Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 7 (4.1938)
- Date
- 1938-04-01
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 8 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Nr. 7 April 1938 Damen- und Herren-Wäsche Damenkleldung Strickwaren Kielderstoffe Manufaktur waren Alles preiswert % 14 JV #*M /V #• 4% Texlil-Kauffhaus *f W * * jf "* " * * an der Bockenheimer warte Leipzigerstrasse 14 Strumpfkleidung Unterkleidung Schürzen Berufskleidung Bettwäsche Haushaltswäsche Jugend nach Erneuerung im Lande der Vater enigegeniraieiij waren hier gleichfalls Erfahrung und Denkrichtung vom Religiösen abgetrieben worden. Die Kaufleute und Akademiker Mitteleuropas schließlich kommen aus einer Welt, die wir nicht näher zu kennzeichnen brauchen, ist sie docn die Welt, in der eben bei uns — wenigstens bis vor einigen Jahren — die meisten Menschen groß geworden waren: Welt der Aufklärung und Entfernung von der Tradition, Geist der Verweltlichung und der weltlichen Interessen, Glaube an die Allmacht des Menschen und allzu große Sicherheit darin. So entstand die viel besprochene Gegenwart des religiösen Lebens in Palästina, entstand als schonungslose Aufdeckung der Gegenwart des religiösen Lebens im jüdischen Volke überhaupt. Denn das Land hat es aus den. verschiedensten Gründen an sich, gerade auf diesem Gebiete enthüllend zu wirken. Bei uns, in der Galut, wird das Bild zuweilen beeinflußt, wenn die Menschen aus Lebensangst — an sich ein Ansatzpunkt für Religion — zur Religion ihre Zuflucht nehmen. Dort, im Lande, hat man keine Angst. Wir wissen weiter, daß ein großer Teil der Besucher unserer Synagogen kommt, um dort Gemeinschaft — an sich ein möglicher Quell jüdischer Religiosität — zu finden. Dort, im Lande, findet man Gemeinschaft auch außerhalb der Synagoge, man lebt in ihr. Wir würden auch bei uns noch kritischer sein, wenn wir uns ausschließlicher mit der religiösen Situation unserer Jugend beschäftigen würden. Dort, im' Lande, bestimmt Jugend die Erscheinung der Bevölkerung. Darum also bekommen wir dort im Lande ein so ungeschminktes Bild religiöser Gegenwarf. Bleibt es nun dabei, daß die Menschen einfach dort das weiterleben und ausleben, was in der Galut verdorben und gestört worden war? In gewisser Beziehung bleibt es nicht nur dabei, sondern erfährt eine Verschärfung und Unterstreichung. Alle Neu-Einstellung zu Religion verlangt seelische Energie. Die Menschen, besonders die Neuen im Lande, aber brauchen sehr viel Energie für die Erfordernisse des doch, sehr andersartigen und so schweren Lebens. Das „Wir haben keine Zeit" ist ein bitterer Ausdruck dessen, vor allem dann, wenn es einem von jungen Menschen gesagt wird. Müdigkeit und Erfülltsein von anderem bilden eine Gefahr für afle religiöse Neuerung im Lande, eine Gefahr, die wir wahrscheinlich überall vorfinden, wo Menschen so mit ganzem Einsatz neu anfangen, die uns aber eben im Lande Israels besonders bange macht. Eine andere, weit größere und ernstere Gefahr von dauernder Bedeutung liegt in der Möglichkeit der Verweltlichung der Vorstellung vom Judesein. In der Galut war der Wille zum Judesein schon deswegen immer wieder auf die Religion verwiesen worden, weil er andere Inhalte kaum fand. Dort aber gibt es Nation und Staat, Aufbau und Kibbuz. Gerade für Menschen, die seit Jahrtausenden nicht mehr mit eigenen Händen die Mittel ihres Seins gestalten durften, besteht die Versuchung, diese Mittel mit Endzwecken zu verwechseln. Freilich ist es so, daß wir dieser Auseinandersetzung, die keiner gesunden Volksgemeinschaft erspart bleibt, im Verlaufe unseres Galut-Daseins nur wegen der Armut unserer Seinsmöglichkeiten enthoben waren. Zugleich gilt, daß sich gerade an den lebendigsten Gestaltungen menschlichen Daseins die ursprünglich religiöse Kraft des Judeseins wird erweisen können. Immerhin: die Gefährdung von dieser Seite des Lebens im Lande bleibt Gegenstand der Sorge und erste Aufgabe der Beachtung. So klaffen sie weit auseinander, Welt der Erinnerung und Welt der Gegenwart. Und doch, wenn wir tiefer greifen, dann glauben wir auch heute schon Andeutungen dafür finden zu können, daß das Land auch hier - wie in allem — einen, wenn auch langsamen, weil gründlichen Wandel bringen^kann. Dieses gehört darum in gleicher Weise der Gegenwart an und der Zukunft, ist also echtes Keimen. Man erlebt, daß Familien aus westlichstem Milieu drüben bemüht sind, einen Freitag-Abend zu gestalten,- daß der Vater seinen Kindern den aus dem Rahmen der Woche fallenden Vorabend des Schabbat mit Sinn erfüllen muß. Man erfährt, daß es wohl kaum einen Kibbuz gibt, in dem man nicht versucht, auf irgend eine Weise Feier-Zeit, d. h. doch im Lande Schabbaf-Zeit, von AlltagsrZeit zu unterscheiden. Mit leuchtenden Augen erzählen alle von den weite Volksmassen erfassenden Festveranstaltungen zu Furim, Ghag Habikkurim (= Schewuot) und Chanukka. All das steckt heute noch fast ganz im Weltlichen, ist aber, so sehr lebendiger Quell, daß man aus ihm, wenn es nur recht betreut wird, einst auch religiöses Werden schöpfen kann. Nicht aber in diesen, vom Organisierten ausgehenden Möglichkeiten allein liegt die wandelnde Kraft des Landes. Sie liegt viel tiefer, im Organischen. Wenn man an den rechten Partner gerät, kann man die vielsagende Antwort bekommen: „Drüben in_der Galut gingen die Menschen zu oft heraus aus dem Gottesdienst und dann an den Dienst der Götzen Eigennutz und Geldverdienen und Vergnügungstaumel. Den Götzen dienen wir wenigstens nicht mehr". Der Lebeneinsatz, der nicht dem egoistischen Ich dient, wandelt schon die Seele. Das ist die Kraft der Arbeit für eine große Idee. Alle Religion, besonders aber die jüdische, gründet auf gerechter O r d n u n g des-Zusammenlebens und auf Liebe zu den Menschen. Sicherlich haben Juden auch in der Galut die Notwendigkeit solcher Gemeinschaftsverwirklichung nie vergessen. Nur war es uns selten möglich, ungestört und ganz so, wie wir es aus vollem Herzen wollten, Gemeinschaft der Menschen mitbauen zu helfen. Drüben wird sich die Kraft der jüdischen Liebe und die Gestalt 'der jüdischen Gerechtigkeit - soll das Volk im Lande nur immer bestehen können — so ausformen müssen, daß sie wieder den „Vorhof" gestalten können. Die religiöse Haltung der menschlichen Seele wurzelt in dem Doppelten der De mut und der Dankbarkeit. Hierfür gibt es jedoch keine bessere Lehrmeisterin als die Natur. Wir, die wir in so erdrückender Zahl Großstadtmenschen geworden sind, wissen um den Verlust und können1 die Kraft eines nahen Verhältnisses zur Natur fast nur noch ahnen. Und Menschen drüben sind ihrem Boden und seiner Blüte, den Regenwolken und den Sternen verbunden nicht mit den Augen des Sommer-Wanderers, sondern mit ihrem ganzen Hoffen und mit ihrem ganzen. Bangen. Die Seele, die sie hineintragen in die Natur, erhalten sie gewandelt . zurück: wissend um Ohnmacht des Menschen und täglich und jährlich neu empfangend den Segen. Und dieses Land wird Menschen neu formen mit der mächtigen Stimme des Schicksales. Dort wird der nicht aushalten können, der für Kleines und Vergängliches arbeitet. Nur der wird dort dauern können; der selbst das Bewußtsein hat, am Dauernden mitzuschaf fen, im Dienste des Dauernden zu stehen. Arbeit, Gemeinschaft, Boden, Schicksal: das sind die Kräfte zu einer möglichen Wandlung der Menschen. Ihre Auswirkung ist in die Zukunft geschrieben - und gehst Du durchs Land, mehr darauf sehend, wie die vielen leben, als darauf hörend, was so manche reden, dann weißt Du: es ist nicht nur Zukunft, sondern in diesem und jenem schon lebendiger Funke. "„Die Religiosität weiter Schichten hier ist nicht das Chaos des religiösen Untergangs, sondern das Chaos, aus dem eine neue Schöpfung herauswachsen kann."**) Wichtig und mitentscheidend wird das Verhalten derer sein, die den Massen helfen können, aus der Gegenwart in eine andere Zukunft hineinzuwachsen. „Warten/ Geduld haben!" heißt es aus dem Munde bereiter Menschen" im Kibbuz. „Dabeistehen und nicht Dagegenstehen" ist die Lösung der verständig Helfenden. An zwei Stellen. im Lande glauben wir solche Träger des Kommenden sehen zu dürfen. Einmal sind es die Kibbuz im der Jugend des Misrachi. Was Problem und Ziel langer Auseinandersetzungen früherer Zeiten war, wird **) Aus einem Briefe von Rabbiner Dr. Elk, Haifa, _ an Rabbiner Dr. Seligmaniv v