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Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main · 1937-12-01 · 3 (12.1937) · p. Seite 1

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Journal
Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
Volume
16 (1937-1938)
Issue
3 (12.1937)
Date
1937-12-01
Page
Seite 1 (sequence 3)
Language
German
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No. 3 Dezember 1937 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Seite 1 Chanukk a h von Rabbiner Dr. Georg Salzberger Es' ist verständlich, dass die Völker die Erinnerung an ihre Siege, nicht an ihre Niederlagen in besonderen Gedenktagen festzuhalten pflegen — von selbst versteht es sich jedoch nicht. Denn oft genug bietet die Geschichte Beispiele von Niederlagen, die ein gleichgrosses, ja vielleicht grösseres Heldentum bezeugen und zugleich lehrreicher, in ihren "Auswirkungen förderlicher waren als mancher Sieg. Das jüdische Volk hat das Gedächtnis erlittener Niederlagen wie errungener Siege im Kreislauf seines Jahres verewigt. Die Jahrhunderte währenden Kämpfe um die Eroberung und Behauptung des verheissenen Landes, die Schlachten Sauls und Davids, die Kriege, in denen spätere, Könige Israels und Judas mit wechselndem Glück sich mächtiger Nachbarn zu erwehren suchten, die Eroberung Samarias, der Hauptstadt des Nordreichs, die Deportation der zehn Stämme, die das Gros des einstigen Israel bildeten, und ihren Untergang kennen wir zwar aus den ■erzählenden Büchern unserer Bibel — und doch ist kein Tag ihrer Erinnerung gewidmet. Nicht deshalb, weil diese folgenschweren Ereignisse in gar zu ferne Zeiten zurückreichten. Auch die ernste Feier des' Tischo b'Aw und die frohe des Chanukkah-Festes ist nun schon zweieinhalb und zwei Jahrtausende alt, weit älter als irgendeine geschichtliche Begebenheit, die heute ein Volk dieser Erde alljährlich begeht. Bezeichnend aber ist, dass es beide Male nicht eigentlich um ein Kriegerisches, dort um eine militärische Katastrophe, hier um glänzende Waffentaten sich handelt. Beide Male steht vielmehr das Nationalheiligtum im Mittelpunkt. Die Trauer des 9. Aw gilt der Zerstörung des jerusalemischen Tempels durch Nebukadnezar im Jahre 586 vor und durch Titus im Jahre 70 nach der gew. Zeitrechnung. Chanukkah andererseits ist, wie der Narne sagt, das Fest der Weihe oder Wiederweihe des Tempels und insbesondere seines Altars (165 v. d. g. Z.). nachdem dieser von den Truppen des Syrerkönigs Antiochus IV entweiht und verunreinigt worden war. Der verzweifelte Kampf, den das Königreich Juda einst gegen den Babylonier, den später die Juden gegen den Römer geführt haben, tritt in den Schatten gegenüber der Tatsache der Zerstörung des Gotteshauses, mit der er endet. Aber auch die Kämpfe der Makkabäer gegen eine an Zahl und Ausrüstung vielfach überlegene feindliche Heeresmacht empfangen ihre Grössen erst durch das Ziel, um das sie geführt wurden: den heiligen Tempel. Es braucht kaum gesagt zu werden, dass nicht dem Bau von Stein als solchem diese überragende Bedeutung beigemessen wurde, hatte doch schon Salomo, sein erster Erbauer, gewusst und ausgesprochen, daß aller Himmel Himmel Gott nicht zu fassen vermögen wieviel weniger solch ein Haus von Menschenhand. Aber es war, das Wahrzeichen eines Volkes der Religion, eines Gottesvolkes, dessen Kämpfe nicht aus Machtgier, nicht aus Rach¬ oder Ruhmsucht, sondern um Gotteswillen gekämpft werden, „Gotteskämpfe" sein sollten. Der Tempel ist nicht wieder aufgebaut worden. Ginge es um ihn, so hätte längst der freundliche Lichtschein unseres Chanukkahfestes von der dunklen Trauer des Tischo b'Aw ausgelöscht sein müssen. Aber was den Tempel überdauert hat, war der Glaube, den Juda Makkabi und seine tapfere Schar mit Einsatz ihres Lebens von der tödlichen Gefahr, womit ihn der verführerische hellenistische Geist von außen und von innen bedrohte, gerettet haben. Nicht weil sie gesiegt, sondern weil sie aus einer reinen religiösen Begeisterung, in Verteidigung des Gutes, das ihnen das Höchste war und das noch uns, ihren späten Enkeln, das Höchste ist, zum Schwerte gegriffen haben, feiern wir noch heute unser „Tempelweihfest". Und bei aller ehrfürchtigen Dankbarkeit gegen die edlen Helden jener Kämpfe, feiern wir es doch zuletzt nicht ihnen zu Ehren sondern zu Ehren Gottes, dessen WTerkzeug sie waren und der ja nicht nur „in jenen Tagen um diese Zeit", sondern in allen Tagen und zu allen Zeiten als Moaus zur jeschuosi, als der starke Fels unseres Heils in -aller Not und Gefahr sich uns erwiesen hat. f Das Schriftwort Jaakows letzte Tage von Max Dienemann Wenn vom jüdischen Buch geredet wird, muss an der Spitze die Tora stehen. Sie heisst ja nicht umsonst in der Sprache der Völker der Welt Bibel, d. h. das Buch, das Buch schlechthin, auf dem alle Bücher fussen, das alle Bücher überragt. Unsere Alten haben von je gewusst, dass auf ein solches Buch alle erdenkliche Sorgfalt zu verwenden ist. Darum haben sie sorgsam auf jeden Buchstaben geachtet, und nicht nur der Inhalt war ihnen wichtig, sondern auch die äussere Art der Schreibung. Und aus der Form schon, in der ein Satz oder ein Abschnitt oder ein Wort geschrieben werden soll, zogen sie ihre Schlüsse. Das Geheimnis der Schreibung Ein Wochenabschnitt, wie der letzte des 1. Buches, der den Bericht von Jäakows Lebensabend in Aegypten, von seiner letzten Anrede an die Söhne, von seinem und Josefs Sterben enthält, musste naturgemäss die besondere Aufmerksamkeit der alten Schrifterklärer erwecken. Schon die Schreibung auf den •Pergamentrollen der Tora fiel ihnen auf. In der Regel wird -der neue Inhalt eines Abschnittes durch Freilassen eines gewissen Raumes angedeutet"; bei diesem Abschnitt aber geht die Schreibung vom vorigen her ohne diesen Freiraum weiter, man nennt das „geschlossene Schreibung". Nun wird die Frage aufgeworfen: „warum hat dieser Abschnitt die geschlossenste Schreibung von allen Abschnitten der Tora?" Von den Antworten, die gegeben werden, fesseln zwei ganz besonders. „Weil unser Vater Jaakow das Ende enthüllen wollte und ihm dessen Kennt- . nis — die er bereits hatte — plötzlich entzogen wurde." Eine ändere Antwort: „Weil mit dem Augenblick, da er nach Aegypten mit allen seinen Kindern und Kindeskindern in die Nähe des "verlorenen Kindes kam, alle Not, die er je erlitten hatte, gleichsam geschlossen war;" jetzt begann sein wahres Leben. — Beide Antworten haben ihren Wert. Die eine unterstreicht einen Gedanken, der sehr oft ausgesprochen wird, dass nämlich das Ende der Notzeit Israels nicht bekannt ist, und dass es auch nicht bekannt sein darf, sonst würde man teils in Verzweiflung sich verzehren, teils in der Energie der Selbstbehauptung erlahmen. Die andere trifft eine Feststellung, in der Erquickung ruht, dass nämlich, wenn nur eine Minute des Aufatmens gegönnt ist und des Zusammenseins mit den Kindern, alle ausgestandenen Nöte von einem abfallen, und dass man zu jederzeit — Jaakow war bereits ein Hundertjähriger — neues Leben anfangen kann. Wahrhafte Liebe Jaakow sagt zu Josef (1. M. 47,29) „tue an mir Liebe und Wahrheit" (emes heisst zugleich Treue und Wahrheit). „Gibt es denn eine Liebe der Lüge, dass er sagt „Liebe und Wahrheit"? Ein bitteres Sprichwort umschreibt das: deines Freundes Sohn ist gestorben—trag mit ihm die Last des Schmerzes; dein Freund ist gestorben — aus ist die Liebe. Er sprach zu ihm, wenn du mir nach meinem Tode Liebe erweisen willst, das ist in Wahrheit erst die rechte Liebe." — Sie ist es schon deshalb, weil da dann auch jeder Schatten eines Denkens an Wiedergabe und Belohnung schwindet. Das Wort ist zugleich ein herber Tadel für alle die, die meinen, dass sie nach dem Tode eines, den sie liebten, Dinge tun dürften, die sie bei Lebzeiten nicht tun würden. Sich nicht selbst übersteigern Jaakow fährt fort: „begrabe mich nicht in. Aegypten". Der Midrasch fragt: „Warum wollte unser Vater Jaakow. nicht in Aegypten begraben sein? Damit sie ihn nicht göttlich verehren; denn ebenso wie der Anbetende bestraft wird, verfällt auch der, der sich anbeten lässt, der Strafe, denn so heisst es (2. M. 12,12)

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