Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 3 (12.1937)
- Date
- 1937-12-01
- Page
- Seite 7 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3094266-3094451-3094454--5929-3100721- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
No. 3 Dezember 1937 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Seite 7 Für das jüdis Das Buch von Artur Wozu ein Buch lesen, wozu überhaupt noch etwas lesen, was nicht sichtbar Nutzen bringt? Hat es Zweck, Zeit dafür zu opfern, da man doch auf sein Vorwärtskommen bedacht sein muss! . . . Betrachtungen dieser Art sind heute nicht selten. Es müssen durchaus nicht immer flach denkende Leute sein, die das Lesen eines Buches — eines guten, das heisst gemeinhin: eines „unpraktischen" Buches — für überflüssig erklären; und dann oft mit dem entschuldigenden Zusatz: „wenigstens in der heutigen Zeit". Diese Nicht-Leser wollen Unterhaltung und Ablenkung, aber ja nicht Bildung und Belehrung! Davon, so erklären sie häufig, hätten sie genug auf der Schulbank gehabt; nun seien sie in die harte Schule des Lebens genommen worden.. Wir kennen die Weise-und kennen den Text. Doch sei ein Wort zu diesem Thema gestattet: Mit äusserlichem Tun und mit unterhaltsamer Ablenkung ist •es für den Juden nicht mehr getan. Im Grunde spürt jeder die innere Leere, hat die Vorstellung, dass -sein Dasein nicht von etwas Wesenhaftem erfüllt ist. Dies uns vielfach unbewusst, doch eindringlich Mahnende bedarf der Lösung, Stärkung und Ernährung, denn es ist der Kern, von dem aus der strebende Mensch seine seelische Kraft empfängt. Nahrung für die Seele —, was bedeutet das anderes, als von den Stoffen in sich aufnehmen, die dem empfindlichen, leicht verletzlichen Organ wohltun. Es gibt viele, längst erprobte Nährmittel für die Seele. Beste Kost aber für die Seele ist zu rechter Stunde ein gutes Buch. Reich gedeckt ist dieser Tisch, und hungrige Seelen mögen kommen und aufnehmen; doch so viel sie in sich speichern, sie werden niemals satt. Mit dem Buche — das Wort als Sammelwort genommen — ist es wie, mit der Zeit und ihrem Strom, der in die Ewigkeit fliesst. Irgendwo beginnt ein Kind mühsam da- Literarische Ein Makkab'äcrbuch Gerade vor Chanukka ist ein Buch erschienen, das geeignet ist, unsere Vorstellungen von den-der Einsetzung des Chanukkafestes voraufgehenden Ereignissen grundstürzend umzuändern. Im Schocken-Verlag veröffentlicht Elias-B icker mann unter dem Augustin entnommenen Titel „Der Gott der Makkabäer" eine Untersuchung über Sinn und Ursprung der makkabäischen Erhebung (18 4 S. karton. RM. 6.— halbl. 7.20). Teilergebnisse seiner Untersuchung sind schon bekannt aus seinem in der Schocken-Bücherei erschienenen Bändchen No. 47: die Makkabäer. Das neue Buch ist bemerkenswert zunächst durch die Wertung und Sichtung der Quellen. Es zeigt sich dabei, dass der Verfasser mit den Methoden historischer Quellen-Kritik und -Scheidung vertraut ist und sie vorzüglich beherrscht. Er zeigt die Differenzen zwischen der stleukidischen, griechischen und der jüdischen Berichterstattung über die Vorgänge vor und während der makkabäischen Erhebung auf, an welcher Stelle die einen und die anderen gewisse Ereignisse und ihre zeitliche Ansetzung tendenziös umbiegen, und warum sie das tun. Und dann weist er auf die erhaltenen Urkunden aus jener Zeit hin und gibt sie zum Teil in vollem Text wieder. Beim Lesen wird einem zur Verblüffung klar, dass man all diese Urkunden aus jener Zeit selbst hätte lesen können und kennen müssen, und dass man viel zu wenig auf sie geachtet hat. Sicher hängt das mit der Tatsache zusammen, dass man den Makkabäerbüchern zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt hat, — dass man sie jütlischerseits nicht in den Kanon der heiligen Schriften aufnahm, hat dabei seine guten Gründe gehabt, — daß man Josephus als Historiker mit zu grossem Misstrauen gegenüberstand. Was ist nun das Neue, das man aus Biekermanns Darstellung und Beweisführung lernt? Um das zu würdigen, muss man sich zunächst nochmals vor Augen halten, wie man landläufig die Vorgeschichte von Chanukka, insbesondere^ die Rolle des Syrerkönigs Antiochus Epiphanes, auffasst. Man weiss wohl, dass die Griechlinge, die Hellenisten, eine Rolle dabei' spielen, daß sie griechische Sitte und Lebensführung in Israel heimisch machen wollten, man hat in ihnen vielfach darum das Urbild des die Buch! für uns Bogen raus zu trinken, der erwachsene Mensch geniesst schnell, und nocli im Greisenalter zieht es jeden zur seelischen Tränke. Wer an sich erfahren hat, welch mystische Kraft im Buche ruht, wie manchmal ein Buch im rechten Augenblick zu seinem Leser kommt, der hat ein köstlich Teil dieser Welt gefunden. Ihm wird zuteil, dass er Wort und Sinn immer tiefer und feiner zu erfassen vermag. Er wird einmal auch den Weg zu seinem eigenen Daseins-Sinn erkennen, wird ihn auch zur Gemeinschaft seines Stammes und dem allgemeinen Schicksal finden. Der jüdische. Mensch ergreift mit einem Buche sicher ein Sinn-Bild seines Lebens: mit dem Buch der Bücher, das von Geheimnis und Weisheit seit Jahrtausenden umhüllt ist. Doch auch mit jedem anderen Buche, das ein wahres (und also ein gutes) Buch ist, erfährt er Begnadung. Die Welt mag ihm rätselschwer und gefahrvoll erscheinen, aber das gute Buch spendet ihm tröstliches Licht. Er empfindet das Dunkle wie das Kristallene, er weiss um die Unzerstörbarkeit seiner seelischen Existenz und nimmt die taralte Erkenntnis in sich auf: daß alles Gute durch Leid und harte Prüfung gewonnen werden muß. Er erlebt im Aufnehmen altüberkommenen Leides und tiefster Prüflingen zugleich die Wandlung manchen Geschehens: Fluch wird Segen, Drohung schmilzt in Milde. So erscheint dem rechten Leser das Buch als sinnenhafte Gestalt, und durch die Zeilen hindurch erblickt er die symbolischen Zeichen eines in Lettern zwar nicht vorhandenen, dennoch mit unverwischbarer Schrift geformten Buches, aus dessen vergilbten und frischen Seiten der Klang der Seele hertönt: der sanfte Ruf des mit Blut und Tränen, Hoffnung und Zuversicht durch die Jahrhunderte getragenen Buches vom Schicksal des Juden. Rundschau „Assimilanten" gesehen, aber die Hauptschuld mass man dem Antiochus bei. Und man erklärte sich sein Verhalten daraus, daß er die politische Idee gehabt habe, die in Sprache, Sitte, Gesetzen von tinander getrennten Provinzen seines Reiches zu einer Einheit zusammenzuschmeissen, und dass er sich dazu des Kittes einer gemeinsamen Religion bedienen wollte. Hier sei nun, während die anderen als Heiden sich fügten und eigentlich nur ihre Götter umbenannten, der Konflikt mit den Juden entstanden. Bickermann weist nun schlüssig nach, dass Antiochus nie und nirgends in seinem ganzen Reich eine solche Hellenisierungs- und Entnationalisierungspolitik betrieben hat, dass er zwar vielfach Tempel geplündert hat, wie er den zu Jerusalem ausgeraubt hat, weil er wegen der Tributzahlungen an Rom im Druck war, dass er aber nirgends ein Volk oder einen Tempel seinem Kult abwendig gemacht hat. Im Gegenteil, er hat überall als Herrscher dem Kult des von ihm besessenen Landes in der überlieferten Form gehuldigt. Warum hätte er es bei den Juden anders gehalten haben sollen? Bickermann weist nun nach, dass alle Anordnungen in Bezug auf Unterdrückung jüdischer Sitte und jüdischer Kultform auf Juden selbst zurückgingen, und zwar auf einen Teil der Juden, der befangen in Ideen der griechischen Auf klärung, in den der Absonderung Israels von der Welt dienenden Bräuchen und Frömmigkeitshandlungen tine Barbarei erblickten, eben weil sie Abschliessung waren; diese Juden wollten an sich nicht den Gott der Väter verlassen und Zion untreu werden, aber sie erstrebten eine Reform des Väterglaubens im Sinn eines Sichöffnens für allgemeine Gedanken. Sie konnten Antiochus zu einem Einschreiten bewegen, weil ihre Gegenspieler in dem Getriebe der damaligen Orientpolitik zur ägyptischen Partei gehörten, die in einem ihnen günstigen Augenblick eine Revolte gegen Antiochus inszeniert hatte. Dass Antiochus sich überhaupt in die Religions-!5t!rt gu^I?ig^''iStlnfLrik David Introliciator Offenbach-M., Glockengasse 26, Tel. 84223 Auch zu erreichen in Frankfurt am Main, Sandweg 9, Mittelbau II