Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 4 (1.1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 6 (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 6 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Mo. 4 Januar 1938 Dr. jur. Hugo Hof ff mann 0bTe«r,&Ss51 Versicherungen aller Art betrübt. Trotzdemnahm er Stock und Geld in die Hand und ging an dem Tage, auf den nach seiner Berechnung der Versöhnungstag fiel, nach Jawne. Als der Patriareh ihn erblickte, erhob er sich von seinem Stuhl, küsste ihn und sprach: „Friede . sei mit dir, mein Lehrer und Schüler! Heil dem Zeitalter, in dem die Grossen den Kleinen gehorchen." Von grösster Bedeutung waren die Versuche Rabbi Gamliels zur Ueberwindung der durch den Streit der Parteien entstandenen Anarchie. Die wichtigsten Fragen, um welche die Hilleliten und Schammaiten miteinander stritten, brachte er vor das Forum des Synhedrions in Jawne, wo sie durch Abstimmung entschieden wurden. Jedes Gesetz sollte erst durch Synhedrialbesehluss Gültigkeit erlangen. Drei Jahre dauerte die Auseinandersetzung. Das Problem, welcher der beiden Schulen der Vorrang grundsätzlich gehörte, wuide nach der Sage durch eine höhere Eingebung gelöst. Rabbi Gamliel, von dem man auch sonst erzählte, dass er Inspirationen zu erfahren pflegte, mochte zu einem Orakel gegri'fen haben. Eine Stimme vom Himmel soll verkündet haben: '„Die Lehrsätze der beiden Schulen sind Worte des lebendigen Gottes, aber in der Praxis sollen die Hillelschen Sätze allein Gültigkeit haben." Die Schammaiten lehnten es zunächst ab, sich auf solche Zeichen zu stützen. Die Ueberlieferung, nicht eine neue Offenbarung, war für sie die anerkannte Quelle der Lehre. Auch hatten die Härten der Zurechtweisung, die Exklusivität des Studiums an der Akademie und insbesondere die vom Patriarchen verhängten Exkommunikationen angesehener Gelehrter die Zeitgenossen erbittert. Man missdeutete die Strenge als Herrschsucht. War nicht zu befürchten, dass diese rigorosen Massregeln — die übrigens durch eine Ironie der Geschichte den Hilleischen Lehren Gültigkeit verschaffen wollten — eine ähnliche Wirkung haben könnten wie die Androhung Rechabeams, das Volk mit Peitschen und Skorpionen zu züchtigen"? Die Empörung der Gegner über das herrische Vorgehen Rabbi Gamliels, die sich zunächst in Störungen während der Sitzungen des Synhedrions Luft machte, brach schliesslich mit aller Heftigkeit aus. Während einer öffentlichen Sitzung warf der Patriarch Rabbi Jehoschua, mit dem er auch wegen einer Erstgeburt eine Auseinandersetzung hatte, heimliche Opposition gegen die synhedriale Entscheidung über das Abendgebet vor. Als Rabbi Jehoschua dies in Abrede stellte, sprach der Patriarch: „Jehoschua. steh auf, damit man gegen dich zeuge." Da stand Rabbi Jehoschua auf und erklärte, man könne ihn nicht der Lüge zeihen. Rabbi Gamliel sass und trug vor. während Rabbi Jehoschua stehen blieb, bis das Volk zu murren begann und dem Sprecher des Patriarchen zurief: „Halt ein". Da hielt dieser inne. Das Volk sprach: „Wie lange noch wird er fortfahren, ihn zu quälen?! Wegen des Neu;'ahres quälte er ihn im Vorjahre, wegen der Erstgeburt quälte er ihn, und jetzt quält er ihn wieder; auf, wir setzen ihn ab! Wen aber setzen wir nun ein? Setzen wir Rabbi Jehoschua ein, so ist er es ja, um dessen willen die Absetzung geschehen ist. Wir setzen nun Rabbi Eleasar ben Asarja ein. denn er ist weise, reich und ein Nachkomme Esras im zehnten Glied". Alsdann kamen., sie zu ihm und sprachen: „Ist es dem Meister gefällig, Oberhaupt des Kollegiums zu werden?" Er erwiderte ihnen: „Ich will mich mit meinen Hausleuten beraten". Seine Frau sprach zu ihm: „Man könnte dich absetzen und Unheil über dich heraufbeschwören. Du hast auch noch kein weisses Haar." An jenem Tage war er achtzehn Jahre alt, da geschah ihm ein Wunder, und er bekam achtzehn Reihen weisses Haar. An ^enem Tage schaffte man den Türwärter ab, und den Schülern wurde die Erlaubnis zum Eintreten erteilt. An jenem Tage kamen siebenhundert Bänke hinzu. Da wurde Rabbi Gamliel entmutigt und sprach: „Vielleicht habe ich, behüte und bewahre, Jisrael die Tora vorenthalten ..." Es scheint, dass man „an jenem Tage" die Entscheidungen, die während der Amtszeit Rabbi Gamliels im Hillelschen S"nne getroffen hatte, einer gründlichen Revision unterzog. Man überprüfte die Lehrsätze und Einstellungen der Schulen und nahm ein eingehendes Zeugenverhör über die alten Ueberlieferungen vor. Die Sammlung dieser Zeugnisse ist uns im Traktat „Die Zeugnisse" (Edujot) erhalten. Treu seinem Grundsatz von der Verbindlichkeit der Sy'nhedrialbeschlüsse und frei von Empfindlichkeit nahm Rabbi Gamliel an den Lehrverhandlungen teil. Er sah wohl die Unbilligkeit seiner Taktik ein und sagte sieh: „Wenn dem so ist, so will ich gehen und Rabbi Jehoschua um Verzeihung bitten." Als er in dessen Haus kam und sah, dass die Wände schwarz waren, sprach er zu ihm: „An den Wänden deines Hauses ist zu erkennen, dass du ein Schmied bist". Dieser entgegnete: „Wehe dem Zeitalter, dessen Vorsteher du bist; du kennst die Leiden der Gel einten nicht, und weisst nicht, wie mühselig sie sich ernähren". Jener sprach: „Ich ergebe mich dir, verzeihe mir!" Dieser aber beachtete ihn nicht. „So tue dies wegen der Ehre meiner Ahnen," bat jener dann. Da liess er sich besänftigen. Rabbi Gamliel wurde wieder in sein Amt eingesetzt und verwaltete es gemeinsam mit dem inzwischen ernannten Rabbi Ehasar ben Asarja. Dieses versöhnliche Benehmen verrät die Polarität von Taktik und Charakter im Leben Rabbi Gamliels. Der tatkräftige Patriaich mit den herrischen Allüren war von Natur weichherzig. Einst starb einer Frau in seiner Nachbarschaft ein Sohn, und nachts weinte sie über ihn. Als Rabbi Gamliel ihre Stimme hörte, weinte er mit ihr, bis ihm die Wimpern ausfielen. Er lehrte: „Wer sich seiner Mitmenschen erbarmt, dessen erbarmt man sich im Himmel, und wer sich seiner Mitmenschen nicht erbarmt, dessen erbarmt man sich auch nicht im Himmel." Eine starke Freundschaft empfand er für seinen Sklaven Tabi. Als dieser starb, nahm er Beileidsbezeugungen entgegen und rühmte dessen Tugenden. Im privaten Umgang war er nachsichtig, mild und bescheiden. In heftige Qualen verfiel er, als er über die Unmöglichkeit nachdachte, den Forderungen der wahren Gerechtigkeit zu entsprechen. Und in einer Stunde der Andacht bekannte er über einen von ihm verhängten Bann: „Schöpfer der Welt! Dir allein ist es klar, dass ich dies weder um meiner Ehre noch um des Ansehens meines Hauses willen getan habe, sondern um Deiner Ehre willen, damit nicht die Zwietracht in Israel überhandnimmt." Er war sehr vermögend, weltmännisch gewandt, eine repräsentative Erscheinung. Von Natur kränklich; musste er häufig Reisen unternehmen, die ihn sogar nach Rom führten. Da er mit Vertretern der Regierung Umgang pflegte, erlaubte man ihm und seinen Angehörigen ausnahmsweise, sich in der griechischen und lateinischen Sprache auszubilden, die Haare nach, heidnischer Art zu tragen und einen Spiegel zu benutzen. Ein öffentliches Amt sei nicht Herrschaft, sondern Unterwerfung und Dienst, meinte er gelegentlich. Einige Jahrzehnte war er im Amt. Als er starb, wurde er wie ein König bestattet. „Es wird gelehrt: Früher war die Bestattung des Verstorbenen (wegen des grossen Aufwandes, den man dabei trieb) für die~ Verwandten noch schlimmer als der Tod, so dass sie ihn liegen Hessen und davonliefen; da trat Rabbi Gamliel auf und übte an sich selber eine Vereinfachung, und man bestattete ihn (auf Grund einer testamentarischen Bestimmung) in linnenen GeV_ wändern. Ihm nachahmend, wurde es beim ganzen Volke .Brauch,; den Toten in linnenen Gewändern zu bestatten."