Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 5 (2.1938)
- Date
- 1938-02-01
- Page
- Seite 22 (sequence 24)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 22 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Nr. 5 Februar 1938 Stellung sich um praktische Bedeutung, Anwendbarkeit und Zweckmäßigkeit nicht kümmert. Rabbi Akiba ist wohl als der Urahn des Pilpuls anzusehen. Das Judentum befand sich in einer Kulturwende. Der Tempel, der Staat, die Aristokratie, die Parteien waren vernichtet. Die kultischen Kräfte, die politischen Potenzen, die religiösen, mystischen, dichterischen und wissenschaftlichen Triebe gingen fast restlos in der Zeugung einer neuen Frucht auf: des Talmud. Das Talmudische wurde zur Lebensform des Volkes, die traditionswissenschaflliche Forschung zur heiligen Tätigkeit, die Bildung zum höchsten Wert. An die Stelle der Priester und Politiker, deren Rolle ausgespielt war, traten die Gelehrten,- eine soziologisch höchst bedeutsame Tatsache. Dieser Umbruch hatte bereits vor Rabbi Akiba begonnen. Daß aber die neue Strömung in die Herzen des ganzen Volkes einmünden konnte, war offenbar sein Verdienst. Er gewann Tausende von Jüngern und damit Unzählige in allen Kreise der Judenheit. Das Talrtradische wurde zur zentralen Idee. Im Zeitaller der Makkabäer war es die Heiligung des Schabbat oder die Beschneidung, um derentwillen die Juden den Märtyrertod erlitten hatten. Jetzt war es das Studium des Talmud, für das man das. Leben einzusetzen und hinzugeben bereit war. Der Talmud war das Element, in dem man lebte, die Luft, die man atmete, die Voraussetzung der nationalen Existenz überhaupt. „Einst hatten die Römer einen Befehl erlassen, daß die t Juden sich nicht mit der Tora - befassen durften. Da kam Papos ben Jehuda und traf Rabbi Akiba, der öffentliche Versammlungen abhielt und Tora vortrug. Da sprach er zu ihm: „Akiba, furchtest du denn nicht die römische Macht?" Rabbi Akiba erwiderte: „Ich will dir ein Gleichnis sagen. Ein Fuchs ^ging einst am Ufer eines Flusses, und als er Fische von Ort zu Ort fliehen sah, sprach er ^u ihnen: „Wovor fürchtet ihr euch?" Sie erwiderten: „Vor den Netzen, die die Menschen nach uns auswerfen". Da sprach er zu ihnen: „So möge es euch belieben, ans Land zu kommen, und wir wollen beisammen wohnen wie einst meine Vorfahren mit euren Vorfahren". Darauf erwiderten ihm jene: „Bist du es, von dem man sagt, er sei der klügste unter den Tieren? Du bist nicht klug, sondern dumm,- wenn wir schon in der Stätte unseres Lebens fürchten, um wieviel mehr in der Stätte unseres Todes". ^So auch wir; wenn es schon jetzt so ist, wo wir uns J. EISEMANN Gegr. 1868 Telefon 23823 97 Fahrgasse 97 Herren - Kleidung aller Art Qroße Vorteile beim UHnter-scMufi Uerkaul Es lohnt sieh ... Altpapier, abgelegte Briefschaften und Abfälle aller Art kauft M. Reicher Neue Schiesingergasse 20 Telefon 26120 u. 78601 Benutzen Sie für Ihre Ferienreise nach NEW YORK die verbilligten Sonderfahrten im Juli 1938 Fahrpreise für die Rundreise schon ab UM- 377.50 Nur eine komfortable Einheitsklasse! Nähere Auskunft erteilt jedes Reisebüro sowie d. General-Vertretung: Daniel Milberg, Hamburg Zweigniederlassung Frankfurt am Main Frankfurt-Main, Hindenburgplatz 10 RED STAR LINIE mit der Tora befassen, von der es heißt: „denn sie ist deirt Leben und die Verlängerung deiner Tage", um wieviel mehr erst, wenn wir uns ihr entziehen". Bald darauf, so wird erzählt, nahm man Rabbi Akiba fest und sperrte ihn ins Ge^ fängnis". Der Mann, der dieses Märtyrerpathos in. sich trug, war eine leidenschaftlich-sinnliche Natur. Er besaß ein offenes- Auge für Schönheit der Landschaft, der Farben und desmenschlichen Körpers. Sein Leben und Denken waren von , einer mystischen Romantik erfüllt. Bis zu seinem vierzigsten. Jahre war Rabbi Akiba, wie erzählt wird, der einem Proselytengeschlecht entstammte, Hirt beim reichen Ben Kalba Sabua. Als dessen Tochter sah, wie keusch und redlich er warr sprach sie zu ihm: „Willst du ins Lehrhaus gehen, wenn ich mich dir antrauen lasse?" Er sagte: „Ja." Da ließ sie sich ihm. heimlich antrauen, und er ging ins Lehrhaus. Als Ben Kalba. Sabua es erfuhr, jagte er sie aus seinem Hause und enterbtesie. Rabbi Akiba blieb zwölf Jahre im Lehrhaus, und als er zurückkam, brachte er 12 000 Schüler mit. Hinter sernemHauser hörte er jemand zu seiner Frau, die in großer Not lebte, sagen': „Dein Vater hat recht gegen dich gehandelt, denn erstens ist Akiba dir nicht gleich, und zweitens ließ er dich bei seinen Lebzeiten als Witwe zurück". Sie aber erwiderte darauf : „Wenn er auf mich hören würde, könnte er noch zwölf Jahrefortbleiben". Da sprach Rabbi Akiba: „Da sie es mir erlaubt,, will ich umkehren". Hierauf blieb er abermals zwölf Jahre im Lehrhaus und kehrte mit 24000 Schülern zurück. Als alle Welt ihm entgegenging, stand sie auf, um ihm ebenfalls, entgegenzugehen. Als sie zu ihm herankam, fiel sie aufs Gesicht undl küßie ihm die Füße. Seine Schüler stießen sie zurück; er aber sprach zu ihnen: „Laßt sie, meines und eures ist ihres". Schon zu Lebzeiten reichte sein Ruf „von einem Ende der Welt bis zum anderen". Sein Zeitgenosse Rabbi Tarfon sprach zu ihm: „Wer sich von dir trennt, trennt sich vom Leben"- Rabbi Akiba, der kein offizielles Amt bekleidete, besaß irt gleicher Weise unumstrittene Autorität in den gelehrtert Kreisen und Popularität im Volk und meinte trotzdem: „Viele Akibas gibt es auf der Straße". Er verwaltete die Armenkasse und unternahm Sammlungen für sie. Seinem Sohn gebot eri „Lieber den Schabbat als Wochentag zu begehen als der Mitmenschen zu bedürfen". Seine Milde, Zuvorkommenheit und. Gleichmut waren allbekannt. Den Bibelvers: „Liebe deinen. Nächsten wie dich selbst" bezeichnete er als Hauptregel der Tora. Zusammen mit Rabbi Tarfon erklärte er: „Wenn wir im Synhedrion gesessen hätten (als es noch Todesstrafen verhängen konnte), würde nie ein Mensch hingerichtet worden sein". Er vereinigte in sich analytischen Scharfsinn mit systematischem Weitblick, methodische Virtuosität mit genialer Originalität, Gelehrsamkeit mit Tief sinn, theoretische Produktivität mit pädagogischer Wirksamkeit, mächtige Vernunft mit heiliger Lebensweise. Die Suggestion seiner Person war unvergleichlich. Kein Anderer im Judentum hat solche Scharen, von Jüngern um'sich zu sammeln vermocht. Dieses enthusiastische Leben erfuhr eine tragische Wendung, als Rabbi Akiba sein Leben in ein politisches Spiel einsetzte. Als Wortführer hatte er sich an einer nach Rom entsandten Delegation beteiligt und war in offiziellen Aufträgen nach Babylonien gegangen; Als Bar Kochba um das Jahr 13Q auftrat, wandte Rabbi Akiba den Bibelvers: „Ein Stern wird aufgehn in Jakob" auf ihn an, schloß sich in messianischer: Begeisterung dem Aufstand an und unternahm, wie es scheint,, weite Reisen, um die Masseh des Volkes für Bar Kochba zu gewinnen. Nach dem Zusammenbruch wurde er zum Opfer der römischen Rache. . ^„Die Stunde, da man Rabbi Akiba zur Hinrichtung führte, war gerade die Zeit des Schema-Lesens, und man riß sein Fleisch mit eisernen Kämmen } er aber nahm das Joch der himmlischen Herrschaft auf sich. Seine Schüler sprachen zu ihm? „Meister, so weil!?" Er erwiderte ihnen: „Mein ganzes Leben, grämte ich mich über den Schriftvers: „mit deiner ganzen. Seele", sogar wenn Er deine Seele nimmt, und dachte: Wann bietet sich mir die Gelegenheit, und ich will es erfüllen, und. jetzt, wo sie sich mir darbietet, sollte ich es nicht erfüllen!?" Er dehnte so lange das Wort „einzig", bis ihm die Seele bei ' „einzig" ausging. Da ertönte eine Stimme aus dem Himmel? Heil dir, Rabbi Akiba, daß deine Seele bei „einzig" ausging! Die Dienstengel sprachen vor dem Heiligen, gepriesen sei er: „Ist das die Tora, und das ihre Belohnung?" Er erwiderte ihnen: „Sein Teil ist das zukünftige Leben". Darauf ertönte eine Stimme aus dem Himmel und sprach: „Heil dir, Rabbi Akiba, du bist, für das Leben der zukünftigen Welt be* stimmt."