Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 5 (2.1938)
- Date
- 1938-02-01
- Page
- Seite 21 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3094266-3094451-3094456--6010-3100804- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 5 Februar 1938 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Sei:e 21 geachteter Schriftsteller geworden, ein Bismarckverehrer, der durch ehrliche Kritik für Wahrheit und Gerechtigkeit zu wirken sucht. Doch auch im Berlin des großen Kanzlers bleibt er ein Enttäuschter. Er wird in den Strudel der Großstadt hineingerissen, verstrickt sich in Politik und sieht sich zuletzt wieder als Ausgestoßener, Getäuschter! - Und das Ende?! - „Wenn ich die Macht hätte, etwas zu gründen, so wäre es eine Genossenschaft von Menschen, die nur durch den Geist verbunden sind! Die Pole aller genialen Kräfte, die in der Welt verborgen liegen, miteinander in Kontakt und zu einem Geistesstrom einzuschließen, der alles Ueberflüssige und Kleinliche vernichtet und Raum für einen starken Anfang schafft!" Noch einmal bricht Rudolf Lowosiiz alle Brücken hinter sich ab (ähnlich Christian Wahnschaffe in Wassermanns Roman) , er löst sich wiederum von allem: von der Arbeit, von den Menschen, von seiner Liebe, um „bar jeglicher Mittel und jeglicher Menschen mit gesundem Geist und kräftigen Händen das Leben doch endlich zu bezwingen". Damit schließt dieses ausgezeichnete Dokument einer vergangenen Zeit. Um seinetwillen dürfen wir Auguste Hauschner über das Grab hinaus (sie starb am 10. April 1924) Verehrung und Dank zollen! Ali Galliner The Jewish Year as portrayed by Examples from Jewish Literature " By Dora Edinger, Ph. D. (National Council of Jewish Women 1819, Broadway, New York, 1937). Dora Edinger, uns durch ihre Tätigkeit in Frankfurt am Main und durch ihre verdienstvolle Arbeit für die Jüdischen Frauen in Deutschland in bester Erinnerung, wohnt seit einiger Zeit in New York und gibt nun im Verlage des National Council of Jewish Women einen ansprechenden und praktisch brauchbaren Führer durch das jüdische Jahr heraus, der für die jüdische Frauenwelt in Amerika einen neuartigen Versuch darstellt. Als Stoff für Studien ist diese Zusammenstellung jüdischer Quellen aus Bibel, Sittenwelt und Literatur gedacht, zugleich als einer jener Führer zu guter jüdischer Literatur, wie sie amerikanische Gruppen des Council of Jewish. Women wiederholt verlangten. Jeder Merktag des jüdischen Kalenders wurde hier durch ein jüdisches Buch von bleibendem Wert erläutert. Dora Edinger nutzte dabei sowohl altes Schrifttum von biblischer Zeit an wie englische, holländische, amerikanische, hebräische, jiddische Bücher. Es zeigte sich dabei wieder einmal die inneie Einheit des jüdischen Gedankens in allen Zonen und Zeiten. Bewundernswert ist, wie rasch sich Dora Edinger dem neuen Sprach- und Kulturkreis anzupassen verstand, wobei ihr unverkennbar die jahrelange Schulung durch jüdische Frauenarbeit in Deutschland wertvollste Vorarbeiten lieferte. Ihre zahlreichen Freundinnen werden mit Freude und Dankbarkeit dies kleine Buch für Gemeinschaftsarbeit nutzen. B. B.-St. Persönlichkeiten der jüdischen Geschichte Rabbi Akiba von Dr. Abraham Heschel „Als Mosche in den Himmel stieg, traf er den Heiligen, - gepriesen sei er, wie er Krönchen für die Buchstaben der Tora knüpfte. Da sprach Mosche zu Ihm: „Herr der Welt, wozu das?" Er erwiderte: „Ein Mann, der,nach vielen Geschlechtern leben wird, namens Akiba ben Josef, wird dereinst über jedes Krönchen Lehren über Lehren vortragen". Da sprach Mosche vor Ihm: „Herr der Welt, zeige ihn mir". Er erwiderte: „Wende dich um". Da wandte Mosche sich um und setzte sich hinter die achte Reihe (der Schüler Rabbi Akibas); er verstand aber ihre Unterhaltung nicht und war . darüber-bestürzt. Als jener an. eine Bestimmung gelangte, von der seine Schüler ihn, fragten, woher er dies wüßte und er ihnen erwiderte, es wäre eine Lehre, die Mosche am Sinai überliefert wurde, beruhigte sich Mosche. Hierauf kehrte er um, trat vor den Heiligen, gepriesen sei er, und sprach: „Herr der Welt, Du hast einen solchen Mann und verleihst die Tora durch mich?" Er erwiderte: „Schweig, so steht es mir im Sinn". Hierauf - sprach er vor Ihm: „Herr der Welt, Du hast mir seine Weisheit gezeigt, zeige mir auch seinen Lohn". Er sprach: „Wende dich um". Da wandte Mosche sich um und sah den Leib Rabbi Akibas, der gemartert wurde. Da sprach Mosche vor Ihm: „Herr der Welt, das die Tora und dies ihr Lohn!?'* Er erwiderte: „Schweig, so steht es mir im Sinn". Diese Mythe, nach der Rabbi Akiba Mosche übertroffen und dieser jenen für würdiger gehalten habeals sich selbst, ist die höchste Preisung, welche die Phantasie ausdenken konnte. Eine solche Einschätzung, die im jüdischen Bewußtsein niemand außer Rabbi Akiba erfahren hat, war keine Lobverschwendung. Die Rolle Rabbi Akibas in der mündlichen Lehre läßt sich in der Tat mit der Rolle Mosches in der schriftlichen Lehre vergleichen. Die Worte Rabbi Akibas wirkten wie Offenbarungen, die an Weite die Worte Mosches übertrafen: „Viele Gesetze, die Mosche unbekannt waren, sind Rabbi Akiba aufgegangen". Die unübersehbare, verschiedenartige Fülle der Satzungen, die Rabbi Akiba als mündliche Uberlieferungen vorge-» funden hatte, besaß außer der faktischen Anerkennung durch den Brauch lediglich generelle Gültigkeit. Ihre Autorität war von außen durch den Angriff der Verleugner der „mündlichen Lehre" und von innen durch die unversöhnlichen Kontroversen der Gelehrten, vor allem aber durch den kaum zu rechtfertigenden Dualismus von schriftlicher und mündlicher Lehre ernstlich bedroht. Die Mehrheitsbeschlüsse des Synhedrions konnten den Glanz eines äußerlichen amtlichen Ansehens auftragen,- die Gesetze erhielten eine Autorität, die nicht aus ihnen selbst hervorging. In einem Zeitalter der völligen Unsicherheit mußte auch diese Lösung, welche die Lehre auf den Sockel einer Institution zu stützen suchte, sehr fraglich erscheinen. Die Annahme der Inhärenz, des Enthaltenseins der mündlichen Lehre in der Tora, war der bahnbrechende Gedanke Rabbi Akibas. Seiner Auslegungskunst gelang es, die eine in der anderen zu entdecken. Er veränderte gewissermaßen den Aggregatzustand der Bibel: die starren Worte tauten auf, kamen in Fluß und sprudelten ungeahnte Inhalte hervor: die erratenen Traditionen neben den ausdrücklichen Bedeutungen. Er hatte ein neues Verhältnis zur Bibel. Er fühlte, daß ihre Worte Behälter für unenthüllte Lehren sind, daß die Tora voller Zeichen und Andeutungen ist. Seine Bemühung ging dahin, diese Zeichen zu ergründen und zu deuten. Damit erschlossen sich neue Schichten der Bibel. Die blendenden Dimensionen, als Folge dieser Ausweitung, erregten das Aufsehen, der Mitwelt. Das Prinzip der Auslegungskunst Rabbi Akibas war: der Wortlaut der Tora trage einen ganz anderen Charakter als der Stil menschlicher Schriftwerke. Diese bedienen sich auch solcher Ausdrucksformen, die entweder zum Verständnis überflüssig sind, oder mindestens nicht direkt den Inhalt tragen. In der Sprache der Tora hingegen sei n i c h t s F o r m, sondern alles wesentlich, alles Inhalt. Selbst grammatische Hilfswörter, stilistische Redewendungen, rhetorische Ausschmückungen, Eigentümlichkeiten des Ausdrucks, ja sogar orthographische Abweichungen, Partikeln und die unscheinbarsten Saizelemente wollen etwas andeuten. Auf diese Weise wurde jedes Wort zur Basis für eine überlieferte oder neu abzuleitende Bestimmung. Rabbi Akiba war nicht nur der Entdecker der Kongruenz der durchgehenden absoluten Ubereinstimmung von Bibel und Tradition, sondern auch der erste Systematiker der mündlichen Lehre. Der riesige Uberlieferungsstoff, den er von seinen Lehrern empfangen hatte, war völlig ungeordnet. Die kaum übersehbare Menge von Lehrsätzen, Bestimmungen, Bräuchen und Entscheidungen war chaotisch von Geschlecht zu Geschlecht übergegangen. Rabbi Akiba schuf die ersten Grundrisse eines Systems und errichtete ein einheitliches Lehrgebäude: die „Mischna Rabbi Akibas", aus der später die von Rabbi Jehuda redigierte Mischna Hervorgehen sollte. „Wäre nicht seiner Zeit Rabbi Akiba aufgestanden, so wäre in Israel die Tora vergessen worden". „Einst waren die Ältesten im Söller des Hauses Nitsa in Lydda versammelt, und es wurde die Frage aufgeworfen, was wichtiger sei: das Studium oder die gute Handlung. Rabbi Tarfön meinte, die Handlung sei wichtiger. Da sprach Rabbi Akiba, das Studium sei wichtiger. Hierauf stimmten ihm alle bei". Diese Entscheidung für den Vorrang der Theorie hat nicht nur auf die Lebenskultur der Juden, sondern vor allem auf die Entwicklung des Denkens stärksten Einfluß gehabt. Sie züchtete einen „intellektuellen Narzißmus", eine Selbstgenügsamkeit der Theorie und bestimmte auf diese Weise einen sehr folgenreichen Denkstil, der in der Problem-