Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 16 (1937-1938)
- Issue
- 3 (12.1937)
- Date
- 1937-12-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT No. 3 Dezember 1957 „und an allen Göttern Aegyptens werde ich Gericht üben".-Gleicherweise findest du es bei Daniel. Als er Nebukadnezar seinen Traum gedeutet hatte, wie heisst es da (Dan. 2,46) „darauf fiel der Konig Nebukadnezar auf sein Angesicht und warf sich vor Daniel nieder und befahl, ihm Opfer und Wohlgerüche zu spenden"; aber Daniel nahm all das nicht an, denn ebenso wie der Anbetende bestraft wird, verfällt auch der, der sich anbeten lässt, der Strafe. Du findest das Gleiche bei Chiram, er machte sich selbst zum Gott, und was war sein Ende? Von ihm steht geschrieben (Jechesk. 28,2.3) „weil stolz ist dein Herz und du sprachst, ein Gott bin ich . . . weiser dünkst du dich als Daniel . . . (V. 17) zur Erde werfe ich dich, vor Könige werfe ich dich hin, dass sie an dir sich weiden"." — Was ist der Sinn? Dass es der Mensch sich nicht gefallen lassen darf, wenn man aus ihm mehr macht, als er ist. Und wenn er nachgibt, so stürzt er nicht nur die anderen ins Unglück, sondern sich selbst mit, er verliert dann selbst das Mass für das Menschliche und Mögliche. Ernährung und Erlösung Jaakow segnet seine Enkel mit den Worten (1. M. 48,16) „der Bote, (meist „Engel" übersetzt) der mich von allem Bösen erlöste, er segne die Knaben". Dazu der Midrasch: „Doppelt so schwer ist, Nährung für den Menschen zu schaffen, als die Geburt. Von der Geburt heisst es (1. M. 3,16) „in Mühe sollst du Kinder gebären", von der Nahrung aber heisst .es (48,17) „in Mühsal sollst du von dem Acker essen" — das1 erste Mal ist das Wort ezew gebraucht, das zweite Mal das, stärkere izawon. Rabbi Elasar sagte, der Ernährung steht die Erlösung gleich, — bei der Ernährung heisst es (Ps. 136,4) „er tut Wunder" und von der Erlösung (2. M. 15,11) „du tust Wunder". Ernährung ist jeden Tag vba. neuem not, Erlösung ist täglich neu not. Eabbi Schmuel bar Nachman sagte, Ernährung ist noch mehr als Erlösung, die Erlösung kann geschehen, wie unser Vers zeigt, durch einen Boten, die Ernährung aber durch die Hand des Heiligen, gelobt sei er, selbst (Ps. 145,16) „Du öffnest Deine Hand und sättigst alle Lebenden in Gnade"." — Wir können es nachfühlen, dass als das Schwerste, das für den Menschen zu leisten ist, bezeichnet wird, dass er sein Brot findet, dass es leichter ist, aus Druck in Freiheit zu kommen, als sein tägliches Brot in Ehren zu finden. Und wir können, wenn wir auf die Geschichte schatten, auch das nachfühlen, dass Erlösung oft durch Mittelspersonen kommt, die garnicht darauf mit ihrer Absicht hinzielten und doch durch ihre im eigenen Interesse getane Arbeit indirekt Befreiung brachten: aber das tägliche Brot ist das Wunder, das immer und überall ganz und unmittelbar aus Gottes Hand entsteht. Der Sinn des Sch'ma An das Wort, mit dem Jaakow seine Söhne zum Segen ruft (1. M. 49,2) „höret auf Israel euren Vater", knüpft sich die folgende auf die Tatsache gestützte Bemerkung, dass das im hebräischen Texte gebrauchte Wort „auf" heisst, wenn es mit .* punktiert ist, „Gott" wenn es mit punktiert ist. „Jaakow sprach, höret den Gott eures Vaters Israels; vielleicht ist in eurem Herz ein Hader wider den Heiligen, gelobt sei er. Darauf sagten sie: „höre Israel" unser Vater, wie du in deinem Herzen keinen Hader wider den Heiligen, gelobt sei er, hegst, so auch wir nicht, sondern „EE unser Gott EK ist einer". Darum wurde ganz Israel gewürdigt, das Sch'ma zu sprechen." — Indem hier im Sch'ma, Israel die Anrede auf den Stammvater bezogen wird, wird im täglichen Leben unter dem Willen zur Einheit aller Glieder die Geschichte ins Bewusstsein der Gegenwärtigen gehoben und zugleich jeder Ansatz zum Hadern wider Gott wegen der traurigen Erlebnisse der Gesamtheit ausgeräumt. Die Erhalter Im Segen Jaakows redet er Sewulon vor Jissachar an (49,14) während in der Altersfolge Jissachar Sewulon vorangeht. Warum das? Sewulon trieb als Anlieger der Küste einen ausgedehnten Handel, Jissachar aber — sagt die Ueberlieferung — sass und beschäftigte sich mit der Tora; Sewulon versorgte ihn mit Lebensunterhalt, darum geht er ihm voran. Das ist gemeint mit dem Worte der Schrift (Spr. 3,18) „ein Baum des Lebens ist sie durch die, die sie festigen, und wer sie stützt, wird beglückt". — Hier wird die Wichtigkeit derer unterstrichen, die durch ihre praktische Leistung dem geistigen Arbeiter es ermöglichen, unbeschwert von den Tagessorgen des Erwerbs ihrer Arbeit obzuliegen; und sie werden als die Wichtigeren, weil Erhaltenden, bezeichnet. Der innere Zusammenhang Der Segen Jaakows wird äusgeleitet mit dem Worte Jl & (49/28) „die ist's, was ihr Vater zu ihnen sprach". Das gleiche Wort leitet den Segen Mosches ein (5. M. 33,1) „das ist der Segen". Und das gleiche Wort umschliesst die Tora im ganzen (5. M. 4,44) „dies ist die Tora, die Mosehe den Kindern Israel überantwortete". „Womit Jaakow schloss, begann Mosche, und er sprach, wann werden euch all diese. Segnungen zukommen? Wenn ihr die Tora annehmet. Auch David begann, womit Mosche geschlossen hatte. Mosche hatte geschlossen (5. M. 33,29) „Heil Dir, Israel" und als David seine Preisungen begann, begann er mit (Ps. 1,1) „H e i 1 dem Manne". Das ist die Erfüllung des Wortes (Ps. 119,100). „von den Alten lernte ich Weisheit"." — Jeder, das ist der Sinn, muss an die Vorangegangenen unmittelbar anknüpfen, alles geistige Leben steht in einer inneren Einheit, jeder setzt das Werk des Früheren fort und muss zu ihm zurückkehren. Persönlichkeiten der Wir beginnen heute mit dem ersten Aufsatz in einer Folge „Persönlichkeiten der Jüdischen Geschichte", die Dr. Abraham HescheL den Autor bekannter religionsgeschichtlicher Werke und Mitarbeiter der Mittelstelle für jüdische Erwachsenenbildung zum Verfasser haben. Die Redaktion Jochanan ben Säkkai von Dr. Abraham Heschel . Die gewaltigen Wurfmaschinen der Kömer schleuderten zentnerschwere Steine in die heilige Stadt und schlugen Breschen in das Festungswerk. Häuser stürzten ein unter der Last der Truppen, die auf den Dächern standen, Steine und Pfeile prasselten durch die Luft, Feuer und Blut, Trümmer und Tote bedeckten die Straßen und Plätze Jerusalems. Aber die Belagerten kämpften wie die Löwen und stellten ihren Heldenmut der zielsicheren Kraft der römischen Belagerungskunst entgegen. Die radikalen, jüdischen Zeloten hätten das Volk für ihre Earole: Siegen oder sterben! gewonnen. Sie schätzten das Ungestüm und die unbedingte Hingabe und verachteten die Be- •Bonnenheit der .regierenden Aristokraten. Die revolutionären ILreise hetzten die Volksmassen gegen die Lenker der Stadt auf, jüdischen Geschichte belegten deren Mitglieder mit dem Spitznamen „Römlinge" und verlangten die Uebergabe der Macht an das „Volk". Wer die Tollkühnheit der „Eiferer", ablehnte, wurde als Verräter gebrandmarkt. Wer darauf hinwies, daß eine solche Haltung den Untergang Jerusalems unvermeidbar herbeiführen würde, wurde von ihnen verfolgt. Bald brachen innerhalb der zelotischen Partei, welche die Zügel der Regierung an sich riß,- unheilvolle Bruderkämpfe aus, in deren Verlauf die Getreidevorräte in Brand gesteckt wurden. Im belagerten Jerusalem entstand eine Hungersnot. Pest, Wahnsinn und Tod erlangten die Macht über das Schicksal der tollkühnen Kämpfer. Manche durch den Hunger Erschöpften verliessen heimlich die Stadt. Aber Titus, der Oberbefehlshaber der römischen Truppen, befahl, die Flüchtlinge der Stadtmauer gegenüber an Kreuze zu schlagen, um den Belagerten Schrecken einzujagen. „Die Zahl der Gekreuzigten war so gross, dass es keinen Platz mehr für Kreuze und keine Kreuze für Menschenleiber gab." Babbi Jochanan ben Sakkai, der in hohem Ansehen stehende Stellvertreter des Präsidenten des Synhedrions, der „von der Bibel, Mischna, Talmud, Halacha, Agada, Subtilitäten der Tora und der Schriftkundigen, Astronomie und Geometrie, den Gesprächen der Dienstengel und der Dämonen, Palmensäuseln, Wäscher- und Fuchsfabeln, Grossen und Kleinen" nichts zurückgelassen habe, was er nicht studiert hätte — scheint in