Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 3 (12.1937)
- Date
- 1937-12-01
- Page
- Seite 3 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 3 Dezember 1937 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Seite 3 [ Damenhüte Damenkleider Neueste Modelle für Winter und Sport Umarbeitungen billigst SOFIE ROSSBACH früher Leiterin bei Gerstel Kaiserstrasse 25 (Laden) 1 der ersten Zeit den Verteidigungskrieg seiner Brüder gutgeheissen zu haben. Aber als die Zeloten ihr Sehreckensregiment aufrichteten, soll er zu ihnen gesagt haben: „ihr werdet es noch so weit bringen, dass diese Stadt verwüstet und dieses Haus (der Tempel) verbrannt wird". Er sah die Aussichtslosigkeit des Kampfes gegen die Grossmacht Kom ein. Nur der Friede vermochte den restlosen Untergang zu verhindern. Rabbi Jochanan Hess sich dann von seinen Schülern in einen Sarg legen und, um die Wachen zu täuschen, in der Dämmerung als Leichnam aus der Stadt hinausgetragen. Er begab sich zum römischen Feldherrn und bat, ein Lehrhaus in dem von den Römern besetzten Städtchen jawne (in der Nähe von Jaffa) eröffnen zu dürfen. Die Genehmigung wurde ihm erteilt. „Vierzig Jahre vor der Zerstörung des Tempels wurde der rotglänzende Wollstreifen nicht weiss, brannte nicht die westliche Lampe und öffneten sich die Tempeltüren von selbst, bis Rabbi Jochanan ben Sakkai sie anschrie: Tempel, warum erschreckst du dich (und uns)! Ich weiss, dass du endlich zerstört werden wirst, bereits hat der Prophet über dich verkündet: ein Feuer soll an deinen Zedern brennen." Von dieser Vorahnung erfüllt, soll er mit Anspielung auf die Zeloten gesagt haben: „Wenn dir die Knaben sagen: wir wollen den Tempel errichten, höre nicht auf sie; und wenn dir die Alten sagen: wir wollen den Tempel zerstören, höre auf sie. Denn die Errichtung der Knaben ist Zerstörung, und die Zerstörung der Alten Errichtung." Die Haltung und Handlungsweise Rabbi Jochanans erinnern an die grossen prophetischen Gestalten. Wie ein Prophet verstand er, die Zeichen der göttlichen Fügung in den Irrgängen des Geschehens zu erkennen. Wie einst Jeremia, mahnte er in letzter Stunde zur Verständigung. Aber der nationale Enthusiasmus der jüdischen Zeloten und der messianischen Schwärmer fand wie im Zeitalter Jeremias die orgiastische Suggestion der falschen Propheten den Eingang in die Herzen der Juden leichter als die entsagungsvolle Gläubigkeit Rabbi Jochanans. Die Entscheidung für die absolute Hingabe war bequemer und annehmbarer als die einsichtsvolle Ergebung. Der Tempel stand in Flammen. Und schon erwuchs gleichsam auf seinen .Trümmern eine Matht, welche die geistige und moralische-Substanz des Volkes in eine neue, feste Form brachte. Schöpfer und Stifter dieser Metamorphose war Rabbi Jcchanan ben Sakkai: die Heiligkeit des Tempels übertrug sich auf das Lehrhaus, an Stelle des Opferdienstes trat das Studium der Tora. Mystische Spekulationen, apokalyptische Visionen und messianische Exaltation beherrschten die Geister der Zeit. Sekten, Geheimbünde und pseudomessianische Bewegungen wühlten im Volke. Rabbi Jochanan, der schon durch seinen Ruf nach Frieden in der Atmosphäre des Kampfes unzeitgemäss erscheinen musste, trat als Herold des Intellektualismus auf.' Die' Erforschung des Talmud sollte alleinige Aufgabe der jüdischen Wissenschaft und Bildung sein. Rabbi Jochanan, selbst ein hervorragender Meister der Mystik, hat durch seine Entscheidung, dass man über die Geheimlehren nicht einmal vor einem einzelnen Menschen vortragen darf, „es sei denn, dass er Weiser ist und aus eigener Kenntnis versteht", die Verbreitung der jüdischen Mystik zu unterbinden gesucht. In Jawne wurde die Basis für eine Pyramide gelegt, deren Vollendung die Aufgabe und Chance der Zukunft blieb. Durch diese Gründung wurde Rabbi Jochanan nicht nur zum Bildner der jüdischen Geschichte — Esra, dem Schreiber vergleichbar. Er zeigte, wie eine endgültige politische Katastrophe in eine moralische und geistige Gesundung gewendet werden konnte. Die Macht, die dieser neuen Form Leben gab, strömte aus einer Quelle, die Rabbi Jochanan mit entdeckt hatte: aus der Tradition. Die Bedutung, die einst die prophetische Offenbarung und deren Verkündigung besessen hatte, erhielt jetzt die Ueberlieferxing und dessen Wahrung für Gegenwart und Zukunft. Nie habe Rabbi Jochanan ben Sakkai etwas gesagt, was er nicht von seinen Lehrern gehört hätte, bezeugte die Nachwelt. Der Bestand der überlieferten Lehre, den er vorgefunden iiat, muss grandios gewesen sein. Von dem Wissen, das er von seinen Lehrern empfangen und dessen grenzenlose Dimensionen er selbst gekennzeichnet hat, behauptete er: „und elennoch habe ich von ihrer Gelehrsamkeit nur so viel abgenommen, wie eine Möwe, die in das grosse Meer taucht". Das Heiligtum in Jerusalem war für das Volk die sichtbare Manifestation des Jenseitigen, ein dauerndes Wunder. Seine Vernichtung bedeutete nicht zuletzt auch den Raub an der gläubigen Phantasie, seine Zerstörung, die Zerstörung einer grossartigen Sage. Welchem greifbaren Sinnbild sollten sich nun die Triebe der Anbetung und Bewunderung zuwenden"? Durch Rabbi Jochanan ben Sakkai entstand der Mythos der Gelehrsamkeit. Lehre, Wissen und Weisheit sind von jetzt an die Motive, um die sich die Sagen des Volkes weben. Eine gewandelte Haltung der Seele erzeugt andere Wunschbilder. Eine neuartige Traumwelt entsteht: „Wenn alle Himmel Pergamente und alle Bäume Schreibrohre und alle Meere Tinte wären, so würde dies nicht genügen, um mein Wissen aufzuzeichnen", soll Rabbi Jcchanan ben Sakkai gesagt haben. Dieneue Form und Verfassung lebte er dem erschütterten Volke vor. Man erzählte von ihm, „er sei nie im Leben vier Ellen ohne Tora und ohne Tefillin gegangen, er habe nie im Leben ein unnützes Gespräch geführt, nie in seinem Leben sei jemanel früher als er im Lehrhause gewesen, er habe nie im Leben in schmutzigen Gässchen über Fragen der Tora nachgedacht, er habe, wenn er fortging, nie jemand im Lehrhause zurückgelassen, nie habe ihn jemand müssig sitzen getroffen, sondern nur studieren und nie habe er gesagt, es sei Zeit,; das Lehrhaus zu verlassen". Das Exzeptionelle an ihm lag weniger in der Tiefe seines Denkens als in der Weite und Vielseitigkeit seines Wissens. Es sind uns von ihm keine neuen Methoden, keine bahnbrechendne Lehren überliefert. Nicht einer Genialität des Denkens, sondern der Humanität seiner Person verdankt er seinen Platz in der Geistesgeschichte unseres Volkes. Dieser Mann, dem „niemals jemand mit einem Gruß zuvorgekommen ist, nicht einmal ein Unbekannter auf der Straße", meinte: Der Mensch, der ja ein Diener Gottes ist, fremdes Joch auf sich nimmt, ist ein Unwürdiger. Eisen darf zum Bau des Altars nicht gebraucht werden, weil es als Kriegswaffa Verwendung findet. „Gottes Strafgericht bleibt fern von jemand, der Frieden stiftet zwischen den Einzelmensehen, zwischen Mann und Frau, Familie und Familie, Stadt und Stadt, Volk und Volk, Reich und Reich." Er betonte die Rücksicht des göttlichen Gesetzes auch auf die Würde eines Sünders und pflegte zu sagen: „sieh, wie Gott die Ehre der Geschöpfe schont..." Hillel, dessen jüngster Schüler Rabbi Jochanan war, soll ihn vorausschauend „Vater der Weisheit und Vater der kommenden Geschlechter" genannt haber ..«Er, der Ahnherr der jüdischen Bildung, prägte, Selbstgefälligkeit verpönend, das Merkwort: „Wenn du auch viel gelernt hast, so rechne es dir nicht als Vorzug an, denn dazu bist du geboren." Als er erkrankte, kamen seine Schüler, ihn zu besuchen und sprachen zu ihm: Leuchte Jisraels, rechte Säule, mächtiger Hammer, warum weinst du'? Er erwiederte, wenn man mich vor einen König aus Fleisch und Blut führte, der heute hier und morgen im Grabe ist, würele ich dennoch weinen; .'etzt, da man mich vor den König der Könige führt, soll ich da nicht weinen? Sie sprachen zu ihm: Meister, segne uns! Er erwiederte: Möge die Furcht vor Gott in euch so sein wie die Furcht vor einem Menschen. Seine Schüler sprachen zu ihm: Nur so!? Er erwiederte: Oh, wenn es doch so wäre! Merket, wenn der Mensch eine Sünde begeht, spricht er: dass mich doch niemand sehe! „Mit seirtem Tode nahm der Glanz der Weisheit für immer ein Ende." % \ > HANS GRÜNE BAUM i? -' "V-t "VERSICHERUNGEN ALLER AfiT;: r .: [ HOHENZOLLERN-STBASSE 12 TEL 3*138*70 u'S.