Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 11 (8.1937)
- Date
- 1937-08-01
- Page
- Seite 21 (sequence 23)
- Language
- German
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No. 11 August 1937 Nr. 11 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT Seite 21 ND UND GEMEINDE August 1937 Frankfurt-Fulda (Fortsetzung) von S. Lilienthal - Wiesbaden Hanau 40.000 E., an Main und Kinzig. Die Burg wird 1436 Residenz der Grafen von Hanau, deren Gebiet zeitweise die Reichsstädte Frankfurt, Gelnhausen, Friedberg und Wetzlar nebst den Grafschaften Isenburg, Königstein, Hanau und Solms umfasst. Dies Gebiet ist bis 1900 der Fleck der Erde, der „im kleinsten Umfang die meisten verschiedenen Rechtsterritorien umfasst". — Der Ort Hanau wird 1303 Stadt, um 1540 die erste moderne Festung Deutschlands nach Albr. Dürers System, erhält um 1600 durch calvinistische Einwanderer eine Neustadt und heimische Industrie, durch herbeigerufene Juden Handel und Geldwirtschaft. Die Belagerung im 30jähr. Krieg schildert als Augenzeuge Grimmelshausen in „Der abenteuerliche Simplicissimus". Nacheinander hessisch, französisch, frankfurtisch wird Hanau 1866 preussisch. — Es ist die Stadt der Goldschmiede und Diamantschleifer, lebhafter Industrie. Seit 1926 schliesst die Grafschaft mehrere Landfrieden ausdrücklich auch zu Gunsten ihrer Juden ab. In der Stadt findet man sie erst um 1310, von König Heinrich VII. an Ulrich von Hanau verpfändet, aber als „Bürger" mit einem Betraum und einem „Lehrmeister" Abraham, der wie seine Frau Sarah um 1332 auch Geldgeschäfte macht. 1349 beschuldigt sie Graf Ulrich schwerer Brandstiftung und lässt sie im ganzen Land erschlagen. Etliche können fliehen und fristen ihr Dasein so lange Zeit in Klüften und Höhlen, dass man von ihnen im 16. Jahrhundert die Zigeuner abstammen lässt! Schon im 14. Jahrhundert sind wieder Juden im Hanauischen. Sie haben ihre Bürgerrechte verloren, aber noch entscheidet Streitigkeiten zwischen Juden und Christen ein gemischtier Gerichtshof; nur Kapitalverbrechen: Ehebruch, Mord, Raub usw. das kurmainzische geistliehe Gericht. Ihre Toten beerdigen sie in Frankfurt: eine grosse Beschwernis, da sie klein an Zahl und wenig wohlhabend sind, und die Frankfurter Gemeinde auf Zahlung besteht. So muß 1493 Philipp v. H. den Frankfurter Rat um Milde gegen seine Juden in Niederrodenbach bitten, die bei einem Brand zehn Gemeindemitglieder eingebüßt haben, und denen die Frankfurter Gemeinde die Güter gepfändet hat, um die Kosten der Beerdigung zu sichern. Schon 1505 verbietet Frankfurt die Beerdigung fremder Juden überhaupt. Da wird der erste Judenfriedhof im Land in der Hauptgemeinde Windecken angelegt. Trotzdem werden die erstgeborenen männlichen Tiere (bechorim) aus dem Besitz der Hanauer Juden noch Jahrhunderte hindurch nach Frankfurt gebracht, wo sie auf dem Friedhof verpflegt und grossgezogen worden sein sollen. — Zur sozialen Lage: Vom 14.—17. Jahrh. konnte jeder Christ, der auf der Landstrasse einen Juden traf, von ihm einen Pasch als Gebühr erheben. Durchziehende Söldner, die nicht genug erhielten, fielen wohl auch in die Judenhäuser .ein und plünderten sie. 1571 schlagen sogar der Pfarrer und der Zöllner zu Kesselstadt, heute ein Stadtteil Hanaus, dem Juden Gumprecht die Fenster seines Hauses ,.aus Mutwillen" ein, obschon Gumprecht eine Art Hoffaktor des Grafen ist. In der Stadt Hanau wohnt während des ganzen 16. Jahrh. niemals mehr als eine Judenfamilie. 1539 ist es der Goldschmidt Salomon, 1560 der Glaser Gumprecht. Aber 1600 ruft Philipp Ludwig IT. eine grössere Anzahl Juden in seine Residenz, und fortan werden die Hanauer Reichsgrafen ihnen wohlwollende und verständnisvolle Herrseher sein. Trotzdem ein von Philipp Ludwig herbeigeführtes Religionsgespräch zwischen den „geschicktesten" Theologen des Landes und den Hanauer Juden ergebnislos ist, baut er ihnen auf dem zugeschütteten Stadtgraben zwischen der Alt- und Neustadt eine Judengasse, die an Stattlichkeit der Häuser wie an Strassenbreite wohl alle Ghetti in Deutschland übertrifft. 1603 nimmt der Rabbiner Israel aus Hanau an einer grossen Rabbinerversammlung in Frankfurt teil. Die Teilnehmer der Versammlung werden aber von einem gelehrten jüdischen Metzger, Löh Kraus aus Frankfurt, „Kräuschen" genannt, nach dessen misslungenen Erpressungsversuch beschuldigt, Ritualmord, Türkenbündnis, Münzverbrechen, Hochverrat gutgeheissen oder gar begangen zu haben. Ein peinliches Verfahren gegen alle Juden in Deutschland wird eingeleitet: sie sollen mit Leib und Gut dem Kaiser verfallen. Aber Philipp Ludwig verbietet seinen Juden, vor den kaiserlichen Kommissaren zu erscheinen, erhebt zugleich Einspruch gegen die ungesetzliche Prozessierung seiner Juden, droht mit Beschwerde beim Kaiser und sonstigen Gegenmassnahmen. So bringt er den Prozess zum Verstummen und rettet damit die ganze deutsche Judenschaft. 1608 wird die Synagoge vollendet, ein Friedhof angelegt; Kinderschule, Mikwo, Rabbiner und Sehächter sind vorhanden. Rabbiner ist wahrscheinlich Elia Loans, der Balschem. 1609 wollen infolge des Rufes der Judenfreundlichkeit, den Hanau geniesst, portugiesische Marannen aus Venedig nach Hanau ziehen und versprechen, es zu einer Handelsstadt ersten Ranges zu machen. Die Verhandlungen mit Philipp Ludwig II. zerschlagen sich nur, weil ihnen der Kaiser das freie Geleif für ihre Personen und ihre Kaufmannsgüter verweigert! 1614 aber finden 50 der von Vincenz Fettmilch vertriebenen Frankfurter Familien hier Gastfreundschaft, bis sie wieder zurückkehren können. Umgekehrt wird um 1617 Rabbi Chanan aus Hanau zur Entscheidung schwieriger Fragen und Prozesse gelegentlich nach Frankfurt gerufen. 1627 eine wirkungslose antisemitische Welle: der 30jährige Krieg sei eine Strafe Gottes dafür, daß man die Juden in Hanau dulde! Um 1650 amtiert hier der bedeutende Rabbi Jair Chaim Bacharach, der nachher in Koblenz und in Worms wirkt. Zu seiner Zeit, 1655, bestätigt Graf Friedrich Kasimir den von den Neustädter Bürgern angeklagten Juden: „Wir haben ... befunden, daß der Juden Thun in diesem gemeiner Stadt und Landung nit allein nit entgegen, sondern beförderlich und nützlich sey". 1670 errichtet R. Jak. Simon Bosnis aus Prag eine Jeschiwa. Ihr entstammt der Grammatiker Salomon Hanau, der 1746 in Hannover starb. Auch eine hebräische Druckerei besteht lange Zeit hindurch. Noch zweimal wird Hanau Zufluchtsort für Juden: 1711 finden in der damals etwa 110 Familien zählenden Gemeinde viele Frankfurter, die der grosse Brand der Judengasse obdachlos gemacht hatte, vorübergehend Aufnahme; einige bleiben sogar. 1796 aber kommen 119 Familien, 729 Seelen, aus Frankfurt, Offenbach, Mainz, Darmstadt, Ehrenbreitstein, Limburg und noch weiter her auf der Flucht vor den Franzosen nach Hanau. Sie zahlen ein „Temporalschutz" - Geld von je 6 Gulden für je vier Wochen und Familie. Unter ihnen ist Meyer Amschel Rothschild. Die Gemeinde zählt damals rund 85 Familien in etwa 80 Häusern. In der Mitte der Gasse, die drei Tore hatte, stand auf der Südseite die Synagoge; am Nord-Ostende standen das Backhaus, das Schlachthaus, der Mehlspeicher, das Hospital oder Hekdesch, «.las bei der Bevölkerung Heck-Tisch (in Frankfurt Heck-Haus) hieß, und gegenüber der Synagoge ein besonders stattliches Gebäude als Rabbinerwohnung und Kinderschule; daneben die Mikwo. Neben der Synagoge lag die Feuerwache mit eigener Feuerspritze und einem Nachtwächter, den es bis 1830 gab. 1806 fallen die Ghettotore, aber erst etwa 30 Jahre später verlassen die Juden allmählich die Judengasse. Damals sind es 80 Familien, 1890: 600 Pers.. 1910: 650 Pers.. 1924: 500 Pers., April 1937: weniger als 300 Personen. Das Rabbinat verwaltet der bisherige, im Ruhestand lebende Rabbiner Dr. Gradenwitz. Der Beamte der Gemeinde, Lehrer, Vorbeter, Gemeindesekretär Weingarten wohnt Sandeldamm 14. Mittagstisch M. Klein, Langestrasse 28. — Sehenswürdigkeiten: Die Nordstrasse, frühere Judengasse, mit zahlreichen sehr schönen bunten Judenhäusern, besonders am Strassenknick, wo das noch in jüdischem Besitz befindliche alte Rabbinerhaus und die Synagoge einander gegenüberstehen. Die Synagoge, 1608 gebaut, 1845 erneuert, 1922 umgebaut, sehr würdiger Raum mit 190 plus 160 Sitzplätzen. Der freudig-barocke Umbau des Thoraschreins stand schon im ältesten Bau. In der westlichen Aussenwand eine rote Sandsteinplatte, aus deren Inschrift das Baujahr 1608 hervorgeht. Leider ist die Inschrift in Persianer, Fohlen usw. Große Auswahl. Mäßige Preise MuhigaV Kirchnerstrass« Telefon 26202 Samstags geschlossen 8