Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 11 (8.1937)
- Date
- 1937-08-01
- Page
- Seite 20 (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 20 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT No. 11 August 1937 Co * rsettenhaus S. LOHREN nur Zeil 85 Nutzen Sie die Vorteile im Sommer-Schluß-Verkauf Für die Frau Mitteilungen aus den Interessengebieten der Frau Beiträge und Zuschriften sind zu richten an Frau Stephanie Forchheimer. Frankfurt a. M., Schumannstr. 9 Nutzen Sie die Vorteile im Sommer-Schluß-Verkauf Schon jefyt! Noch haben sieh kaum die Schultore hinter hunderten in das Leben entlassener jüdischer Mädchen und Jungen ge* schlössen, noch haben für viele von ihnen die Fragen Iber Berufs* wähl keine befriedigende Lösung gefunden und schon glauben wir aufs Neue ein ernstes Wort an jene Eltern richten zu sollen, die Ostern 1938 Kinder ins Leben schicken müssen. Es bedarf keines Wortes darüber, wieviel schwerer von Jahr zu Jahr . die Entscheidung in diesen Fragen wird, wieviel enger der Lebensraum für unsere jüdische Jugend, wieviel opfervoller für uns, ihnen eine ordentliche Berufsausbildung zu geben. Das wissen alle, die, bis das Gesetz es ihnen unmöglich machte, den Eltern in der Frage der Berufswahl ihrer Kinder beratend zur Seite standen, das wissen die Eltern selbst und vor allem auch die Lehrer, die heute nach der Auflösung der jüdischen Berufsberatungsstellen.allein unter uns eine Möglichkeit haben, in dieser Frage auf Eltern und Kinder einzuwirken. Was aber wir alle nur allzu leicht übersehen, ist die Tatsache, dass wir diese überaus schwierigen Probleme mit 14iährigen Kindern zu überlegen haben, denen noch jede Reife fehlt, jede Gabe, die Dinge in ihrer ganzen Tragweite zu sehen, bei welchen vielfach weder der Berufswunsch, noch die Berufsberatung sieh endgültig herauskristallisieren konnte. Das aber gerade ist es. was wir uns immer wieder vor Augen halten müssen, wenn wir den letzten Jahrgang der Volksschule vor uns haben. Viel mehr als in früheren Jahren und bei früheren Generationen, die in ihrer Mehrzahl erst mit dem 16. Lebensjahr oder später die Berufswahl treffen mussten, ist es notwendig bei diesen Kindern ganz sachlich und nüchtern, aber mit dem ganzen Gewicht des Ernstes der Frage während des letzten Schuljahres die BerufsfTagen zu besprechen. Es genügt nicht, an die Kinder erst, nach den Weihnachtsferien die Frage zu richten, was sie werden wollen, es genügt auch nicht erst wenn die Fragebogen der zuständigen jüdischen Organisationen einlaufen, die Kinder auf ihre Berufsbegabung hin zu beobachten. Sondern es gehört mit zu den verantwortungsvollsten Aufgaben jener Lehrer, denen die 1938 zur Schulentlassung Kommenden anvertraut sind, im Rahmen des Lebenskunde-Unterricht die Berufsprobleme auf breitester Basis zu behandeln und diese Kinder auf den so schwierigen Uebers gang in's Leben vorzubereiten. Vor allem auch unsere Mütter, die wehen Herzens ihre Kinder frühzeitig aus der Sorglosigkeit und TJngetrübtheit der ersten Jugendiahre scheiden sehen, müssen wissen, dass es eine falsche Schonung wäre, wollten sie ihren Kindern den Ernst der Entscheidung und die Schwere der Verantwortung der Berufswahl künstlich möglichst lange vorenthalten. Die Zeit verlangt von uns Härte auch den Kindern gegenüber. Sie fordert aber von uns in diesen Dingen auch einen ganz klaren Blick für die Gegebenheiten, ein Freiwerden von aller Sentimentalität und von allen alten Vorurteilen.' Das gilt im ganz besonderen Masse hinsichtlich der Berufsentscheidung für unsere Mädchen. Wir begegnen leider noch viel zu häufig bei unseren Müttern der völlig abwegigen Ueberlegung, daß das Mädchen nicht nötig habe etwas zu lernen, dass im Gegensatz zum Sohne für die Berufsausbildung der Tochter kein Geld aufgewendet werden müsse, notfalls könne es im-Haushalt immer noch ein Unterkommen finden. Dass aber selbst diese Tätigkeit in der Hauswirtschaft eine gründliehe Ausbildung erfordert, wenn das Mädchen nicht auf der untersten sozialen Stufe verharren soll, dass die Begabung manches Mädchens zu ganz anderen Gebieten hin neigt und brach gelegt werden würde, wenn es einer Haushaltstelle zugeführt werden müsste, das überlegen viele unserer Mütter nicht, oder wollen es nicht einsehen, weil sie entweder aus falscher Sentimentalität die .Töchter möglichst lange zu Hause festhalten wollen, oder das Opfer, welches jede gründliche Berufsausbildung heute fordert, hinsichtlich der Tochter für überflüssig erachten. Unsere Frage „Schon jetzt?" ist -also unbedingt zu bejahen. Weder die Schule, noch die Jugendbünde, noch das Elternhaus dürfen mit der grundlegenden, geistigen und psychischen Vorbereitung der jungen Menschen auf die Berufswahl bis zu den letzten Wochen vor Schulschluss warten, ganz besonders aber haben die Frauenorganisationen neben dieser allgemeinen Verpflichtung die Aufgabe,, die Mütter in. der Richtung zu beeinflussen, daß auch für das Mädchen die beste Berufsausbildung gerade gut genug ist, daß hinsichtlich Berufsziel und Berufsinhalt mehr als je heute das Nietzsche-Wort gilt „Töte den Helden in Deiner Seele nicht, halte heilig Deine höchste Hoffnung". Dr. Henny Stahl Eine jüdische Antigone Von allen jüdischen Menschen, die sich in diesen Jahren einmal in das milde Reich der griechischen Antigone versenkten, ist immer wieder betont worden, daß der Grieche Sophokles in der Gestalt der heldenhaften Jungfrau eine Gestalt geschaffen habe, „die jüdischem Denken bis heute geradezu verwandtschaftlich nahe geblieben ist" (Sinsheimer). Der hellenische Mythus und die dichterische Auffassung eines grossen griechischen Dichters — so hieß es — treibe ihn hier ganz nahe an den jüdischen Denk- und Kulturkreis heran: Dienst am toten Bruder, Pietät gegen die Bindungen der Familie ebenso wie gegen die Bindungen der Religion... Nirgends aber fand ich einen Hinweis darauf, daß Gestalt und Schicksal der Antigone sich in unserem jüdischen Schrifttum wieder findet: in unserem „portativen Vaterland", wie Heine sagte, der Bibel. Es ist merkwürdig, die beiden Gestaltungen desselben Stoffes zu vergleichen. Diese unsere jüdische Antigone heisst R i z p a h und ist eine Nebenfrau des unglücklichen Königs Saul, dessen Glück und Glanz sie überlebt. Ihre Söhne sind von dem jungen Sieger, von dem neuen König David, wegen einer Blutschuld ihres Hauses an die Gibeoniter ausgeliefert und von den Gibeonitern hingerichtet worden. Und da — so steht im 2. Buche Samuel — tat die Mutter der Toten, was Antigone getan hat: Da nahm Rizpah, Tochter Aja§, die Sackleinwand und spannte sie sich über dem Feld auf, vom Erntebeginn an bis Wasser vom Himmel auf sie nieder flösse — siegab nicht zu, daß der Vogel des Himmels auf ihnen ruhte bei Tage noch das Wild des Feldes bei Nacht. Hier aber endet schon die Aehnlichkeit der beiden Geschehnisse. Denn David ist kein Kreon. Als er erfuhr, was Rizpah getan hatte, ließ er zunächst die Leichen der beiden Söhne begraben. Dann ließ er die Gebeine Sauls und Jonathans holen und sie im Erbbegräbnis ihrer Sippe beisetzen. Erst damit aber, so fährt die Schrift fort, ist Gottes Gebot erfüllt. Nun wird der Fluch der Dürre, unter dem das Land schmachtete, von ihm genommen — und der Regen beginnt zu strömen. Als sie alles getan hatten, was der König gebot, danach Hess Gott sich dem Lande erflehn. Nicht durch die strenge Wahrung des Rechts, wie sie sich in der Blutrache der Gibeoniter zeigt, sondern durch die menschliche Tat der Rizpah, die bei den Leichen ausharrte auf dem Felsen, wird der Fluch vom Lande genommen. Gott ist auf Seiten der Frau, die das „Mass des Gesetzes" durch das „Mass des Erbarmens" überwindet. Das ist unsere jüdische Antigone. Bertha Badt-Strauss r k LEONA L A 1 Fü J llhalter / Papier / Drucksachen / Schulartikel Füllhalterklinik LEO NATHAN Schillerstr. « ft&J?S& L E LEONA N A