Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Journal
- Gemeindeblatt der Israelitischen Gemeinde Frankfurt am Main
- Volume
- 15 (1936-1937)
- Issue
- 11 (8.1937)
- Date
- 1937-08-01
- Page
- Seite 2 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 JÜDISCHES GEMEINDEBLATT FÜR FRANKFURT No. 11 August 1937 verschieden in den einzelnen Ländern infolge der verschiedenen Sprachen, aber doch auch infolge der andersartigen Entwicklung der Sache die Bezeichnung dieser Sache sein kann. . „Organisierte Religion" ist für den deutschen Sprachgebrauch nicht möglich. Die Wirtschaft,. die Gesellschaft lässt sich organisieren, nicht aber die Religion. Gemeint ist vielmehr die Religion als ein überkommenes Ganzes^ von Glaubenswahrheiten, Geboten, Gesetzen, Einrichtungen, Sitten und Gebräuchen, Reliligion darum, die — ihrem Ursprung nach geheimnisvolle göttliche Offenbarung — gelehrt und gelernt, empfangen und überliefert werden kann und soll. Aber auch „modernes Leben" ist ein Ausdruck, den wir nicht ohne Modifikation übernehmen möchten. „Modern" klingt unserem Ohr zu sehr an Mode an, die als solche dem jeweils wechselnden Geschmack der Zeit unterworfen ist. Zwischen einem so verstandenen „modernen" Leben und der Religion als Erbe von Jahrtausenden gibt es kein „und", keine Verbindung, kaum eine Beziehung. Religion ist immer unmodern, unzeitgemäß, weil ewig — es sei denn eben, daß sie „organisiert", d. h. für einen bestimmten, zeitgebundenen, praktischen Zweck von Menschen künstlich geschaffen und eingerichtet wäre. Unter „modernem Leben" verstehen wir vielmehr in diesem Zusammenhang das Leben, wie wir Juden es in dem oder jenem Lande, unter diesen oder jenen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen, unter geistigen und moralischen Einflüssen, die wir nicht abwehren können oder wollen, in der Gegenwart fuhren. Zwischen solcher Religion und solchem Leben bestehen Spannungen. Der gesetzestreue Jude glaubt sie zu überwinden, indem er — zum mindesten der Absicht nach — die Gesetze des Lebens den Gesetzen seiner Religion unterwirft. Der liberale (nicht der Fortschritts-, nicht der Reform-) Jude lässt die Spannung, die er als notwendig und fruchtbar erkennt, bestehen und sucht jedem der beiden, der Religion und dem Leben, ihr Recht zu geben, daß das Leben ein religiöses Leben und die Religion eine lebendige Religion werde. Wie sich dieser Ausgleich zwischen den beiden fordernden Mächten vollziehen lasse, das ist die immer neu sich stellende Aufgabe, die das liberale Judentum theoretisch und praktisch je und je zu lösen unternimmt. Auch die Amsterdamer Konferenz stand im Zeichen dieser Aufgabe. Der erste Verhandlungstag, den Rabbiner Dr. Seligmann mit einem schönen, gedankenvollen Gebet einleitete, war von drei Referaten über das genannte Thema ausgefüllt. Rabbi Ferd Isserman (St. Louis, USA.) erörterte es nach seiner universalistischen Seite; er forderte das Zusammengehen von Judentum und Christentum für die Verwirklichung der prophetischen Idee sozialer Gerechtigkeit unter den Ständen, Nationen und Religionen der Erde. Rabbiner Dr. Manfred Swarsenski (Berlin) wandte sich ausschliesslich den inner jüdischen Fragen zu; die jüdische Religion ist in der kehilla kedoscha organisiert, die weder eine politische noch eine blosse Kultusgemeinde ist; ihre traditionellen Arbeitsgebiete: Thora, awoda und gemillut chassadim (Unterricht, Gottesdienst und soziale Fürsorge) sind entsprechend den Anforderungen und Möglichkeiten unserer Zeit auszubauen, die Organisation der Gemeinden ist systematisch zu einer Organisation der Gemeinschaft zu erweitern. Rabbi L. Edgar (London) endlieh sprach von den besonderen Sorgen der jüdischen Jugend, die von der sozialen Bewegung vielfach so stark beansprucht werde, daß nur ein grundsätzlicher Wandel in der Erziehung und eine Durchdringung des Gemeindelebens mit religiösem Geiste sie wieder zur Religion zurückfuhren könne. Die Debatte über die Referate ging trotz einzelner beachtlicher Anregungen, Fragen und Einwände am Kern des Problems vorbei, nicht zum wenigsten deshalb, weil die angelsächsischen Redner (und bezeichnenderweise mehr noch die englischen als die amerikanischen) auf praktische Vorsehläge, die aus Deutschland kommenden auf eine vorherige Klärung der Begriffe drängten. Der zweite Tag brachte eine Reihe von Berichten über die Entwicklung des religiösen Liberalismus in den einzelnen Ländern. Das grösste Interesse erregten naturgemäß die Berichte über Palästina und Hollarid. Den ersteren erstattete Rabbiner Dr. Diene mann, der sich dabei auf seinen unvergessenen Vortrag von der vorjährigen' Tagung in London bezog. Was in Haifa durch Rabbiner Dr. Elk und in Jerusalem durch Rabbiner Dr. Wilhelm an religiösem Gemeindeleben unter grossen Mühen und Opfern aufgebaut wird, fand die einmütige Anerkennung der Versammelten, die später in einem Beschluß zur tatkräftigen finanziellen und ideellen Unterstützung der palästinensischen Gemeinden zum. Ausdruck kam. Die beiden holländischen Gemeinden im H,äag und in Amsterdam haben, wie der Rabbiner der letzteren, Ludwig Mehler,, in Uebereinstimmung mit zwei weiteren Referenten von dort ausführte, gegenüber.der herrschenden Orthodoxie einen schweren Stand. Nicht als ob die holländischen Juden alle gesetzestreu lebten. — von derüberwältigenden Mehrheit gilt das Gegenteil. Aber sie, und insbesondere ihre Rabbiner, wehren sieh mit allen Mitteln dagegen, daß die seit langem bestehende Einheit der Gemeinde durch einen „separatistischen" Liberalismus gebrochen wird, noch dazu von einer Gruppe, die grösstenteils aus Zugewanderten sieh zusammensetzt. Aber wer von dem engen gemeindepolitischen Standpunkt abzusehen vermag, muß zugeben, daß das Fehlen eines, ihnen zusagenden Gottesdienstes und mehr noch der Mangel eines pädagogisch guten, dem Elternhaus Rechnung tragenden Religionsunterrichts (Religionsunterricht ist in Holland nicht Gegenstand der öffentlichen Schulen) den Liberalen einen Anspruch auf eigene religiöse Einrichtungen gibt. Nicht der Wunsch sich abzusondern und gewiß nicht die Absicht, "der Orthodoxie Kampf anzusagen, sondern „die seelische Not einer jüdischen Mutter" — dies wurde festgestellt —'.hat den Gedanken einer religiös-liberalen Gemeinde in diesem Lande geboren. Die Amsterdamer Gemeinde ist im Wachsen begriffen, sie hat ihren - Rabbiner und seit kurzem eine eigene und eigenartige Synagoge mit regelmässigem Gottesdienst, die an den Sabbaten gut besucht, an den Feiertagen überfüllt ist. Sie wird sich dank dem guten Willen und dem tätigen Eifer ihrer Führer und Mitstreiter allmählich durchkämpfen. Und wenn nicht alle Zeichen trügen, wird auch die Orthodoxie davon Gewinn haben, erkennt und bekennt sie doch schon jetzt, daß sie infolge ungestörter Gewohnheit es an manchem hat fehlen lassen. In der neuen Synagoge an der Tolstraat fanden an dem Sabbat, der den Konferenztagen voranging, Gottesdienste mit Chasan, Orgel und Chor statt, deren Liturgie sich im Wesentlichen an das liberale Einheitsgebetbuch hielt, nur dass die wenigen deutschen Gebete auf holländisch gesprochen wurden. Freitag Abend predigte Rabbiner M e h 1 e r im Anschluß an die Haftara, die Berufung Jeremias zum Propheten, über den schweren Kampf, den die jüdische Gemeinschaft zu führen hat. Es gilt zu handeln und •zu reden, nicht gegen Andersdenkende, sondern für die gemeinsame Religion, nach deren verpflichtender Autorität irisbesondere die Jugend wieder verlangt. In ähnlichem Sinne sprach am gleichen Abend Rabbi M a 11 u c k (London), einer der Führer der World Union, im Betsaal der Haager Gemeinde. Die Festpredigt am 1" Sabbat-Vormittag hielt in der Amsterdamer Synagoge Rabbiner Dr. Salzberg er. Er wählte zum Thema die Erhaltung des Werkes Moses, indem er die Erzählung der Sidra von der Wahl Josuas als Nachfolger des Propheten zugrunde legte. Ein Mann von eigenem Geist, der zugleich den verschiedenen^ Geistern gerecht wird, ein Mann von freiem Geist, der dochvdem überlieferten heiligen Erbe die Treue hält, er ist der religiöse Führer, dessen heute die jüdische Gemeinde bedarf, soll sie nicht werden „wie eine Herde ohne Hirten". Am Sabbat-Nachmittag fand sich eine zahlreiche Versammlung im Festsaal des Amstel-Hotels ein, um im Rahmen einer Oneg Schabbat-Feier mit Ansprachen und religiösen Liedern einen Vortrag des Herrn R. J. Spitz (Amsterdam) über „Rembrandt, Amsterdam und die Juden" zu.hören. Ueber die Geschichte der Amsterdamer Juden selbst belehrte in einem Abendvortrag Prof. Dr. J. E1 b o g e n von der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" in Berlin. Nebenher gingen Sitzungen und Zusammenkünfte der theologischen und der nichttheologischen Jugend. Am ergiebigsten dürfte die Aussprache innerhalb der sogen. „Autoritätskommission" gewesen sein, die vor einem Jahr begründet, das Problem von Autorität und Freiheit innerhalb der Religion zu lösen sich vorgesetzt hat. Die Aussprache unter Leitung von Rabbiner Dr. Dienemann, bewegte sich diesmal um die Fragen nach dem Begriff der Tradition, der . Ueberlieferung nicht nur der Formen, sondern auch des Inhalts, nach dem Verpflichtungsgrund und den Grenzen der Tradition. Auch hier verlangten die englischen Delegierten praktische Normen. Wie ernst die religiöse Jugend um die Seele der religionsfremden ringt, bewies ihr internes Gespräch, das nach weiterer Klärung und Vertiefung in persönlicher Begegnung verlangte. Ausserhalb der sich drängenden Sitzungen stand eine gesellige Veranstaltung, zu der die Gemeinde im Haag und ihr Vor- ' sitzender, Herr Levisson, die Delegierten für Sonntag Abend nach dem Hotel Witebrug in Scheveningen eingeladen hatte. Die Gastlichkeit der Holländer empfanden alle Gäste, insbesondere die aus Deutschland, wohltuend und dankbar auch in den Familienhäusern, in denen sie für die Tage der Konferenz wie gute Freunde aufgenommen wurden. Einige werden noch Zeit