werden, wenn die Konkurrenz mit Sehenden bestanden sein will,- Blinde können ja nicht radieren oder verbessern. Es hat .sich gezeigt, daß blinde Stenotypisten es in Schnelligkeit und Sauberkeit zu großen * Leistungen bringen, sogar in öffentlichen Wettschreiben gegen Sehende. Natürlich ist, wenigstens am Anfang, eine gewisse Hilfsbereitschaft der sehenden Berufskollegen erforderlich,- aber wer würde die einem blinden Menschen versagen?! Ferner wurden Blinde auf der Kriegsblindenschule zu Aktenheftern und Telefonisten herangebildet. Bei Banken und Versicherungsgesellschaften, auch bei staatlichen und kommunalen Behörden gibt es blinde Aktenhefter,- sie arbeiten mit der Hand oder mit Heftmaschinen,- auch bedienen Blinde in größeren Betrieben manchmal die Telefonzentralen. Zu landwirtschaftlichen Arbeiten sind Blinde auf Grund geglückter Versuche ebenfalls schon verwendet worden, z. B. zum Umgraben, Melken, Säen gewisser Pflanzensorten usw. Weitere handwerkliche Berufe sind inzwischen den Blinden ebenfalls erschlossen worden, besonders außerhalb Deutschlands, als Stricker, Tischler, Polsterer und Schuster/ auch als Köchinnen werden blinde Personen jetzt mit Erfolgbeschäftigt. ' Im Kaufmannsberuf findet man Blinde als selbständige Unternehmer. Selbstverständlich sind sie hier weitgehend auf die Hilfe Sehender angewiesen. Sie können nicht selbst ihre Bücher führen und auch... nicht etwa Waren ein- oder verkaufen. Dafür kommen sie auch als Angestellte nicht in Frage; aber in der Organisation des Geschäfts z. B. können Versicherungen sind Ver4rauenssGche! HANS GRÜNEBAUM VERSICHERUNGEN ALLER ABT HOHFNZOL'-EPN-STgfg?? "? TEL 3f1?§.703«1