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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1938-04-01 · 7 (4.1938) · p. Seite 7

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
16 (1937-1938)
Issue
7 (4.1938)
Date
1938-04-01
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 7 April 1938 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Seite 7 die Emanzipation bedeutete, durch den Bruch mit der Religion einen kulturellen Befreiungsakt nachholen zu müssen glaubten, hat die Löslösung von Religionsgeseiz für die jüngere Generation an Sinn verloren. Es ist unser Wunsch, daß diese im Land geborene Generation den Anschluß an die Tradition vollzieht und unsere Hoffnung, daß im Ringen um die Einheit des jüdischen Weltbildes die Thora und die Werte der jüdischen Ueberlieferung den Grundton angeben werden. Wir betrachten es als unsere Aufgabe, dafür zu sorgen, daß in allen Kreisen des neuen Jischuw die Erkenntnis der Notwendigkeit einer solchen Fundierung Platz greift. Chuz Laarez suchen Bachad und Brit-Hanoar, die Nachwuchsbewegung des Misrachi, dieser Forderung dadurch gerecht zu werden, daß sie die jungen Menschen, die nicht nur Rabbiner Dr. Heinrich L e m 1 e schreib!: Alles religiöse Leben im heiligen Lande beginnt mit der Erinnerung. So wie es in dem Bewußtsein Jehuda Halevis lebt in Erinnerung an jene heiligen Orte, „wo sich einst den frommen Vätern auf getan die Himmelspf orte, wo von Gottes heil'ger NäheErd' und Himmel war umflossen"*), so ersteht es noch heute in dem Erleben dessen, der dort wandert. Jeder Talzug spricht: da weideten sie ihre Herden. Jeder Hügel winkt: dort riß ihr Auge sich zur Höhe. Jedes Donnerwetter kündet noch von ihrem Erschüttertwerden. Aus Namen kleiner Eisenbahnstationen tönen klingende Stationen unserer Geschichte. Wegweiser der Autostraßen geleiten auf Straßen heiliger Züge und wallfahrender Scharen. Steine sprechen und Luft atmet: Erinnerung. Auch Menschen gibt es, die leben noch ganz in jener Erinnerung und mit ihr. Sie selber sind gleichsam lebende Erinnerung. Jener alte Jude, der da an der Klagemauer stand, hingegossen schien sein ganzer Körper in die Tiefe des Gebetes. Sich dem Siein vermählend, ward er selbst ein Teil der Mauer. — Der alte Schammes in der alten Synagoge erzählt von der heiligen Geschichte eines Krüglein Oels und eines Schofars, die in der Fensternische seit der Zeit des Tempels auf den Weckruf des Messias warten. Und erzählend wird er selbst altumwitterte, sagenhaft entfernte Gestalt aus der langen Reihe glaubend Wartender. - In der glühend heißen Sonne saß ein anderer vor dem alten Folianten, tief erglüht in innerer Glut, und den Schlag des Herzens richtet er nach anderem Rhythmus. Zeit ward nichts, Jahrtausend zur Minute. Also leben sie, lebt ein kleiner Teil unseres Volkes drüben im Lande,- frei vom Gegenwärtigen, ganz in dem; was Erinnerung ist. Ihnen ist es Leben — doch den neu Gekommenen bleibt es nicht wiederbringbare Vergangenheit. Denn dazwischen liegen nicht nur Kontinente, gähnen nicht nur Jahrtausende,- weltenweit verschiedenes Geschick treibt die Alfen und die Neuen an die ganz entlegenen Ufer jenes Stromes, der jüdisches Leben und Erleben heißt. Darum trägt jene Schicht der Alten doppelt heiliges Zeichen,- heilig, weil uns ehrwürdig, heilig aber auch, weil - „es war einmal". Brücke zwischen jenen und den Neuen will das Leben schlagen, das in europäisch-orthodoxen Gemein- . den herrscht. Es will darum Brücke sein, weil es wirklich an die beiden Ufer heranreichen zu können glaubt. Mit dem Kreis der Altgläubigen verbindet der ungebrochene Glaube an Gesetz und Tradition. An die neu Ankommenden soll die Rücksichtnahme auf Ansprüche, die etwa an ein geordnetes Gemeindeleben oder an die Ausgestaltung der Familienfeiern und an die Formung des Gottesdienstes gestellt werden, heranführen. Es sind vor allem konservative Rabbiner aus Deutschland, die sich um dieses Brückenschlagen mühen, und Menschen aus den orthodoxen Gemeinden Deutschlands, die dort versammelt werden. Es bleibt allerdings zu fragen, ob diese Brücke wirklich D a u e r haben, ob sie noch von Generationen, die nach den Eingewanderten Eingeborene sein werden, betreten werden wird? Ob sie tatsächlich Menschen der beiden Gegenufer dazu bringen kann, die Brücke zu beschreiten, gleichsam der Mitte sich zuzubewegen? Es wird wohl so sein, daß die Brücke den ganz im Alien Lebenden zu viel des Europäischen und den Kindern der Zeit zu viel des ihnen nicht mehr I Sorgenfreier Lebensabend durch LEIBRENTE bei erster Gesellschaft. — Günstigste Tarife. JAKOB GEIGER - FRANKFURT A. H. Bockenheimerldslr. 73 Tel. 71814 I Höxter: „Quellenbuch"; kleine Ausgabe, S. 69. aus orthodoxen Kreisen stammen und die Erben einer 150jährigen Assimilationsepoche sind, durch eine weitestgehend jüdische Erziehung auf Jeschiwot und in der Hachschara zu bilden und zu erfassen. Sie sollen dafür wirken, daß die jüdische Religion in Erez Jsrael sich durchsetzt in großen Leistungen, getragen von religiösem Geiste, weil Judentum das Leben dieser Welt von der Thora her gestalten will und den Geist der Thora Wirklichkeit werden läßt durch die Awoda. zum Leben zu Erweckenden an sich trägt. Dann aber mag diese Brücke wohl ihren logischen Ort, nicht jedoch die seelische Kraft der Verbindung haben. Denn die weitaus meisten unserer Menschen im Lande sind nun einmal Kinder ihrer Zeit und Produkt ihres bisherigen Weges. So sehr auch die Welt der Erinnerung^ beeindruckt und fesselt, die Situation des Landes auf religiösem Gebiete, wird nahezu ausschließlich von Menschen der Gegenwart bestimmt. Darüber hat man ja schon so viele Urteile gelesen und gehört. Man hat sich erzählen lassen von der Enttäuschung für die Touristen, die dort glaubten, ein Leben im jüdischen Gesetze anzutreffen, das sie - die Touristen - zumeist nicht mehr erfüllen können. Man hat von der Ueberraschung für die Besucher des Landes gehört, daß die Besuchten auch nicht anders leben als die Besucher selbst. Man hat vom unschäbbatlichen Aussehen des Schabbai im Lande erzählt. Man hat davon berichtet, wie weit ab für viele Menschen Fragen und Belange des Religiösen lägen. Man sieht auf weite Strecken des jüdischen Lebens eine jüdische Wirklichkeit, die dessen, was uns bisher als Kernstück jüdischen Seins erschien, entraien zu können meint. Insbesondere sei das Leben in den Kibbuzim oft religionslos. Man hat dies alles zusammengetragen und berichtet, was da ist, selten aber hat man gefragt, wie das kam und wurde. Um zu begreifen, wie es dazu kam, tut not zu erkennen, wie sie kamen : als Arbeiter aus Rußland und Polen, als Jugendbewegte aus Deutschland, als Akademiker und Kaufleute aus Deutschland und Mitteleuropa. Nicht um zu entschuldigen oder zu beschönigen, sondern um eines gerechteren Urteils willen sei diese Ueberlegung in den Bericht eingeschoben. Jene Chaluzim aus Rußland kamen aus einer Welt, die zusammengebrochen war. Der Zusammenbruch des politischen, und wirischafilichen Daseins war für sie nicht weniger eindrucksvoll als der Zusammenbruch der geistigen Werte ihrer jüdischen Umgebung. Sie, die Jungen, waren erfaßt von Fragen und Problemen, die ihnen eine geistige Begründung ihrer persönlichen Not aus der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Lage des jüdischen Volkes boten. Als sie dann versuchten, auch von seiten der geistigen Well ihrer Väter Antwort auf ihre Fragen zu bekommen, da war dort keine Antwort bereitet. Und als sie dann gar entschlossen waren, aus der unrettbaren Verstrickung in die Galur-Noi den Ausweg eines neuen Aufbaues in Palästina zu suchen, erfuhren sie Widerstand von der Seife der Väter. Beides aber — Nicht-aniworten und dem Neuen Hindernis-bereiten - hat für die jungen Menschen den Zugang zu der Welt der Väter, mit der man dann Religion gleichsetzte, verschüttet. So kamen die Menschen aus dem Osten. Aehnlich erging es den Jugendbewegten aus dem Westen. Als sie Sturm liefen gegen alles Unechte und Erstarrte, gegen Konvention und Scheinleben, um Ströme neuer lebendiger Kraft zu erschließen, da glaubten sie, gerade in dem, was ihnen im Westen vielfach als Religion vorgelebt worden war, Widerstand zu finden. Und als dann auch hier recht oft die Kreise, die Religion vertraten, dem Zuge der liefert günstig Kistenfabrik DSVlCi IntTOHSStOr Offenbach-M., Glockengasae 28, Tel. 84223 Auch zu erreichen in Frankfurt am Main, Sandweg 9, Mittelbau II

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