Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 4 (1.1938)
- Date
- 1938-01-01
- Page
- Seite 5 (sequence 7)
- Language
- German
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No. 4 Januar 1938 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Seite 5 Damen- und Herren-Wäsche Damenkleidung Strickwaren Kielderstoffe Manufakturwaren SSE Seligmann an der Bockenheimer Warle Leipzigerstrasse 14 Strumpfkletdung Unterkleidung Schürzen Berufskleidung Bettwäsche Haushaltswäsche Persönlichkeiten der jüdischen Geschichte Rabbi Gamliel II von Dr. Abraham Heschel Jerusalem lag in Trümmern, und Zwietracht spaltete das Volk. Die seit mehr als einem Jahrhundert wirkenden Meinungsverschiedenheiten zwischen den Schammaiten und den Hilleliten, die vor der Temp elzer Störung zu blutigen Zusammenstößen geführt hatten und durch den Krieg vorübergehend gedämpft waren; diese alten, wie Schlinggewächs wuchernden Kontroversen blühten auf dem durch die Gewitterstürme der Aufstände aufgewühlten Boden Palästinas, der ihrem Gedeihen ungemein günstig war, wild und kräftig auf. Sie drangen tief in die Bereiche der Theorie und Praxis, der Gesetzeswissenschaft und der Weltanschauung ein und saugten ungehindert allen Saft der Erde auf. Es gab keine Frage des religiösen, sozialen, wirtschaftlichen und ehelichen Lebens, über die sie nicht gestritten hätten. Die Parteien wollten nicht das mindeste^, von ihren Ansichten preisgeben. Auf das Studium des Gesetzes, das in den Brennpunkt der Aktivität gerückt war, richteten sich die verschiedensten Leidenschaften des Geistes und sprengten die Einheit der Lehre und des Lebens. „Aus der einen Tora waren zwei geworden." Eine Spaltung hat einst den Untergang der zehn Stämme, eine Spaltung hat den Abfall der Karäer bewirkt. Zu dieser Zeit aber, da die Nation an den Folgen der staatlichen und moralischen Katastrophe an allen Gliedern blutete und durch den Abtfluss mancher Elemente in die Sekten erhebliche Verluste erlitt, wäre eine ähnliche Einbusse kaum zu verschmerzen ge- Die Substanz des Volkes war ausserdem durch den Bruch zwischen den gelehrten Kreisen und den Volksmassen aufs äusserste geschwächt. Die sogenannten „Landbewohner" (Am haarez) waren nämlich in der Erfüllung der religiösen Vorschriften lässig und leichtfertig. Sie weigerten sich beispielsweise häufig, die Abgabe des Zehnten zu entrichten und widersetzten sich auch der Einhaltung der zahlreichen Reinheitsvorschriften. Die Schriftgelehrten, die auf genaue Beobachtung dieser Bestimmungen bedacht waren, schlössen sich deshalb gesellschaftlich als Chawerim zusammen und mieden jeden Umgang mit den „Landbewohnern". Sie speisten nicht mit ihnen, berührten sie nicht, vermählten sich nicht mit ihnen, legten für sie kein Zeugnis ab, bestimmten sie weder zum Vormund noch zum Armenpfleger und unternahmen keine Reise in ihrer Gesellschaft. Diese Spaltung erschütterte die sozialen Grundlagen der Nation. Die Entfremdung zwischen den Trägern der Bildung und den Volksmassen, die ohnedies durch Aufstand und Krieg verwahrlost und verwildert waren, hatte die völlige Unwissenheit der „Landbewohner" zur Folge. Sie wurden zu einer Plebs. „Ein Am haarez kann nicht fromm sein, er ist wie ein Diener, der noch nie gekocht hat und die Speisen verderben würde, wenn er zu kochen versuchte". Die Landbewohner Galiläas seien „Feinde der Tora", hatte der nachsichtige Rabbi Jochanan ben Sakkai behauptet. Die Chawerim, deren Gemeinschaft durch die gleiche Gesinnung, wenn auch nicht durch Abkunft, nach aussen abgegrenzt war, sahen mit Verachtung auf das gemeine Volk herab und bildeten untereinander gleichsam eine Kaste, die aber innen durch den Streit der Parteien völlig zerrüttet war. Auch die Akademie des Rabbi Jochanan ben Sakkai vermochte sich nicht als zentrale Institution zu behaupten. Als dieser starb, verließen seine bedeutendsten Jünger, Rabbi Elieser ben Hyrkanps und Rabbi Jehoschua ben Chanania, Jawne, um in Lydda und Pekiin eigene Lehrhäuser zu gründen. „Als die Lehrer in der Akademie zu Jawne zusammentraten sprachen sie: „Dereinst wird die Tora bei Jisrael in Vergessenheit geraten, denn es heisst: es sollen Tage kommen, spricht der Herr, da will ich Hunger in das Land senden, nicht Hunger nach Brot, nicht Durst nach Wasser, sondern die Worte des Herrn zu hören; sie werden es aber nicht finden." Die Zeitstimmung war von einem Pessimismus bestimmt. An der Spitze der Juden stand der auch von den römischen Behörden anerkannte Patriarch Rabbi Gamliel (der zweite) aus davidschem Geschlechte, dessen Ahnen ihm nicht nur die fürstliehe Würde des Patriarchen vererbt hatten, sondern auch Entschlossenheit, Tatkraft und das Geschick, die Mittel der Macht selbstsicher einzusetzen. Er war ein vortrefflicher Taktiker und seiner Haltung nach ein Gegentypus seines Lehrers und Vorgängers Rabbi Jochanan ben Sakkai. Vornehm und zielbewusst, zeichnete er sich weniger durch Gelehrsamkeit als durch zähe Willenskraft und Organisationsfähigkeit aus. Mit klarem Blick für die Notwendigkeiten der Zeit und die Gegenkräfte der Opposition sah er wohl ein, dass er nur durch ein strenges Regime der Anarchie Herr werden könnte. Die Einheit der Lehre wiederherzustellen, war das Ziel seiner Politik. Es war allerdings ein Wagnis, den eingefleischten Partikularismus aus der Welt zu scharfen. Dieser eiserne Patriarch führte ein machtvolles Regiment. Nur die Zentralisierung, die Schaffung einer gesetzgebenden Institution, deren Ansehen und Würde allgemein anerkannt wären, konnte die Lehre und die Nation vor einem Zerfall retten. Mit Mut und Unerbittlichkeit führte er sein Vorhaben durch. Er erreichte, dass die Beschlüsse des Synhedrions, der Zentralstelle der jüdischen Selbstverwaltung, an dessen Spitze er stand, Gesetzeskraft erhielten. Durch eine nachsichtslose Disziplin wurde die Autorität des Patriarchenamtes begründet. „Kein Schüler, dessen Gesinnung nicht seiner Erscheinung entspricht, trete iif das Lehrhaus ein," verfügte Rabbi Gamliel unter anderem und stellte Wachposten vor den Eingang. Da nach der Zerstörung des Heiligtums der synagogale Gottesdienst an Stelle des Opferdienstes im Tempel trat, erhielt dag Gebet entscheidende Bedeutung. Rabbi Gamliel setzte nun Form, Inhalt und Verriehtungszeit genau fest. Die Regellosigkeit in der Liturgie, die durch gnostische und häretische Gärungen in Verwirrung auszuarten drohte, hörte infolge seiner reformatorischen Anordnungen auf. (Gnosis eine christliche Bewegung im zweiten und dritten Jahrhundert, welche die christliche Erlösungslehre mit orientalischen und griechischen Spekulationen verbunden und eine die Göttlichkeit der Weltschöpfung verneinende geschichtsphilosophische Auffassung vertreten hat) — (Häresie Irrlehre). Die Gebetsformeln wurden redigiert, die Zahl der Eulogien auf 18 bestimmt (daher die Bezeichnung „Achtzehngebet") und, um von Sektierern abzurücken, wurde ein bekenntnismässiger Text in das Gebet eingeschaltet. Diese Reglementierung erregte manchen Widerspruch. Die Gegner meinten: das Gebet wäre ein Dienst des Herzens und sollte deswegen keine feststehende Form haben, sondern aus eigenem Vermögen gesprochen werden, der Patriarch setzte aber diese Einrichtungen trotz Opposition durch. Rabbi Gamliel, der übrigens in der Astronomie bewandert war, bestand auch darauf, dass die Bestimmung der Kalenderfristen, die damals auf Grund von Zeugenaussagen über die Beobachtung des Neumonds zu erfolgen pflegte, das ausschliessliche Vorrecht des Patriarchen sein sollte. Den Widerstand, auf den diese Verfügung zunächst stiess, wusste erschonungslos zu brechen. Als Rabbi Jehoschua einmal die Zeugenaussage, auf Grund deren Rabbi Gamliel den Monatsanfang des Tischri festsetzte, für unzuverlässig hielt und dann ein anderes Datum errechnete, liess Rabbi Gamliel ihm sagen: „Ich befehle dir, dass du an dem Tage, auf den nach deiner Berechnung der Versöhnungstag fällt, mit Stock und ' Geld zu mir kommst." Rabbi Jehoschua, dem dieser Buß-Gang zugemutet wurde, war sehr Versicherungen sind Ver4rauenssoche! , HANS GRÜNEBAUM C , VERSICHERUNGEN ALLER ABT HOHEN2QLLERN-ST8ASSE 12 TEI3»13»»7Q3»* ....